| Kapitel
1-4 |
Kapitel 5 |
Kapitel
6 |
Kapitel 7 |
| Kapitel 8 | Kapitel
9 |
Epilog
|
Disclaimer: Das Hogwarts-Universum und seine Figuren sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling. Die Autorin, Dyce, und ich haben es uns nur ausgeliehen. Die Geschichte und der Apotheker gehören Dyce, mir nur ein paar Formulierungen :o).
Ü/N
Ein riesenriesengroßes Dankeschön an meine
unermüdliche und phantastische Beta, TheVirginian!
Reviews werden dankend entgegengenommen und an die Autorin
weitergeleitet.
oOoOo
Severus erwachte reichlich angeschlangen und brauchte einen Moment, um sich an die Geschehnisse des gestrigen Tages zu erinnern. Er schluckte trocken, als sein schmerzhaft leerer Magen erneut zu rebellieren begann. Am Ende der Verhandlung war ihm übel geworden, und so beschämend das auch gewesen war, so froh war er doch um Dracos Gegenwart gewesen, der ihm zu den entsprechenden Örtlichkeiten geholfen hatte. Obwohl die Verhandlung schmerzlich gewesen war, spürte er dennoch eine leichte, aber beständige Erleichterung. So mochte sich jemand mit einer furchtbar infizierten Wunde fühlen, nachdem der Eiter abgeflossen war... blieb die Wunde verschlossen, waren der Schmutz und das Gift darin zwar verborgen. Doch nur wenn man beides offenlegte, konnte man es heilen.
Severus runzelte die Stirn. Dieser letzte Gedanke war regelrecht rührselig. Er öffnete sein Auge mit der festen Absicht, sich nicht weiter in melodramatischen Gedanken über Eiterung zu ergehen.
Ein Blick zum winzigen Fenster zeigte, daß es bald dämmern würde. Der Himmel war von einem blassen Azurblau, aber zu dämmerig, als daß die Sonne schon aufgegangen wäre. Er wandte den Kopf in die andere Richtung und blinzelte überrascht. Hermine hatte sich in einen bequemen Sessel neben ihm gekuschelt, mit untergeschlagenen Füßen und offenem Haar, und starrte gedankenverloren aus dem Fenster, eine Strähne ihres Haares zwirbelnd. Seine Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit.
„Guten Morgen. Wie geht es Ihnen?“
„Ich lebe noch“, gab er trocken zur Antwort, und versuchte gar nicht erst, darüber erfreut zu wirken. „Und selbst?“
„Mehr oder weniger genauso“. Sie stieß einen resignierten Seufzer aus. „Der gestrige Tag war – man könnte es 'emotional erschöpfend' nennen. Anderseits wäre es schade, die Gelegenheit, 'alptraumhaft' zu sagen, nicht zu nutzen.“
„Ich hätte 'schmerzlich und erniedrigend' genommen, aber Ihre Wortwahl ist mindestens ebenso passend“, gab er zu und betrachtete sie aufmerksam. Sie wirkte nicht anders als sonst, als sie ihn in Percys Wohnung brachte und ihm in dessen Gästezimmer aus der Kleidung und zu Bett half. Doch nun hatte sie Zeit gehabt, sich noch einmal alles durch den Kopf gehen zu lassen. Obwohl er davon überzeugt war, daß sie, was ihn anbetraf, bisher mehr oder weniger richtig vermutet hatte, hatte sie ihn nie gefragt, was in dieser Nacht wirklich passiert war, und er hatte es ihr nie erzählt. Wie mochte sie nun von ihm denken? Besser? Schlechter?
„Ihre ebenfalls“, lächelte sie müde. Er konnte keine Veränderung in ihrem Betragen feststellen.
„Möchten Sie wissen, wie es ausgegangen ist, oder möchten Sie erst eine Tasse Tee?“
Er überlegte. Einerseits wollte der das Schlimmste lieber sofort wissen. Anderseits... wenn sie ihm Tee holen ging, hätte er noch einen Moment Zeit, um sich zu wappnen. Dieses leise gemurmelte Gespräch in der Morgendämmerung, beunruhigend ehrlich und fast schon intim, bereitete ihm ein heimliches, beinahe unheiliges Vergnügen.
„Erst den Tee.“ Severus machte ein säuerliches Gesicht.
„Vernünftige Entscheidung“, stimmte Hermine zu und stand ungelenk auf, steif von den Stunden, die sie an seinem Bett sitzend verbracht hatte. „Ich bin gleich wieder da. Und versuchen Sie bitte nicht, alleine aufzustehen. Sie haben seit über vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Ich möchte nicht, daß Sie zusammenklappen.“
Er starrte ihr trotzig nach. „Rechthaberische Göre“, murmelte er leise. Sie hatte natürlich vollkommen recht, aber er legte keinen Wert darauf, daß man ihm das vor Augen führte. Er hätte sich ihr schon aus Prinzip widersetzt, wenn er nicht allzugut wüßte, daß sie ihm dann wieder ins Bett hätte helfen müssen – was noch weitaus würdeloser war. Immerhin – ihre Nachtwache an seinem Bett mochte als töricht oder sentimental gelten, doch er nahm sie als gutes Zeichen. Das konnte doch nur bedeuten, daß sie ihn nun nicht haßte. Oder vorhatte, ihn zu verlassen.
Die Kissen flogen aus dem Bett, als er sich kerzengerade aufsetzte. Was hatte er da gerade gedacht?
Er wollte nicht, daß Hermine ihn verließ.
Statt sich darüber zu grämen, daß er so langsam genas und noch weit davon entfernt war, sie hochkant hinauswerfen zu können, war er fast dankbar für seine langsame Rekonvaleszenz, weil sie so länger bei ihm blieb. Wie, um Merlins Willen, hatten sich seine Gefühle so vollkommen verändert?
Oh Gott. Er hatte doch hoffentlich nicht irgend etwas unsäglich Sentimentales getan, oder? Die Anstrengung des gestrigen Tages und ihr liebenswürdiges Kümmern um ihn hatten bei ihm doch hoffentlich nicht zu einer erbarmungswürdigen Vernarrtheit geführt, oder etwa doch? Wenn doch, dann gehörte er umgehend nach St. Mungos, in die vierte Etage. Dort gab es eine hübsche geschlossene Abteilung, in der er gut aufgehoben war, bis er sich vom Verlust seines Verstandes erholt hatte.
Er analysierte seine Gefühle mit einer gewissen Unruhe. Konnte er denn ohne sie leben? Zweifellos. Sehnte er sich etwa danach, jede Minute mit ihr zu verbringen? Nicht besonders. Hatte er das Bedürfnis, ihre diversen Körperteile in mehr oder weniger süßlicher Dichtkunst zu besingen? Auf keinen Fall. Erfüllte ihn die Vorstellung von ihr mit einem anderen Mann zusammen mit Wut und/oder Verzweiflung? Er beschwor ein entsprechendes Bild mit Percy Weasley als sich anbietendem Statisten herauf. Nein, nichts dergleichen.
Severus sammelte seine Kissen ein, stopfte sie sich wieder ins Kreuz und lehnte sich zurück, die Stirn nachdenklich gerunzelt. Soweit er das beurteilen konnte, zeigte er keine Anzeichen von irgendeiner Verliebt- oder Vernarrtheit. Er hatte ausreichend Zeit mit hormongesteuerten Teenagern verbracht, um die Anzeichen zu erkennen. Warum mißfiel ihm dann der Gedanke, daß sie weggehen könnte, so sehr? Warum war Hermine Granger ihm auf einmal so wichtig geworden? Was bot sie ihm Besonderes? Konzentriertes Nachdenken brachte ihn schließlich darauf: Kameradschaft.
Hermine war intelligent, beredt und, teilweise dank seiner Lehrtätigkeit, gebildet. Sie konnte sich über eine ganze Menge Themen verständig und schlüssig austauschen und hatte keine Probleme, dem Niveau seiner Konversation zu folgen. Sie hatten viele gemeinsame Interessen, über die sie sich beide mit erfreulicher Sprachgewandtheit unterhalten konnten. Sie hatte keine Probleme mit seiner schlechten Laune, während er die seltenen Gelegenheiten, bei denen sie selbst launisch reagierte, sogar begrüßte: der sich daraus ergebende Streit amüsierte ihn jedes Mal. Sie arbeiteten gut zusammen an den Tagen, an denen es ihm gut genug ging, um sich ihr im Labor anzuschließen. Er schätzte ihren trockenen Humor, auch wenn er das selten zeigte, und – er vertraute ihr.
Der letzte Gedanke überraschte ihn ein wenig, doch es stimmte. Hermines Urteil war in der Regel vernünftig, ihre Arbeit beständig. Sie war ehrlich, von einwandfreier Moral und einer der zutiefst guten Menschen, die er je getroffen hatte. Auch wenn er diese Charakteristika selbst nicht zeigte, bewunderte er sie an anderen. Und Hermine hatte oft genug einen spitzfindigen, raffinierten Zug an sich, der ihre guten Eigenschaften ausglich und sie davor bewahrte, ihm auf die Nerven zu gehen.
Kurz gesagt, sie war ihm eine Freundin, eine Kameradin. Jemand, der an ihm Anteil nahm, mit dem er reden und Zeit verbringen konnte. So eine Freundschaft hatte er noch nie erfahren, und der Gedanke, diese zu verlieren, oder sie zu verlieren, erschreckte ihn. Und auch wenn er keiner gefühlsduseligen Schwäche erlegen war und – welch entsetzlicher Gedanke – keine Schülerverliebtheit für das Mädchen entwickelt hatte, mußte er doch zugeben, daß er sie gern um sich hatte und wollte, daß sie blieb.
Das bedeutete, daß er sich etwas einfallen lassen mußte. Irgend etwas, das seine ursprüngliche Ablehnung ihrer Gegenwart umkehrte, ohne daß er sentimental wirkte oder zu kapitulieren schien. Hermine war zudem niemals so einfach zu manipulieren gewesen wie die meisten Gryffindors... er würde sehr vorsichtig sein müssen, um keinen Verdacht zu erregen.
Da er die Situation nun zu seiner Zufriedenheit analysiert hatte, konnte er wieder entspannen, gerade als Hermine zurückkam, ein Teetablett wie ein gehorsames Haustier hinter ihr herschwebend. Gerade rechtzeitig... sie hatte die erschreckende Fähigkeit, immer zu ahnen, wenn ihm etwas zu schaffen machte, und er hatte keine Lust, sich jetzt von ihr die Würmer aus der Nase ziehen zu lassen.
Wobei er zugeben mußte, daß sie das noch nie getan hatte. Tatsächlich hatte sie ihm verwirrenderweise kaum eine Frage gestellt, seit sie nach Spinner's End gekommen war.
„Mr. Weasley hat gestern Abend eine Eule geschickt, als Sie bereits schliefen“, berichtete sie und reichte ihm eine Tasse Tee mit Zitrone. „Die Verhandlung hat nach unserem Weggang nicht mehr lange gedauert. Minister Scrimgeour hat aus unerfindlichen Gründen nach unserer Befragung den Geschmack an Effekthascherei verloren.
„Vermutlich, weil wir ihn wie einen kompletten Narren haben dastehen lassen“, meinte Severus trocken und nippte an seiner Tasse. „Ihr Auftritt war bewundernswert.“
„Ihrer war ebenfalls nicht zu verachten“, lächelte Hermine. „Sie geben einen guten Schauspieler ab.“
Sie schüttelte den Kopf und strich sich ihr unordentliches Haar gedankenverloren aus dem Gesicht. „Bellatrix wurde verurteilt, kaum daß die weniger spektakulären Zeugen ihre Aussage gemacht hatten.
„Höchst ungewöhnlich für einen Schauprozeß“, stimmte Severus ihr mit dem gleichen verbitterten Gesichtsausdruck zu, den sie zur Schau trug.
„Hat Arthur gesagt, wie das Urteil lautet?“
„Schuldig an mehrfachem Mord, Folter, Spionage und schließlich Hochverrat.“
Hermine sah in ihre Tasse. „Da es keine Dementoren mehr gibt, die den Verurteilen die Seele aussaugen können, mußte Scrimgeour das einzige Delikt herannehmen, für das er die Todesstrafe verhängen kann.“
Severus schluckte trocken und nickte. Das kam als ein Schock. Es war in der Zauberergesellschaft nie üblich gewesen, Todesurteile zu verhängen... Seelen zu zerstören und Erinnerungen zu vernichten und Ähnliches, ja, aber meist waren sie zu zimperlich für tatsächliche Tötung.
„Wann?“, wollte er wissen.
„Mittags. Es wird keine öffentliche Veranstaltung sein, aber jeder, dem sie etwas angetan hat, hat das Recht, der Vollstreckung des Urteils beizuwohnen.“ Sie rührte in ihrer Tasse.
„Neville geht hin. Er meint, daß er erst glauben kann, daß sie tot ist, wenn er es selbst gesehen hat.“
„Das kann ich mir vorstellen.“ Severus nahm einen Schluck in der Hoffnung, daß dieser seinen Magen ein wenig beruhigte. „Möchten Sie hingehen?“
Hermine schüttelte den Kopf. „Nur wenn Sie ebenfalls möchten. Ich würde Sie auf jeden Fall begleiten, aber – nein. Ich lege wirklich keinen Wert darauf, dabei zu sein. Ich habe genug Tod gesehen.“
„Ebenso wie ich. Nein, ich habe ebenfalls nicht den Wunsch, zuzusehen.“ Er lehnte sich in seine Kissen zurück und betrachtete gedankenverloren seine Hände.
Wieder flogen die Kissen fort, als er sich erneut abrupt aufsetzte und seine Teetasse gerade noch retten konnte. Erst jetzt bemerkte er, daß er ein hellgraues, blaugestreiftes Nachthemd trug, das ihm nicht gehörte. Nicht so weit und voluminös war wie seine eigenen und – wie er mit einer Bewegung eines Beines feststellte – deutlich kürzer.
„Was zum Teufel -“ er starrte sie schockiert an. „Haben Sie etwa...“ er verstummte, nicht in der Lage, seine Befürchtung laut auszusprechen.
Hermine lief rosa an. „Es ist eines von Percy“, erklärte sie. „Ich wollte Sie nicht in Ihrer Kleidung schlafen lassen und habe Ihre Robe mit einem Austauschzauber durch das Hemd ersetzt. Mit geschlossenen Augen“, fügte sie hinzu und wurde noch röter.
Severus merkte, daß er selbst ein wenig rot geworden war. „Äh, gut“, sagte er lahm. Er war dankbar, daß sie nicht geschaut hatte. Dieser Versuchung hätten wohl nur wenige widerstehen können, doch sie schien zu verstehen, wie unangenehm es ihm war, in irgendeiner Weise entblößt zu werden.
Immerhin, dieser Augenblick banaler Verlegenheit hatte geholfen, die Spannung etwas zu mindern, unter der sie beide standen. Hermine stopfte ihm mit einem Schwung ihres Zauberstabs die Kissen wieder hinter den Rücken. Er lehnte sich seufzend zurück. Er war noch immer sehr erschöpft, vielleicht, weil er so lange nichts gegessen hatte.
Hermine schlürfte ihren Tee, bis beide wieder ihre normale Gesichtsfarbe hatten.
„Da wir schon in London sind, sollte ich einen Ausflug in die Winkelgasse machen“, überlegte sie laut. „Unsere Vorräte sind fast verbraucht – und der Apotheker macht früh auf. Bei Flourish und Blotts möchte ich auch noch vorbeischauen. Brauchen Sie irgend etwas?“
Severus schüttelte den Kopf. „Im Moment nicht, danke“. Er konnte sich im Moment höchstens zwei oder drei Seiten leisten, aber kein ganzes Buch. Nicht daß er vorhatte, das ihr gegenüber zuzugeben.
Sie nickte. „Gut. Ich brauche vermutlich an die zwei Stunden, danach kehren wir nach Hause zurück“, entschied sie. „Percy ist zuhause, falls Sie etwas brauchen oder sich langweilen.“
Severus war entrüstet. „Ich kann ohne jedes Problem ein paar Stunden alleine zurechtkommen. Ich brauche kein Kindermädchen!“
„Natürlich nicht“, erwiderte Hermine besänftigend. „Aber Sie langweilen sich, wenn Sie nichts zu tun haben. Percy wird Ihnen sicher gerne etwas zu lesen geben, und er spielt weitaus besser Schach als ich.“
Sie lächelte reumütig. Sie hatten ein paar Mal Schach gespielt, doch sie war kaum mehr als eine durchschnittliche Spielerin. Ihr Hang, nur eine einzige Lösung für ein Problem zu sehen, versperrte ihr den Blick auf andere Wege.
„Er kann kaum schlechter sein“, meinte Severus gleichmütig. Sie spielte im Grunde nicht schlecht, war nur eingefahren und ungeübt. Er war davon überzeugt, daß sie es mit der Zeit besser können würde. In der Zwischenzeit wäre die eine oder andere Herausforderung natürlich begrüßenswert – und er hatte Percy Weasley immer gemocht, so wie die meisten seiner Schüler. Der Junge hatte hart gearbeitet, die Regeln befolgt und hatte sich immer an die Sicherheitsvorschriften gehalten. Züge, die er selbst schätzte.
„Gut. Ich sage ihm Bescheid, daß Sie ihn mit einer vernichtenden Niederlage beglücken werden.“ Hermine lächelte. „Und jetzt gehe ich Frühstück machen. Sie müssen am Verhungern sein, ich jedenfalls bin es.“
oOoOo
Bei Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen war seit dem Ende des Krieges mehr los als je zuvor. Hermine brauchte eine ganze Weile, um sich durch die Menge zu Fred durchzukämpfen, der die Vorzüge einer neuen Produktlinie pries: Nachtmützen, die dem Schläfer für eine Woche jede Nacht einen anderen guten Traum verschafften und danach zufällig einen der sieben Träume auswählten, bis der Zauber verbraucht war.
„Fred?“ Er hörte sie nicht. Lächelnd lehnte sie sich über die Theke und stupste ihn in die Seite. „FRED!“
„Was?“ Er drehte sich um und strahlte auf. „Hermine!“ Rasch winkte er einer hübsche Blondine in leuchtend pinkfarbener Robe, zu übernehmen, und schob Hermine ins Hinterzimmer. Hier war es ruhiger.
„Hermine, was machst du denn hier? Ich meine, es ist irre, dich zu sehen und so... GEORGE!“ brüllte er die Treppe im Hintergrund hoch, „KOMM RUNTER!“
George, leicht zerzaust, wie Hermine amüsiert feststellte, kam die Treppe heruntergerannt, eine gutaussehende Brünette im Schlepptau. „Fred, was ist – Hermine!“ Er umarmte sie mit einem freudigen Strahlen. „Wie schön, dich zu sehen!“
Hermine warf der anderen Hexe einen Blick zu, worauf diese errötete und in den Laden verschwand. „Habt ihr auch noch eine Rothaarige irgendwo, um die Sammlung zu vervollständigen?“ fragte sie trocken.
„Nö. Das wäre ja, als würde man jemanden aus der Familie knutschen“, grinste George. „Was führt dich her?“
„Auf die Idee, daß ich euch einfach sehen wollte, kommt wohl keiner von euch, was? Oder wissen, wie sich euer Laden macht?“ Hermine warf ihnen einen gespielt vorwurfsvollen Blick zu.
Fred und George sahen sich an. „Nein“, meinten sie gleichzeitig.
„Wir waren gestern auf der Verhandlung“, erklärte Fred. „Du hast uns wahrscheinlich nicht bemerkt. Daher denken wir, daß du heute höchstwahrscheinlich keine reinen Höflichkeitsbesuche machst.“
Hermine nickte. „Und ihr kriegt keine Zustände über die Gesellschaft, in der ich mich momentan befinde?“, wollte sie argwöhnisch wissen.
Diesmal schüttelte George den Kopf. „Nein. Gut, wir mochten ihn nie, und ich gebe zu, daß wir ihm mehr als nur Grund gegeben haben, uns zu verabscheuen. In unseren Augen ist er ein armseliger Wicht, aber wenn er UNS nicht umgebracht hat, als er die Möglichkeit dazu hatte, kann er einfach nicht vollkommen böse sein.“
„Und wir haben seine Aussage gestern gehört“, fiel Fred ein, „und haben ihn gesehen. Wir wußten nicht, daß er so übel zugerichtet worden ist.“
„Außerdem überrascht es uns kein bißchen, daß du diejenige warst, die nach ihm geschaut hat und sich um ihn kümmert“, fügte George lächelnd hinzu. „Du hast dich immer für die alte Fledermaus stark gemacht, und du hast immer versucht, Leuten zu helfen, ob sie wollten oder nicht. So wie damals die Hauselfen.“
„Wieso sind auf einmal alle so scharfsinnig?“ fragte Hermine und lächelte ebenfalls. „Ich meine, Neville, Percy und jetzt ihr. Als nächstes stelle ich dann fest, daß ihr beiden auf einmal rücksichtsvoll geworden seid!“
„Wer, wir?“, fragte Fred schockiert. „Niemals!“
„Was führt dich also her?“, fragte George neugierig.
Hermine errötete. Sie wollte das nicht, sie wollte es wirklich nicht... aber sie hatte lange über die Sache nachgedacht, und die Zwillinge waren tatsächlich die Einzigen, die sie fragen konnte, alle Umstände in Betracht gezogen.
„Ich wollte euch um einen Gefallen bitten“, gab sie zu. „Einen großen Gefallen, sozusagen.“
„Kein Problem.“
„Schieß los!“
Sie zuckte zusammen. „Ich will mir Geld von euch leihen“, gab sie kleinlaut zu.
Die Zwillinge starrten sie an. Was immer sie erwartete hatten, das jedenfalls nicht. Fred fand seine Stimme als erster wieder und runzelte die Stirn.
„Das ist kein Problem, der Laden läuft wirklich gut im Moment. Wir können dir geben, was immer du brauchst. Aber, Hermine – warum mußt du dir Geld leihen?“
„Weil ich keines habe, Fred“, gab Hermine halb beschämt, halb verärgert zurück.
„Du hast kein Geld?“
Sie schüttelte stumm den Kopf. George runzelte die Stirn. „Schau, wenn du einen Job brauchst oder so, könnten wir -“
„Ich habe jede Menge Arbeitsangebote herumliegen. Das ist nicht das Problem.“ Hermine seufzte. „Ihr wart gestern dabei, ihr wißt, warum ich im Moment keinen Job annehmen kann.“
„Wegen Snape, nehme ich an.... aber warum kann er dann nicht-“
„Weil er auch keins hat“, schnitt sie ihm scharf das Wort ab. „Er hat keine Arbeit mehr, schon vergessen? Und wenn er eine hätte, könnte er sie nicht ausüben, dazu geht es ihm zu schlecht. Er hat weder Familie noch Vermögen, auf das er zurückgreifen kann, zumindest soweit ich feststellen konnte, ohne zu fragen. Er bekäme einen Anfall, wenn ich das täte. Er hat nichts mehr, außer einem Haufen Bücher und einem heruntergekommenen, kleinen Haus in einer winzigen, verlassenen Stadt. Und natürlich mir und Winky.“
Hermine war sich nicht bewußt, daß sie den Eindruck einer Löwin erweckte, die ihr Junges verteidigt.
Die Zwillinge wechselten einen Blick. „Du liebe Güte“, sagte Fred. „Natürlich leihen wir dir, was du brauchst, Hermine. Und du brauchst dir keine Sorgen über die Rückzahlung zu machen – wann immer es dir möglich ist, ist in Ordnung. Reichen dir ein paar hundert Galleonen? Wir haben im Moment nicht so viel Bargeld frei, aber das ließe sich bald ändern...“
„Mehr als genug!“, sagte Hermine hastig. „Fünfzig reichen mir völlig aus. Was ich wirklich brauche, sind Trankzutaten, es ist zu gefährlich, diese magisch herzustellen.“
„Mach hundert draus, für alle Fälle.“ George klopfte ihr verständnisvoll auf die Schulter. „Du tust ein gutes Werk, Hermine. Ein bißchen dumm vielleicht, aber gut. Wenn wir sonst noch was für dich tun können, egal was – laß es uns wissen, ja?“
„Das werde ich.“ Sie seufzte. „Und – ihr erzählt doch niemandem davon?“
„'Türlich nicht.“
„Dein Geheimnis ist bei uns sicher.“ Fred grinste ihr zu. „Und wir spendieren dir noch dazu eine Süße-Träume-Haube. Vielleicht kriegst du den alten Kerl dazu, sie zu tragen.“
„Wobei ich nicht weiß, ob fröhlich herumtollende Meerjungfrauen, Einhörner oder Jungfern in Not in seinen Augen als gute Träume gelten“, grinste George spitzbübisch. „Vielleicht wird ihm schlecht davon.“
oOoOo
Der derzeitige Apotheker in der Winkelgasse war fast immer in seinem Laden anzutreffen. Er hatte natürlich ein paar Lakaien, die sich um die Kunden kümmerten, aber ungewöhnliche Aufträge wurden in dem kleinen Hinterzimmer abgehandelt, wo er sich um die selteneren und diffizileren Substanzen selbst kümmerte und diese bearbeitete.
Hermine strich nervös ihre Robe glatt und versicherte sich, daß ihr Haar sauber frisiert war. Alles in Ordnung. Sie näherte sich zögernd der Tür zum Hinterzimmer der Apotheke und klopfte leise. Vielleicht war er ja gar nicht da, und sie konnte später wiederkommen -
Die Tür ging auf, und ein kleiner, verschrumpelter Mann mit ergrauendem Haar und hellen grauen Augen starrte sie durchdringend an.
„Ah, Miss Granger“, meinte er nachdenklich. Sie mußte bei der Nennung ihres Namens zusammengezuckt sein, denn er lächelte leicht.
„Zwei meiner Assistenten waren gestern bei der Verhandlung dabei“, erklärte er. „Ihr Bild war im heutigen Tagespropheten, und Ihr Name taucht in jedem zweiten Gespräch auf. Kommen Sie herein.“
Sie schlüpfte errötend in den Raum. So hatte sie das Gespräch nicht gerade beginnen wollen.
„Ich – äh, ja.“ Sie verschränkte nervös ihre Finger. „Ich nehme an, daß Ihnen meine – Situation dann bekannt ist. Die Pflege eines Invaliden, der nicht länger alleine gelassen werden kann, schränkt die Möglichkeiten für eine bezahlte Arbeit ziemlich ein.“
„Das ist richtig“, erwiderte er trocken. „Gibt es einen Grund, warum Sie mir dies mitteilen möchten?“
„Ja.“ Sie holte tief Atem. „Sie verkaufen Tränke und Ingredienzien. Ich weiß, daß Sie nicht alle Tränke selbst herstellen – auf den Flaschen im Laden sind die Namen dreier verschiedener Hersteller zu sehen, und nur eine davon ist der Ihre. Ich würde gerne vier Namen daraus machen.“
„Aha.“ Er wirkte überrascht, aber durchaus nicht uninteressiert. „Miss Granger, mir ist bekannt, daß Sie momentan mit einem der besten, lebenden Tränkemeister verkehren, aber ich war der Annahme, es ginge ihm nicht gut genug, um zu arbeiten.“
Das trifft zu. Ich biete Ihnen meine Arbeit an.“ Sie suchte in ihrer Tasche nach drei kleinen Fläschchen und zwei winzigen Tiegeln. „Ich weiß sehr gut, daß Sie nur die besten und verläßlichsten Zubereitungen akzeptieren. Sie haben einen hohen Standard zu wahren. Bitte, sehen Sie sich meine Arbeit erst an, bevor Sie ablehnen.“
Er musterte sie mit diesen hellen Augen und nickte dann. „Das werde ich tun“, willigte er ein. Hermine entspannte sich ein wenig.
„Sie sind eine sehr mutige, integre junge Frau. Ich vertraue darauf, daß Sie meine Zeit nicht verschwenden.“
„Danke, Sir.“ Hermine verschränkte ihre Hände, um deren nervöses Zittern zu verbergen, als der Apotheker zu einem Arbeitstisch ging, der mit seltsamen Gerätschaften und Artefakten vollgestellt war. Sie hatte ihm ihre beste Arbeit mitgebracht... den milden Schlaftrank, den sie selbst entwickelt hatte und der ruhigen Schlaf brachte, ohne den Schläfer benommen zu machen oder gegebenenfalls vom Aufwachen abzuhalten; die Wundsalbe, die sie verbessert hatte; und den Oxygenia-Trank, den sie gut braute, wie sie wußte. Um zu zeigen, daß sie auch etwas anderes als Heiltränke brauen konnte, hatte sie ein allgemeines Gegengift ausgewählt (und Breitband-Gegengifte waren weitaus schwieriger herzustellen als Spezifische, und die Salbe der Wahren Sehkraft, die fast unmöglich korrekt herzustellen war.
Er nahm sich Zeit, untersuchte jeden Trank oder Salbe mit sorgfältiger Aufmerksamkeit. Erst durch Ansicht, dann durch Geruch... er schmeckte den Oxygenia-Trank und das Gegengift, jeweils nur einen Tropfen, und untersuchte alle fünf Erzeugnisse unter einem seltsamen Gerät, das wie ein großes, blaues Vergrößerungsglas aussah.
Einige Zeit und noch mehr Tests später brummte er zufrieden. „Ich bin beeindruckt, Miss Granger“, gab er mit einem nachdenklichen Blick auf sie zu. „Sie arbeiten offenbar außerordentlich sorgfältig.“ Er wies mit dem Kopf auf einen anderen Arbeitstisch, auf dem ein sehr kleiner Kessel und eine beeindruckende Auswahl an Ingredienzien standen. „Öffnen Sie das Buch auf Seite 81 und brauen Sie den beschriebenen Trank.“
Hermine nickte voller Hoffnung. Er hatte sie nicht hinausgeworfen, das war schon einmal etwas. Ein gemurmelter Zauber wickelte ihre losen Robenärmel fest um ihre Handgelenke, damit sie nichts umwarf. Sie öffnete das Buch – ein Unsichtbarkeitstrank, einer, den sie in ihrem siebten Jahr gelernt hatte. Er brauchte nicht lange, weshalb er ihn vermutlich ausgewählt hatte, und war trotzdem teuflisch schwierig zu brauen. Es reichte nicht, die Mengen exakt richtig abzumessen, die Zugabe mußte zudem perfekt abgestimmt werden. Selbst der kleinste Fehler.... nun ja.
Vierzig Minuten später brannten ihr Rücken und ihre Schultern vor Anspannung. Erleichtert löschte sie das magische blaue Feuer unter dem Kessel. Der Trank war perfekt, sah wie grünliches, schillerndes Wasser aus.
„Hier, bitte“, meinte sie leise und mußte husten. Ihr Hals war staubtrocken geworden.
„Eine mustergültige Leistung“, stellte der Apotheker zufrieden fest und reichte ihr eine Tasse, die sie dankbar annahm. Wasser, mit Orangensaft gemischt, stellte sie fest.
„Ich verkaufe weder Gifte noch die gefährlicheren Schlaftränke“, erklärte er dann. Ich wäre jedoch bereit, den Trank, den Sie mir zeigten, in mein Angebot aufzunehmen. Er ist weitaus weniger stark als die meisten Schlaftränke, und ich bin davon überzeugt, daß es viel weniger schwierig ist, sich damit selbst zu schaden.“
„Das ist beabsichtigt“, stimmte Hermine zu. „Es ist so leicht, von den stärkeren Tränken zu viel einzunehmen. Wenn man jemanden pflegt, dessen Geisteszustand – unberechenbar ist, ist es nicht angeraten, etwas Gefährliches in Reichweite zu haben.“
„Ein sehr zutreffendes Argument.“ Der Apotheker nickte. „Ausgezeichnet, Miss Granger. Wenn Sie Tränke für den Verkauf brauen möchten, werde ich sie verkaufen. Ich erwarte von Ihnen, daß Sie mir Proben von jedem neuen Trank senden, bevor ich zustimme, ihn anzubieten, und ich erwarte, daß Sie jede Sendung testen, bevor sie an mich geht für den Verkauf.“
Hermine traute ihren Ohren nicht. Sie hatte gehofft, sie wußte, daß sie gut war... aber der Apotheker hatte seit zwanzig Jahren keinen neuen Hersteller akzeptiert!
„Danke!“ platzte sie heraus, aus allen Knopflöchern strahlend. „Das werde ich! Ich werde sofort anfangen. Ich habe ein gut ausgestattetes Laboratorium, das ich benutzen kann. Ich werde Ihnen Proben schicken, sobald ich sie fertig habe.“
Er neigte mit einem kleinen Lächeln den Kopf. „Ich freue mich darauf. Es ist immer – interessant, mit jemand Neuem zu arbeiten.
„Winky, wir sind wieder da!“ Hermine ließ Severus los und rief fröhlich nach der Hauselfe, während ein Haufen Päckchen zu Boden fielen. Severus warf ihr einen eigentümlichen Blick zu, den sie ignorierte. Sie wußte, daß er sich fragte, warum sie seit ihrem Besuch in der Winkelgasse so viel bessere Laune hatte, aber sie würde es ihm nicht erzählen. Er sollte ruhig seine jahrelange Erfahrung gebrauchen, um ihr auf die Schliche zu kommen. Es würde ihm so mehr Spaß machen, und für sie war es eine Herausforderung, zu sehen, wie lange sie ihr Geheimnis wahren konnte.
„Willkommen zuhause!“ Winky tauchte strahlend mitten in den Raum auf. „Winky hat Ihr Mittagessen jeden Moment fertig.“ Sie maß Severus aufmerksam von Kopf bis Fuß. Vorwurfsvoll fügte sie hinzu: „Master Severus sieht angeschlagen aus!“
„Die Verhandlung war sehr anstrengend“, erklärte Hermine und stapelte den Rest ihrer Einkäufe auf dem Sofa in dem kleinen Wohnzimmer. „Aber er hat letzte Nacht gut geschlafen, reichlich gefrühstückt und hatte ein paar Schachpartien heute vormittag. Ich war einkaufen“, fügte sie hinzu. „Die meisten Päckchen gehören ins Labor, ich mußte Einiges ersetzen. Das Kleine von Flourish und Blotts gehört in Severus' Zimmer, das größere in meines. Und ich habe dir auch etwas mitgebracht, Winky“. Sie grub ein kleines, seltsam geformtes Päckchen aus und hielt es der Hauselfe hin.
Winky betrachtete die Gabe argwöhnisch, akzeptierte sie jedoch und linste unter das Papier. „Was ist das?“, fragte sie erfreut, wickelte einen glänzenden, metallischen Gegenstand aus und befingerte ihn verzückt.
„Eine Knoblauchpresse“, lächelte Hermine. „Man tut den Knoblauch hier hinein – dann preßt man, und dort kommt er heraus. Muggel benutzen das zum Kochen.“
Winky drückte die Presse an die Brust. „Danke, Hermine!“ rief sie voller Freude und war gleich darauf mit den Einkäufen verschwunden.
Hermine spürte seinen erschrecken Blick auf sich ruhen und errötete. „Hauselfen lieben Küchengeräte, je exotischer, desto besser“, erklärte sie und grinste verlegen. „Dobby hat mir das mal erzählt.“
„Für mich sieht das mehr wie ein mittelalterliches Folterwerkzeug aus“, entgegnete Severus gereizt, doch dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. „Für die Zurichtung bestimmter Zutaten, ohne diese berühren zu müssen, wäre es allerdings ganz gut geeignet“, fügte er nachdenklich hinzu.
Hermine lachte. „Ich habe fürs Labor auch eine gekauft. Die Dinger sind sehr praktisch.“
Er nickte und bekundete seine Zustimmung, in dem er nichts einwandte. „Sie haben offenbar vor, künftig mehr als die paar einfachen Tränke zu brauen“, kommentierte er beim Anblick der Tüten und Bündel, die sie vom Apotheker mitgebracht hatte. „Haben Sie etwas Bestimmtes vor?“
„Einige der Tränke in Ihren Büchern führen mich sehr in Versuchung“, erklärte sie – das war nicht gelogen. „Und – es ist eine Beschäftigung. Ich langweile mich noch schneller, als Sie es tun.“ Sie grinste schief. „Sie haben vor sich jemanden, der sich als Schulmädchen in den Sommerferien mittelalterliches Französisch beigebracht hat. Ich hatte meine Schularbeiten alle fertig und habe mich zu Tode gelangweilt.“
Er warf ihr einen neugierig-amüsierten Blick zu. „Mittelalterliches Französisch? Warum ausgerechnet das?“
„Unterrichtsfach meiner Tante Miriam“, erklärte Hermine. „Sie hat mir die Bücher ausgeliehen. Ich wollte Deutsch lernen, aber meine Eltern weigerten sich, mir die Bücher zu kaufen. Als ich acht war, haben sie die Regel aufgestellt, daß ich in den Ferien keine Schul- oder Lehrbücher oder etwas dergleichen haben durfte. Nur während der Schulzeit. Sie befürchteten wohl, daß mein Gehirn explodieren würde oder sowas.“
Severus lachte leise. „Kein Wunder, daß Sie immer so... übereifrig... waren, wenn die Schule wieder anfing.“
„Oh Gott, ja. Sie haben KEINE Vorstellung, was für ein sentimentales Gesülze für Teenager als geeigneter Lesestoff angesehen wird.“ Hermine schauderte bei der Erinnerung. „Die Klassiker in der örtlichen Bücherei waren meine Rettung. Wenn vorne nette Bildchen von Zentauren und halbnackten Helden drauf sind, sieht es nicht so sehr nach Bildung aus.“
„Im Gegenteil, ich habe sogar eine sehr gute Vorstellung von dieser Art sentimentalem Gesülze.“
Hermine warf ihm einen überraschten Blick zu, den er mit einem trockenen Grinsen beantwortete. „Ich habe das Zeug bergeweise konfisziert, als ich Lehrer war.“
Sie kicherte. „Und es hoffentlich endgültig entsorgt. Wie unangenehm, wenn es wieder auftauchte und die Schule verseuchte.“
„Ich habe es Filch zum Verbrennen gegeben. Ich habe allerdings den Verdacht, daß er ein paar der Reißerischeren für sich selbst aufgehoben hat.“
Severus schauderte es bei dem Gedanken, ebenso wie auch Hermine. „Das ist eine Vorstellung, auf die ich lieber verzichtet hätte“, stöhnte sie.
„Ich habe Ihnen etwas aus der Apotheke mitgebracht“, wechselte sie das Thema. Grinsend warf sie ihm ein kleines, quadratisches Päckchen zu. „Das war ich Ihnen schuldig.“
Severus blinzelte und öffnete es. Er fand Baumschlangenhaut und Horn vom Zweihorn und starrte beides verwirrt an. „Warum schulden Sie mir-“ Sein Auge öffnete sich weit, als ihm die Erklärung dämmerte.
„Glauben Sie wirklich, Harry hat das im zweiten Schuljahr aus Ihrem Büro geklaut?“ Sie grinste verschmitzt. „Ich meine, was hätte er damit tun sollen? Aufessen?“
Es dauerte fast drei Wochen, bis Severus herausfand, warum Hermine seit ihrem Einkaufstrip mit einem Mal so gut gelaunt war.
Anfangs hatte er das nicht weiter beachtet – trotz ihrer Bemühungen hatte ihn die Verhandlung in eine tiefe Depression fallen lassen, und in den ersten Tagen danach hatte er sich komplett in sich zurückgezogen. Nur langsam war es ihm gelungen, sich von der Depression zu befreien. Es ging ihm noch immer nicht gut, aber immerhin besser, es gab mehr gute Tage als schlechte.
Und er stellte fest, daß Hermine im Tränkelabor zugange war, anstatt ihn zu betüddeln. Sie überließ ihn nicht sich selbst oder vernachlässigte ihn, aber sie verbrachte dort täglich einen Teil ihrer Zeit. Als er anfing, sich wieder für seine Umwelt zu interessieren, hatte sie ihn sogar ermutigt, mitzuarbeiten. Gemeinsam hatten sie eine Charge des milden Schlaftrankes gebraut, den sie bevorzugte, einen schwierigen, aber sehr nützlichen Gedächtnistrank und hatten einen kleinen Kessel Felix Felicis begonnen.
Nach zwei Wochen fing er an, sich zu wundern. Einerseits genoß sie offensichtlich die Herausforderung des Tränkebrauens, doch anderseits hatte zumindest sie keine Verwendung für einen Gedächtnistrank. Wie er selbst hatte sie mehr, das sie lieber vergessen hätte, als daß sie sich daran erinnern wollte. Gleichzeitig sah es ihr nicht ähnlich, etwas ohne einen bestimmten Grund zu tun. Sie war ausgesprochen praktisch veranlagt, und im Gegensatz zu ihm verlor sie sich nicht so leicht in der intellektuellen Herausforderung, die ein Trank darstellte.
Als er dann an ihrer Kleidung den Geruch von Lavendel und Kartoffelbauchpilz wahrnahm, der typisch für einen konzentrationsstärkenden Sirup war, wußte er, daß sie etwas im Schilde führte. Hermine BRAUCHTE schlicht keinen konzentrationsstärkenden Sirup. Wenn überhaupt, dann einen, der die Konzentration verringerte, damit sie sich an die Mahlzeiten erinnerte, ohne daß Winky sie jedes Mal holen mußte...
Es dauerte noch ein paar Tage, bis er sie dann auf frischer Tat ertappte. Das erreichte er, indem er so lange im Haus auf und ab hinkte, bis sie ihn für ein Nickerchen nach oben schickte.
Severus gehorchte, scheinbar ungnädig. Sobald sie ihn fest schlafend glaubte, schlüpfte sie aus dem Haus und huschte durch den überwucherten Garten in den Schuppen. Er wartete noch ein paar Minuten, um ganz sicher zu gehen, und folgte ihr.
Den Stock, den sie ihm gemacht hatte, benutzte er nach wie vor. Er war eine große Hilfe, und sein Unabhängigkeitsdrang war größer als die Sorge um sein Auftreten.
Er schlich den Pfad hinunter zum Laboratorium und lauschte an der Tür. Er hörte sie eine hübsche, ihm unbekannte Melodie summen, und er hörte... Karton. Karton, der gefaltet wurde und quietschte. Severus runzelte die Stirn. Karton?
Sehr vorsichtig drehte er den Türknopf und zog die Tür auf. Hermine hatte ihren Arbeitsplatz gerne hell erleuchtet, es würde einen Moment dauern, bevor sie das eindringende Sonnenlicht bemerkte...
Sie schwebte im Schneidersitz in der Luft, etwas, das er gewöhnlich als unsinnige Energieverschwendung abtat. Doch im Moment war auf dem Boden kein Platz mehr. Etwa hundert puzzelähnliche Kartonteile, die sich selbst zu kleinen Schachteln falteten, bedeckten ihn. Hermine war damit beschäftigt, den konzentrationsstärkenden Sirup sorgfältig in Dutzende winziger Glasfläschchen abzufüllen.
In einem Käfig auf einem der Arbeitstische waren drei weiße Mäuse damit beschäftigt, eine winzige Wippe zusammenzubauen.
Er starrte sie einen Moment lang fassungslos an. „Was zum Teufel tun Sie da, Miss Granger?“ wollte er vorwurfsvoll wissen.
Sie fuhr erschrocken hoch und konnte sich gerade noch mit einem Schwenken ihres Zauberstabs abfangen. „Sie sollten sich doch ausruhen“, gab sie vorwurfsvoll zurück und schwebte zu ihm herum.
„Und Sie sollen mir sagen, was Sie da tun!“ Stirnrunzelnd beobachtete er die Schachteln, die sich nun unter ihr zu einem kleinen Berg versammelten.
Hermine schaute auf die Fläschchen, dann auf die Schachteln und dann auf ihn. Ihre Augen funkelten verschmitzt, doch sie verzog keine Miene, als sie trocken erklärte: „Ich stricke.“
Er öffnete den Mund, um Gryffindor Punkte abzuziehen, als ihm einfiel, daß er das nicht mehr konnte. Statt dessen starrte er sie finster an. „Sehr komisch“, knurrte er ohne einen Funken Humor. „Was tun Sie hier also?“
„Heimarbeit. Oder genauer gesagt, Schuppenarbeit.“ Sie lächelte verlegen. „Ich braute Tränke und verkaufe sie. Nicht jeder ist so gut darin wie wir, wissen Sie, viele können keine Tränke für den Eigenbedarf brauen.“
„Oh.“
Sie hatte kein Einkommen, wurde ihm bewußt, und das seit Monaten. Winky war zwar in der Lage, mit der Magie der Hauselfen Nahrung zu produzieren, und da er sonst nichts brauchte – und nicht einmal die Nahrung gewollt hatte -, hatte er über dieses Thema bisher nicht weiter nachgedacht. Von dem Tag in London abgesehen. Aber Hermine war seit Monaten hier, ohne Geld und ohne die Möglichkeit, welches zu verdienen, solange sie sich um ihn kümmerte.
„Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen“, sagte er grimmig. „Mir war nicht klar, welche Belastung ich für Sie darstelle -“
„Reden Sie keinen Unsinn“, gab sie zurück. „Ich bin freiwillig hier, oder?“ Sie errötete ein wenig. „Außerdem hoffte ich, daß Sie mir vielleicht helfen mögen, wenn es Ihnen besser geht“, ergänzte sie zögernd. „Da ich annehme, daß Sie nicht wieder als Lehrer arbeiten möchten...“
Er schnaubte. „Nicht für alles Gold in Gringotts.“ Er hatte sich bisher keine Gedanken über seine Zukunft gemacht und die beruflichen Möglichkeiten, die sich ihm boten. Er hatte sich überhaupt keine Gedanken über egal welche Zukunft gemacht. Ihr Vorschlag war interessant, sogar reizvoll. Er könnte zuhause bleiben, interessante Tränke brauen und damit Geld verdienen.
„Über wen verkaufen Sie?“
Hermine richtete sich auf. „Den Apotheker in der Winkelgasse“, erklärte sie stolz.
Severus blinzelte überrascht. Sie hatte allen Grund, stolz auf sich zu sein. Der Apotheker verkaufte die Produkte nur sehr weniger Zauberer, und, da war er sich sicher, bisher nie die einer so jungen Person.
Und er verlangte hohe Preise, da er nur die beste Qualität anbot. Zudem hatte er die Lizenz zum Verkauf regulierter Tränke wie dem Felix Felicis, was erklärte warum sie dieses braute... wenn er sich recht erinnerte, war es deutlich mehr wert als sein Gewicht in Gold.
„Das – ist ein interessanter Gedanke“, gab er zu und bemühte sich, sich den Triumph nicht ansehen zu lassen. Wie ausgesprochen hilfsbereit von ihr, jegliches Pläneschmieden überflüssig zu machen. Wenn sie gemeinsam dieses Geschäft aufzogen, MUSSTE sie ja hierbleiben. Wenn nicht hier im Haus, dann irgendwo in der Nähe, und sie würden oft miteinander arbeiten.
„Was schlagen Sie vor?“
„Eine Partnerschaft?“, bot sie an und ließ eine der kleinen Fläschchen zu ihm hinüberschweben.
„Ich – äh – ich habe wohl vorgegriffen“, gab sie schuldbewußt zu. „Ist ein Fehler von mir. Ich hoffe, Sie sind nicht böse...“
Er begriff nicht, was sie meinte, bis er sich das Fläschchen genauer besah. In die Flaschenwand war ein kleines Emblem eingeätzt. Fein und sehr ästhetisch gezeichnet, zeigte es zwei Profile in einem Kreis, beide in die gleiche Richtung blickend, als stünden sie nebeneinander. Eines war ein wenig nach hinten versetzt, damit beide zu sehen waren. Das eine zeigte eine Schlange, eine(n) Python, dachte er, nach der Form des Kopfes zu schließen, und, im Vordergrund, der stumpfere Kopf einer großen Katze – nein, einer Löwin. Es war ein markantes Zeichen und ein bedeutsames dazu.
Die Hauszugehörigkeit in Hogwarts und die damit verbundene Parteilichkeit war die Ursache fast aller ihrer Konflikte gewesen, als er Lehrer war, und sogar die Ursache fast aller Probleme, die beide je in Hogwarts gehabt hatte. Ihre Entscheidung, beide Symbole zu vereinigen, sprach ihn an, auch wenn er nicht sagen konnte, was es genau bedeutete.
„Nein, ich bin nicht böse“, meinte er weich und fuhr mit der Fingerspitze über das elegante Profil der Schlange. „Im Gegenteil. Es paßt ausgezeichnet.“
„Das war mein Gedanke“, erwiderte sie. Ihre Finger spielten mit einem der Fläschchen. „Wir arbeiten gut zusammen. Und wir machen das beide wirklich gerne – das Erschaffen und Verfeinern...“ Sie lächelte zögernd. „Es wäre schade, all dieses Talent zu verschwenden, oder?“
Severus erwiderte ihr Lächeln ebenso zögerlich. „Das wäre es in der Tat.“
Er streckte ihr die rechte Hand entgegen, die sie ergriff und feierlich schüttelte. „Eine Partnerschaft also.“
Sie
sah beim Gedanken daran ebenso glücklich aus, wie er sich
fühlte. Dieses Kameradschaft-Ding hatte entschieden etwas für
sich. Warum plagten sich alle mit dem Romantikkram ab, wenn man so
etwas haben konnte?
oOoOo
[Anmerkung der Autorin, Dyce:] Tragisch, nicht wahr? Zwischen den Todessern und der Tatsache, daß er sein Leben ausschließlich mit Singles und Heranwachsenden verbringt, glaubt er allen Ernstes, daß Liebe aus nichts als Hormonen und Gesäusel besteht. Der arme Kerl erkennt sie nicht einmal, wenn er sie direkt vor der Nase hat.
Ich werde selbstverständlich etwas dagegen unternehmen.
Hermine füllte sorgfältig die Liste der jüngsten Charge an Tränken aus, die an die Apotheke in der Winkelgasse gingen. Zwanzig kleine Flaschen von dem konzentrationsstärkenden Sirup, genau das Richtige für Kinder mit Lernproblemen, dreißig etwas größere Flaschen des milden Schlaftrankes, der sich zunehmender Beliebtheit erfreute, und vierzig winzige Fläschchen eines Trankes, den sie in einem von Severus' alten Büchern gefunden hatte. Ihr Vorschlag, diesen zu verkaufen, hatte ihn erröten lassen, und der Testlauf bei den weißen Mäusen hatte zwei Würfe hervorgebracht. Der Trank mochte ein wenig indelikat sein, aber auch Zauberer waren zuallererst Männer, und sie war sicher, daß er Absatz fand.
Sie datierte die Seite und wollte gerade das Auftragsbuch schließen, als ihr das Datum bewußt wurde. Überrascht sah sie auf. Severus, der am anderen Ende des Eßtisches saß, arbeitete sich mit gerunzelter Stirn durch eine schwierige Übersetzung aus einem alten Buch.
„Severus?“
„Hm?“ Er kritzelte ein paar Worte, die er gleich darauf wieder ausstrich, ohne aufzusehen.
„Wußtest du, daß ich heute seit genau acht Monaten hier bin?“
Er sah auf. „Ist es schon so lange her?“, fragte er erstaunt. Mit zusammengezogenen Augenbrauen rechnete er nach. „Tatsächlich.“
„Mir kommt es gar nicht so lange vor“, stimmte sie zu und klopfte sich nachdenklich mit ihrem Füller auf die Lippen. Federn waren eine schöne Sache, aber sie war keine Hogwarts-Schülerin mehr, und von ihrem ersten Verdienst hatte sie zwei gute Füller gekauft. Die machten weniger Sauerei und mußten nicht ständig nachgeschärft werden, und sie konnte darauf herumkauen, ohne daß ihr schlecht wurde.
„Und seit der letzten Schlacht sind fast elf Monate vergangen... ich verstehe zwar nicht warum, aber auch das erscheint mir bereits viel länger her.“
„Stimmt“. Severus runzelte erneut die Stirn. „Wir sollten vielleicht anfangen, Kater-Tränke zu brauen“, ergänzte er resigniert.
Hermine war es mittlerweile gewohnt, seinen Gedankengängen zu folgen. An manchen Tagen schienen sie überhaupt nicht miteinander sprechen zu müssen...
„Die Siegesfeiern“, stimmte sie bedrückt zu. „Wenn es je eine Gelegenheit gab, bei der mir nicht nach Feiern zumute war...“
Severus warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. „Ja. Es wäre passender, diesen Tag in stillem Gedenken zu verbringen.“
„Ja.“ Sie sah auf das Auftragsbuch hinunter. Fast ein Jahr war es her seit Rons Tod - und der Gedanke daran tat längst nicht mehr so weh wie damals. Sie trauerte um ihn und würde ihn immer vermissen, aber er war Teil eines Lebens, das vor einem Jahr zu Ende gegangen war. Die Welt, die sie sich nach der Vernichtung Voldemorts um sich herum aufgebaut hatte, hatte mit der Welt davor nichts zu tun. Dissoziation, zu erwarten bei jemandem, der ein so schweres Trauma erlitten hatte. Sie war sich dessen bewußt, fühlte sich aber trotzdem manchmal ein wenig schuldig dafür, daß sie ihr Leben weiterlebte.
Die Stille wurde fühlbar. Mit einem Kopfschütteln schob Hermine ihre unerfreulichen Gedanken fort. „Ich werde die neue Charge morgen früh in die Winkelgasse bringen“, erklärte sie bestimmt. „Dann kann ich gleich auch unsere Vorräte ergänzen und nach den Kater-Tränken fragen. Es ergibt keinen Sinn, diese zu brauen, wenn er bereits damit eingedeckt ist.“
Severus nickte. „Wir brauchen ein Elfisch-Wörterbuch“, erklärte er und betrachtete den Text vor ihm stirnrunzelnd. „Ich komme mit der deutschen Übersetzung nicht weiter. Vielleicht habe ich mit dem Originaltext mehr Glück.“
„Ist gut. Und du brauchst neue Roben.“ Sie betrachtete ihn nachdenklich. „Diese hier sind reichlich schäbig.“
Er sah überrascht hoch. „Sind sie nicht!“
„Doch. Schau dir deine Ellbogen an.“
Grummelnd untersuchte er die abgewetzten Stellen an seinen Ellbogen. „Wenn es sein muß... aber schwarze.“
„Oh, wirklich? Mir ist gar nicht aufgefallen, daß du schwarz magst“, gab sie mit unschuldig geöffneten Augen und einem mädchenhaften Kichern von sich.
Sein Blick verfinsterte sich noch mehr, doch dann grinste er plötzlich. „Grau wäre in Ordnung, wenn es sein muß. Wenn du so großen Wert auf Abwechslung legst!“ Es klang, als würde er ihr ein enormes Zugeständnis machen.
Hermine lachte. „Und beraube dich deines Markenzeichens? Niemals.“ Sie musterte ihn erneut. „Obwohl – wie wäre es mit dunkelblau?“
„Dunkelblau wäre akzeptabel“, gab er nach und betrachtete überlegend seine Ärmel. „Und bitte aus Wolle.“
„In Ordnung. Ich brauche einen Winterumhang und noch ein paar Kleinigkeiten. Du auch. Ich versuche, alles in einem Aufwasch zu erledigen. Ingredienzien, Kleidung – brauchen wir sonst noch etwas?“
Sie griff nach einem Stück Pergament. „Ich mache eine Liste.
oOoOo
Das Haus wirkte leer ohne ihre Gegenwart.
Mit Sentimentalität hatte das natürlich nichts zu tun. Severus Snape war nie sentimental. Er... langweilte sich. Er hatte nichts zu erledigen, niemanden, mit dem er sich unterhalten konnte, abgesehen von Winky – und diese war ihm zwar ergeben, aber Konversation war nicht ihre Sache. Und seine Bücher hatte er alle gelesen. Er langweilte sich, aber er vermißte sie nicht.
Hermine hatte bestimmt nichts dagegen, wenn er sich ein Buch von ihr borgte. Sie hatte neulich etwas in der Hand gehabt, „Muggelbeziehungen durch die Jahrhunderte“, mit einem schreiend bunten Bild einer Hexenverbrennung auf dem Einband. Das mochte entweder interessant sein oder ihm beim Einschlafen helfen – und beidem ging die Zeit herum.
Ihr Zimmer war ziemlich unordentlich, ganz im Gegensatz zu ihrem Arbeitsplatz, aber immer noch besser als ihr Ende des Eßtisches, den sie beide als Schreibtisch nutzten. Interessiert sah er sich um. Eine gewisse Neugierde konnte er sich nicht verkneifen, als er nach dem Buch suchte. Oder nach irgendeinem Buch, das auch nur ansatzweise Unterhaltung versprach. Sie hatte immerhin weder Kosmetik noch Schönheitsmittelchen herumstehen, und sie schien rosa und lila Socken zu schätzen.
Auf ihrem Nachttisch lag ein ihm unbekannter Titel, ein zerfleddertes Taschenbuch, dem man ansah, daß es heiß geliebt und immer wieder gelesen wurde. 'Jane Eyre' hieß es. Er drehte es um. Offenbar ein Muggelroman, entnahm er der Beschreibung. 'Klassische Erzählung'... 'Romanze'...
Hermine las einen Liebesroman? Er konnte es nicht fassen. Sie erschien ihm viel zu vernünftig für solche Lektüre. Er drehte das Buch wieder um und betrachtete die Vorderseite. Das Bild eines Hauses war zu sehen. Eines Herrenhauses immerhin. Hm.
Sämtliche Liebesromane, die er in seiner Zeit als Lehrer konfisziert hatte, hatten in Ohnmacht fallende Frauen, halbnackte Männer oder wogende Busen auf dem Einband gehabt – oder alles zusammen. Er klappte es auf, blätterte durch die ersten Seiten – und dann stach ihm ein Satz nicht etwa ins Auge, nein, er sprang aus dem Buch, griff sich seine Pupille und klebte diese auf dem Papier fest.
„Er tyrannisierte und maßregelte mich, nicht zwei- oder dreimal in der Woche, auch nicht ein- oder zweimal am Tag, sondern ständig. Jeder Nerv an mir fürchtete ihn, jede Muskelfaser auf meinen Knochen zog sich zusammen, wenn er sich näherte. Manchmal verwirrte mich der Schrecken, den er verbreitete, denn ich besaß keinerlei Handhabe gegen seine Drohungen und Tätlichkeiten; die Dienstboten mochten ihren jungen Herrn nicht beleidigen, im dem sie für mich Partei ergriffen, und Mrs. Reed war bei diesem Thema blind und taub.“
Mit klopfendem Herzen schlug Severus das Buch zu. Was er da gelesen hatte, klang zu vertraut, nur allzu wahr... wie oft hatte er dieselben Gedanken gehabt? Was für ein Liebesroman hatte so einen Text?
Erneut öffnete er das Buch und überflog die Seiten davor. Es handelte sich nicht um eine von Mißbrauch geprägte Beziehung, wie er zuerst dachte, nein – Jane war ein Kind, von anderen Kindern tyrannisiert. Von Kindern, die von den Erwachsenen verhätschelt und verwöhnt wurden und die nicht gestraft wurden für das, was sie Jane antaten... sondern sie wurde dafür gestraft, daß sie sich wehrte, wie er beim Weiterlesen feststellte. Oh ja, das war nur allzu vertraut.
Severus schlug die erste Seite auf. Hermine hatte ihren Namen mit der runden, gedehnten Handschrift eingetragen, die sie bereits als Elfjährige abgelegt hatte, als er sie das erste Mal sah. Das ramponierte Buch mußte schon lange einer ihrer Lieblinge sein.
Er öffnete es erneut, diesmal etwas weiter hinten. Ein anderer Satz fiel ihm ins Auge.
„Selbst wenn dich die ganze Welt hassen und für böse halten würde, obwohl dir dein eigenes Gewissen recht gibt und dich freispricht von Schuld, wärst du nicht ohne Freunde.“
„Nein. Ich weiß, daß ich gut von mir denken sollte, aber das reicht mir nicht. Wenn niemand mich liebt, sterbe ich lieber, Einsamkeit und Haß ertrage ich nicht, Helen. Schau, um von dir oder Miss Temple oder jemand anderem, den ich wirklich mag, echte Zuneigung zu erlangen, würde ich mir bereitwillig den Arm brechen, mich von einem Stier in die Luft schleudern lassen oder mich hinter ein ausschlagendes Pferd stellen, das mir seinen Huf gegen die Brust schmettert.“
Wieder schloß er das Buch, sanfter diesmal. Seine Hände bebten. Wenn er es nicht besser wüßte, würde er Schwarze Magie am Werk vermuten, Schwarze Magie, die seine schlimmsten Ängste und Erinnerungen nahm und die Worte formte, die er las. Einsamkeit und Haß... wer wollte unter solchen Umständen leben? Er konnte es nicht.
Auch vorher hatte er die konfiszierten Romane durchgeblättert, aber etwas Vergleichbares hatte er darin nie entdeckt.
Er sollte das Buch wohl besser zurücklegen. Es war eines ihrer Lieblingsbücher, sie hatte sicher etwas dagegen, wenn er es auslieh. Doch er wußte gut, daß er es nicht zurücklegen würde. Er wollte wissen, was aus der dickköpfigen, unglücklichen kleinen Jane geworden war, wollte wissen, ob sie ihrem Schicksal entkommen und glücklich geworden war. Der Einband hatte eine Romanze versprochen...
Das Buch in der Hand, kehrte er in sein Zimmer zurück und machte es sich damit bequem.
oOoOo
„DU GLAUBST NICHT, WAS ER GETAN HAT!“ Hermine trat aus dem Kamin der Weasleys, äußerlich ein wenig, innerlich dagegen sehr angeschlagen. Sie wurde rot, als ihr bewußt wurde, daß Ginny, mit der sie vor fünf Minuten durchs Feuer gesprochen hatte, nicht mehr alleine war. Remus und Tonks waren offenbar gerade eingetroffen und starrten sie nun vom Küchentisch aus an.
„Äh...“
„Was ist los?“, wollte Remus wissen. „Alles in Ordnung mit dir?“
„Mir geht’s gut! Es ist nichts passiert. Es ist nur – er -“ Hermine schlug die Hände vors Gesicht. „Severus hat sich eines von meinen Büchern ausgeliehen und LIEST es!“, jammerte sie.
Die erstaunten Blicke der anderen waren fast hörbar.
„Äh – und das ist schlimm?“, fragte Tonks vorsichtig.
„Ja, und wie! Himmel, warum habe ich es nicht unter der Matratze versteckt oder so?“ Sie ließ sich auf einen der Stühle fallen, lehnte sich über den Tisch und vergrub erneut das Gesicht in den Händen.
„Weil ich nicht damit gerechnet habe, daß er sich langweilt und dann in meinem Zimmer nach Lesestoff sucht, deswegen. Verdammt, ich hätte WISSEN müssen, daß er seinen Riesenzinken in alles hineinsteckt, sobald es ihm besser geht!“ Eigentlich mochte sie seine Nase sogar ziemlich gerne, aber im Moment war sie auf keinen Teil von ihm besonders gut zu sprechen.
„Ist wohl ein peinliches Buch?“, fragte Tonks interessiert. „Ist doch kein Schund, oder? Weil – das wäre wirklich blamabel.“
„Nein, kein Schund.“ DER Gedanke ließ ihr fast das Herz stehenbleiben. Gott sei Dank hatte sie das zuhause gelassen. „Nein, aber es ist 'Jane Eyre'!“
Ginny, die es in der Schule ausgeliehen hatte, zog scharf die Luft ein. Tonks war verblüfft. „Ist das schlimm?“
„Es ist ein Klassiker“, erklärte Remus und warf Hermine einen mitfühlenden Blick zu, wobei seine Lippen allerdings ein klein wenig zuckten. „Die – äh – Heldin findet darin die wahre Liebe bei einem großen, dunklen, unattraktiven aber charmanten Mann, der eine dunkle Vergangenheit hat und doppelt so alt ist wie sie.“
Hermine wimmerte auf und ließ ihre Stirn mit einem leisen 'klonk' auf die Tischplatte sinken.
„Das ist das Peinlichste, was mir jemals passiert ist!“
„Ohhhh.“ Tonks nickte kichernd. „Gute Güte... und er liest es? Einen Liebesroman?“
„Das ist kein Liebesroman!“, stellte Hermine richtig, den Kopf noch immer auf dem Tisch. „Es ist ein Klassiker! Jane hat eine tragische Kindheit und ein sehr schweres Leben, aber sie bewahrt sich ihre Selbstachtung und ihre Rechtschaffenheit allen Widrigkeiten zum Trotz!“
„Und sie heiratet einen großen, dunklen, unattraktiven aber charmanten Mann mit dunkler Vergangenheit, der doppelt so alt ist wie sie“, ergänzte Ginny und versuchte vergeblich, ein Grinsen zu unterdrücken. „Nachdem er fürchterlich zugerichtet worden ist und wieder gesundgepflegt werden muß.“
Hermine wimmerte erneut. Diesmal lauter.
„Aber sie war schon vorher in ihn verliebt“, ergänzte Remus und grinste kläglich. „Ich fürchte, das hilft auch nicht gerade.“
Tonks tätschelte Hermines Schulter. „Warum hast du es überhaupt mitgenommen, wenn es so – äh – offensichtlich ist?“, wollte sie neugierig wissen.
„Das war mir nicht BEWUßT!“, wimmerte Hermine und setzte sich auf. Ihr Gesicht war rot und heiß.
„Ich meine – ich weiß, daß das blöd klingt, aber ich habe das Buch, seit ich neun bin und habe einfach nicht darüber nachgedacht! Mir sind die Parallelen erst aufgefallen, als ich ihn es lesen sah. Und dann wollte er es mir nicht zurückgeben!“, ergänzte sie entrüstet.
„Das ist vielleicht ganz gut so“, sagte Ginny ermutigend. „Ich meine, wenn es ihm besser geht, dann brauchst du ja nicht mehr lange dortzubleiben, oder?“
Hermine starrte sie an, als hätte sie auf einmal zwei Köpfe. „Ginny, wir sind Geschäftspartner! Auch wenn ich ausziehe, begegne ich ihm täglich. Und er würde wissen, daß ich davongelaufen bin, und ich kann nicht mehr im Schlafanzug arbeiten, wenn mir danach ist.“
„Du arbeitest im Schlafanzug?“, fragte Ginny mit großen Augen.
„Nein! Aber ich könnte, wenn ich wollte.“ Hermine vergrub das Gesicht wieder in den Händen. „Oh Gott... 'Jane Eyre' ist eines meiner Lieblingsbücher, was man ihm deutlich ansieht, ich werde ihm nie wieder ins Gesicht blicken können.“
„Naja – es ist ja nicht so, als hättest du irgendwelche Absichten, ihn zu – äh – oder doch?“, fragte Remus zögernd und mit einem winzigen Hauch von Abscheu im Gesicht.
„Nein!“ Hermine wurde feuerrot, als sie diese halbe Wahrheit ausstieß. „Mir war nicht klar gewesen, daß da eine Parallele ist, bis ich ihn mit dem Buch sah. Und ja, in dem Moment ist mir das dann auch eingefallen, aber ich konnte nichts dafür!“
„Niemand könnte das“, tröstete Ginny. „Das ist so, als wenn dir jemand sagt, du sollst nicht an einen rosa Elefanten denken.“
„Genau!“ seufzte Hermine. „Natürlich mag ich ihn gerne -“
Die plötzliche, abrupte Stille ließ sie aufsehen. Alle starrten sie an. „Ja, ich mag ihn!“, gab sie ein wenig verlegen zu. „Was ist daran verkehrt?“
Ginny wirkte fassungslos, Remus leicht entsetzt. Tonks, die alle drei anstarrte, war nur verblüfft.
„Warum?“, wollte sie wissen, als niemand sonst Anstalten machte, zu fragen. „Ich meine, ich kenne ihn kaum, nur durch den Orden ein bißchen. Aber er hat auf mich immer den Eindruck eines knurrigen, alten Griesgrams gemacht.“
„Naja, das wärst du an seiner Stelle auch.“ Hermine runzelte die Stirn. „Er saß immer zwischen allen Stühlen, von keiner Seite wurde er gemocht und das, seit er jünger ist als du. So einsam und unerwünscht zu sein, würde jeden zu einem Griesgram machen.“
Tonks nickte verstehend, aber Remus schüttelte den Kopf. „Er war schon immer so“, widersprach er, „seit der ersten Klasse. Er war damals ganz schön hinterhältig.“
„Harry hat davon erzählt“, stimmte Hermine zu. „Und wir reden hier von Harry, der alles andere als ein guter Beobachter ist und, Gott weiß, er ist keine Leuchte im Umgang mit anderen – tut mir leid, Ginny.“
„Ich liebe ihn, aber ich bin nicht blind für seine Fehler“, sagte Ginny trocken.
„- was er mir jedenfalls erzählt hat, war zwar ziemlich zusammenhanglos, aber ich habe es sinngemäß verstanden.“ Sie begegnete offen Remus' Blick. Sie hatte ihn immer gemocht, aber das war ein Strauß, der schon längst mit ihm hätte ausgefochten werden müssen.
„Die Herumtreiber konnten ihn nicht ausstehen, oder? Kann man ihnen natürlich nicht verdenken. Dürrer, kleiner Blödmann, ziemlich unattraktiv, humorloser Strebertyp, der immer blökt, daß ihr Schwierigkeiten kriegt, wenn ihr nicht aufhört...“
„Genau.“ Remus grinste ihr reumütig zu.
„Mit anderen Worten, genau wie ich in der ersten Klasse“, schloß Hermine scharf.
Remus blinzelte. „Ich – nein! Hermine, Snape war anders. Er war fies, schon damals, schnüffelte überall herum wie-“
„Wie jemand, der sich davor fürchtet, daß sich jemand auf ihn stürzt?“
„Nein! Ich – naja, vielleicht, aber er schlich ständig herum, er war ein fieser, schleimiger kleiner Idiot-“
„Prima, jetzt wird’s persönlich. Vielleicht willst du als Nächstes etwas über mich loswerden? Mein Haar kommt da immer gut.“
Remus machte ein finsteres Gesicht. „Er hat ausgeteilt wie er bekommen hat, wirklich, er-“
„Oh, hat er? Hat sich noch drei Leute gesucht und euch einzeln immer vier gegen einen angegriffen, was?“
Sie funkelte ihn wütend an.
„Schau, Hermine, ich weiß, daß er gute Gründe für seinen Groll auf uns hat“, gab Remus betrübt zu. „Aber es war nicht – ich weiß nicht, was er dir erzählt hat, aber es war nicht so boshaft, wie er-“
„Er hat mir überhaupt nichts erzählt“, knurrte Hermine. „Ich habe zuviel Respekt vor ihm, um in seinem Privatleben herumzuschnüffeln, und er bringt mir denselben Respekt entgegen. Aber ich habe ein bißchen was von Harry erfahren, und ich habe ihn und Severus oft genug zusammen gesehen. Severus mag ein Mistkerl von Lehrer gewesen sein, aber jedesmal, wenn Harry versucht hat, sich mit ihm anzulegen, hat er beinahe hysterisch reagiert. Ich habe das damals nicht verstanden, ich war zu jung dazu. Ich habe erst sehr viel später begriffen, daß es sich um eine tief verwurzelte, instinktive Reaktion war.“
Die anderen starrten sie verständnislos an. Hermine verzog das Gesicht und erklärte:
„Er brachte dieses Gesicht und diesen Haß auf ihn so nachhaltig mit Schmerz und Angst in Verbindung, daß er sich vor Harry beinahe so sehr fürchtete, wie er sich vor James gefürchtet haben muß. Das machte ihn wütend, und so viel Angst und Wut tragen nicht gerade zu rationalem Handeln bei.“
Ginny nickte. „Das stimmt.“ Die anderen betrachteten sie überrascht. „Ich habe von Harry und – Ron eine ganze Menge über seine Reaktionen erfahren. Ich dachte immer, daß sie übertreiben, aber wenn sie recht hatten... es würde eine Menge erklären. Ich hatte selbst zwar nie Probleme mit ihm, abgesehen von dem 'ihr seid alle dumm wie Bohnenstroh, und ich hasse es zu unterrichten'-Gewäsch, aber gab sich im Unterricht immer, als ob er das personifizierte Böse sei oder so...“
„Sie haben nicht übertrieben“. Hermine biß sich auf die Lippen. „Ich habe nie erlebt, daß das mit jemand anderem passierte oder passiert wäre. Er hatte Alpträume über Voldemort, die ihm weniger zugesetzt haben. Nur Harry hat ihn je so die Fassung verlieren lassen.“
Remus war bleich geworden und starrte auf den Boden. „Es – es war nicht so schlimm“, sagte er kleinlaut, als versuche er sich selbst davon zu überzeugen.
„Ach nein?“ Hermine beugte sich vor und legte ihre Hände flach auf den Tisch.
„Als ich in der ersten Klasse war, hat kaum je jemand mit mir gesprochen. Ich war verängstigt, ich war fehl am Platz, ich war häßlich. Niemand mochte mich, ich hatte keinen einzigen Freund. Ich bin beinahe von einem Troll getötet worden, als ich mir auf dem Mädchenklo die Augen ausheulte, weil dieser große, sommersprossige Idiot und sein mickriger, ach-so-berühmter Kumpel sich vor mir darüber lustig gemacht hatten, wie unbeliebt ich bin. Sie haben mich nur gerettet, weil sie Mitleid mit mir hatten.
Stell dir mich an Severus' Stelle vor, Remus, und all die ach-so-lustigen Späße von James und Sirius auf meine Kosten veranstaltet, und dann SAG MIR NOCHMAL, DAß DAS NICHT SO SCHLIMM WAR!“
Remus starrte sie mit offenem Mund an – und senkte, vor Verlegenheit rot geworden, den Blick auf seine Hände. Er brachte kein Wort heraus.
„Ich weiß, daß ihr beide euch nie ausstehen konntet“, fuhr Hermine grimmig fort. „Und ich weiß auch, daß man als Teenager manchmal ein wirklich katastrophal schlechtes Urteilsvermögen besitzt. Aber versuch nie, das vor mir zu rechtfertigen, Remus Lupin, denn ich bin oft genug ein beliebtes Ziel gewesen und weiß, wie schlimm das ist. Und um das ein für allemal festzuhalten: Sprich mir gegenüber nie wieder so von ihm. Du kennst ihn nicht so gut wie ich. Du hast nicht gehört, was er bei seinen Alpträumen von sich gibt, du hast nicht erlebt, wie er dann um sich schlägt, weil er panische Angst davor hat, berührt zu werden. Er hat sich nicht an dir verzweifelt festgeklammert, weil er weder aufwachen konnte, noch aufhören zu weinen. Und du bist nicht sieben Jahre lang in der Schule mit jemandem zusammen gewesen, den er mit aller Macht haßte und trotzdem immer wieder gerettet hat, weil er es nicht ertrug, zuzusehen, wenn jemand ein Kind angreift!“
Die anderen drei starrten sie an. Remus wirkte jämmerlich schuldbewußt, Tonks verblüfft und betroffen, und Ginny hatte einen sonderbaren, unlesbaren Gesichtsausdruck aufgesetzt. „Stimmt“, meinte sie leise, „in der Hinsicht ist er wie du.“
„Was soll denn das heißen?“, brauste Hermine auf.
„Du kannst ebenfalls nicht tatenlos zusehen, wenn jemand Hilfloses angegriffen wird“, fuhr Ginny ruhig fort. „Selbst Hauselfen... du erträgst es nicht, wenn jemand herumkommandiert wird, selbst wenn er kein Mensch ist.“
„Verdammt richtig!“, schnappte Hermine und stand auf. „Und Severus IST ein Mensch, und er braucht mich! 'Jane Eyre' hin oder her.“ Sie sah sich um. „KRUMMBEIN!“, rief sie. Der Halbkniesel, den sie bei Ginny gelassen hatte, als sie damals nach Snape suchen ging, kam gemächlich unter der Anrichte zum Vorschein. Sie nahm ihn hoch. „Wir GEHEN, Krummbein“, erklärte sie, funkelte die restlichen Anwesenden an und disapparierte mit einem wütenden Krachen verdrängter Luft.
„Au weia“, meinte Tonks leise.
„Oh ja.“ Ginny nickte zustimmend.
Remus seufzte. „Ich habe nicht im Traum mit so etwas gerechnet“, erklärte er kleinlaut. „Tut mir leid. Ich hätte nicht davon anfangen sollen.“
„Oh doch, was war nicht schlecht“, meinte Tonks ernst. „Wenigstens wissen wir jetzt Bescheid.“
Remus sah sie überrascht an. „Bescheid? Worüber?“
„Daß es Hermine ziemlich heftig erwischt hat“, erklärte Ginny sanft. „Sie weiß es zwar noch nicht, aber es ist so.“
Hermine hatte seit jenem qualvollen Monat nach Rons Tod nicht mehr geweint. Hier und da vielleicht eine Träne, aber kein richtiges Weinen. Zumindest nicht im Wachzustand.
Nun, nachdem sie direkt in ihr Zimmer appariert war, hatte sie sich um Krummbein eingerollt und weinte sich das Herz aus dem Leib. Um Ron, um den jungen, verängstigten Severus, um den verbitterten, unglücklichen Erwachsenen, der er geworden war, wegen des Streits, weil sie Ginny angeschrieen hatte und weil alles anders war. Krummbein schnurrte besorgt und rieb sein Gesicht sanft gegen ihr Kinn, was Hermines Tränen nur verstärkte, während sie ihn fest an sich klammerte.
Irgendwann später ging die Tür auf. Sie hörte einen vertrauten, ungleichmäßigen Schritt.
„Hermine? Ist alles in Ordnung?“
Sie schluckte und versuchte, ihr Schluchzen zu unterdrücken. Sie hatte seit Jahren nicht mehr vor ihm geweint, und das sollte auch besser so bleiben.
„Ja, alles in Ordnung“, flüsterte sie, setzte sich auf und fuhr sich mit dem Ärmel übers Gesicht.
„Sturzflutartige Tränenströme werden, soweit ich weiß, gewöhnlich nicht mit 'alles in Ordnung' in Verbindung gebracht.“ Er klang unsicher. Unbeholfen tätschelte er ihr die Schulter.
Hermine sah auf und biß sich auf die Lippen. Er wirkte – verloren. Er wußte nicht, wie er mit seinen eigenen Gefühlen umgehen sollte und erst recht nicht mit denen anderer. Sie bezweifelte, daß er wußte, wie man jemanden tröstete, der aus der Fassung geraten war. Die unbeholfene Hand auf ihrer Schulter bedeutete, daß er es zumindest versuchte.
Und das half überhaupt nicht. Ein Severus, der sich bemühte, freundlich zu sein, gerade als sie sich über ihre konfusen Gefühle über ihn klar wurde, das war -
„Mir geht’s gut“, schnüffelte sie.“Ich – ich war bei Ginny, um Krummbein abzuholen“, erklärte sie und strich über das weiche Katzenfell. „Ich vermisse ihn und habe angenommen, daß du nichts dagegen hast.“
Sie sah ihn kurz an. Es war alles viel zu – kompliziert -, als daß sie seinem Blick länger standgehalten hätte.
„Es war das erste Mal, daß ich im Fuchsbau war, seit...“ Ihre Stimme verlor sich.
Severus nickte, und die Hand verschwand von ihrem Rücken. „Ich verstehe“, sagte er vorsichtig. „Krummbein ist natürlich willkommen.“
Er hinkte hinaus, die Tür leise hinter sich schließend.
Hermine fühlte sich noch um ein Vielfaches schlechter als vor seinem Hereinkommen. Sie hatte Ron als Entschuldigung mißbraucht, hatte damit die Besorgnis eines Mannes abgewehrt, den Ron gehaßt hatte und für den sie mehr Zuneigung empfand, als sie jemals für möglich gehalten hätte. Sie waren Freunde, waren sich in mancher Hinsicht näher, als sie je Ron und Harry nahe gewesen war, da sie mehr gemeinsam hatten. Und... und jetzt war alles so kompliziert geworden, weil zu dem unerwünschten Gedanken nun das unerwünschte Bewußtwerden gekommen war und weil sie nicht wußte, wie sie das wieder loswerden sollte...
Sie suchte nach einem Taschentuch und blinzelte überrascht: 'Jane Eyre' lag wieder auf ihrem Nachttisch, genau da, wo es zuvor gelegen hatte. Statt dessen war 'Stolz und Vorurteil', das sie statt dessen gelesen hatte, verschwunden.
oOoOo
Severus klappte den schmalen Taschenband zusammen und lehnte sich zurück, die Stirn nachdenklich gerunzelt.
Beide Bücher hatten sich als überraschend erhellend erwiesen. Dem Warum und Weshalb des Verhaltens der Charaktere war viel Aufmerksamkeit gewidmet worden, und da beide aus dem weiblichen Blickwinkel und von weiblichen Autoren geschrieben waren, ermöglichten sie einen wertvollen Einblick in die Funktionsweise des weiblichen Verstandes – der ihm bisher als nahezu undurchdringliches Mysterium erschienen war.
Er hatte ein paar der Romanzen und reißerischen Zeitschriften gelesen, die er in der Schule konfisziert hatte, wobei es ihn beschämte, seiner Neugier nachgegeben zu haben. Beides hatte jedoch seine Meinung bestätigt, daß Romantik und, in Konsequenz, Liebe, aus einer Mischung süßlicher Gefühle und frenetischer Grapscherei bestand. Süßliche Gefühle erzeugten in ihm Übelkeit, und auch wenn frenetisches Gegrapsche etwas für sich hatte, war es doch nicht wert, deswegen für den Rest seines Lebens mit einem gefühlsduseligen Trottel festzusitzen. Seine Eltern waren miteinander nicht glücklich gewesen, und sein Vater hatte den jungen Severus nie vergessen lassen, daß er daran schuld war, daß sein Vater seine Mutter und ihn am Hals gehabt hatten, und daß die Schwangerschaft seiner Mutter Tobias Snapes Leben ruiniert hatte.
Nein: Gefühl, Romantik, Liebe und Leidenschaft waren alles nur Fallstricke für die Unachtsamen.
Daß er nun, als fast Vierzigjähriger, plötzlich begriff, daß da vielleicht doch mehr dran war, als er bisher geglaubt hatte, war ein Schock für ihn. Er schlug das Buch erneut auf und suchte nach den Sätzen, die ihn besonders berührt hatten:
Wenn Dankbarkeit und Achtung eine gute Basis für Liebe sind, so wird Elisabeths Gefühlswechsel weder unwahrscheinlich noch falsch wirken.
Achtung. Ein Wort, das er bisher nicht mit Liebe in Verbindung gebracht hatte. Vor der Dankbarkeit war er auf der Hut, denn die war doch zu unzuverlässig, doch sie hatte auch von 'Respekt' gesprochen. Elisabeths Vater hatte später nichts dagegen einzuwenden gehabt, daß Mr. Darcy ein „stolzer, unangenehmer Mann“ war, doch er hatte seine Tochter besorgt gebeten, keinen Mann zu heiraten, den sie nicht respektieren könne. Und Jane hatte sich, trotz ihrer Liebe zu Mr. Rochester, geweigert, unter Umständen bei ihm zu bleiben, die ihren Respekt für ihn und sich selbst besudelten.
Beide Männer beneidete er glühend, auch wenn sie nur Romanfiguren waren: auch wenn sie viele schlechte Charakterzüge mit ihm teilten, hatten sie doch Liebe und Glück mit zwei intelligenten, treuen jungen Frauen gefunden. Und dieser Gedanke wiederum führte ihn in eine Richtung, die er besser im Keim hätte er sticken sollen...
Hermine hatte mit Jane und Elisabeth viel gemeinsam. Sie hatte ein feuriges Temperament, das sie jedoch streng im Zaum hielt. Sie war ehrlich und sehr loyal. Sie hatte ein stark ausgeprägtes moralisches Empfinden und zögerte nicht, das Richtige zu tun, auch wenn es schwierig war oder sie unbeliebt machte. Sie war rechtschaffen, mutig und tapfer.
Kurz, sie war eine bewundernswerte, junge Frau, für die er großen Respekt hegte. Und Achtung. Die Dankbarkeit gab er dagegen nicht zu, auch wenn sie vorhanden war. Und wenn es stimmte, was in den Büchern galt, daß es möglich war, Respekt und Kameradschaft mit Liebe zu verbinden, dann wollte er genau das. Mehr als er jemals etwas in seinem Leben gewollt hatte.
Er wollte sie.
Der Gedanke war nicht unmöglich. Ganz offensichtlich liebte und schätzte sie die beiden Bücher, sie hatte sie beinahe in Fetzen gelesen. Das zeigte doch bestimmt eine gewisse Bereitschaft, jemanden mit den Mängeln eines oder beider Helden zumindest in Betracht zu ziehen? Der Altersunterschied war nicht größer als der zwischen Mr. Rochester und Jane.
Beide Männer waren nach außen hin schlechtgelaunt, grob und stolz, hatten sich bei näherer Bekanntschaft jedoch zum Besseren geändert. Sicher, Darcy sah gut aus – Mr. Rochester aber nicht, und es schien Jane nicht im Geringsten gestört zu haben. Darcy war anfangs ausgesprochen unhöflich zu Elisabeth gewesen, Rochester Jane gegenüber herablassend, aber ihre anfängliche Unfreundlichkeit war ihnen vergeben worden.
Anderseits mußte keiner der beiden gegen die Erinnerung an eine als Held gestorbene, erste Liebe antreten.
Severus war schon immer der Meinung, daß Ron Hermines nicht wert gewesen war, selbst als er sie noch beide unterrichtet und gleichermaßen verabscheut hatte. Sicher, Ron war tapfer und loyal gewesen – aber auch dumm. Früher oder später hätte Hermine mit Sicherheit genug davon gehabt, im übertragenen wie realen Sinn für ihn die Hausaufgaben zu machen, und sich nach einem geistig ebenbürtigen Partner gesehnt. Aber dazu war es nicht gekommen, der Junge war gefallen, und wenn ihr plötzlicher Weinanfall gestern irgendetwas zu bedeuten hatte, dann das, daß sie ihn noch lange nicht überwunden hatte.
Theoretisch hatte er also durchaus eine Chance, aber nicht jetzt. Es war noch nicht mal ein Jahr her. Wenn er ihr noch ein Jahr gab oder zwei, hätte sie ihr gebrochenes Herz vielleicht überwunden und könnte...
Ihren Verstand so komplett verlieren, daß sie sich für ihn interessierte? Es zuließ, von all ihren Freunden verschmäht zu werden, wie es unweigerlich kommen mußte, wenn sie sich mit ihm einließ? Zuneigung zu dem kaputten Krüppel von Mann empfinden, der er geworden war?
Er sah finster auf seine Hand, die sich um das Buch krampfte. Er war für ein paar Augenblicke gefährlich weit in die Selbsttäuschung abgedriftet, etwas, das er sich keinesfalls noch einmal erlauben durfte. Er sollte dankbar sein für ihre Freundschaft und sich keiner Hoffnung auf mehr hingeben. Er hatte ihre Kameradschaft, konnte sie täglich sehen und mit ihr zusammensein... was wollte er mehr? Gut, seine Libido sah das anders, aber er hatte fast achtzehn Jahre lang wie ein Mönch gelebt und war daran gewöhnt. Und er wollte lieber für den Rest seines Lebens enthaltsam bleiben, als ihre Freundschaft zu verlieren.
Es war ganz einfach. Er mußte nur das Buch zurücklegen und so tun, als hätte er weder dieses noch das andere jemals gelesen, so wie sie, nach ihrem Versuch, ihm 'Jane Eyre' wieder abzunehmen. Bisher war er mit ihrer Freundschaft zufrieden gewesen. Er mußte sich nur zwingen, die andere, sinnlose Hoffnung zu ignorieren, die die Bücher in ihm geweckt hatte.
Er konnte das. Er hatte Voldemort getäuscht, da konnte es doch nicht so schwer sein, sich selbst zu täuschen, nicht wahr?
oOoOo
Ü/N:
Die zitierte
Passagen aus Jane Eyre habe ich meiner Manesse-Ausgabe
entnommen, übersetzt von Andrea Ott, Zürich, 2001.
Die Lage in Spinner's End wurde von Tag zu Tag angespannter.
Der häusliche Friede, zu dem sie vor dem schicksalsträchtigen Buchdiebstahl gefunden hatten, gehörte offenbar der Vergangenheit an. Obwohl ihre Zusammenarbeit nach wie vor gut funktionierte und beide die Gesellschaft des anderen genossen, war eine gewisse Spannung nicht zu verhehlen. Severus war reizbarer als je zuvor, und auch Hermine war ein wenig nervös. Dabei half es kein bißchen, daß er ihren Spitzen mit Gestichel begegnete – was sie amüsierte, bis ihr bewußt wurde, daß sie diese Eigenschaft deshalb schätzte, weil Harry oder Ron in der gleichen Situation verletzt geschaut oder geschmollt hätten. Das Begreifen, daß sie Severus auch in dieser Hinsicht bevorzugte, erzeugte ein gräßliches Gefühl von Untreue.
Es half ebensowenig, daß ständig jemand mit ihr sprechen wollte.
Harry ging das Problem ihrer Verbindung zum gefürchteten Snape auf gewohnte Weise an – wie bei allen Problemen persönlicher Natur ignorierte er es und hoffte, daß es sich von alleine erledigen würde. Ginny ignorierte freundlicherweise das Gespräch im Fuchsbau. Doch da ihr Verbleib nun bekannt war, suchten noch ein paar andere den Kontakt zu ihr, Parvati zum Beispiel, mit der sie sich nie besonders gut verstanden hatte. Gegen Nevilles Besuche hatte sie nichts einzuwenden, er war stets nett und lieber über seinen tollen neuen Job als Lehrling für Kräuterkunde in St. Mungos, als ihr persönliche Fragen zu stellen. Oder Luna, die nun mit ihrer gewohnten Mischung aus völligem Schwachsinn und beunruhigender Richtigkeit für den Quibbler schrieb. Hermine hatte, sehr zu Severus' Mißfallen, das Magazin, das sich dieser Tage als überraschend unterhaltsam erwies, abonniert. Lunas Talent, aufgeblasene Egos zum Platzen zu bringen und überzeugende Lügen zu enttarnen, war schon zu Schulzeiten groß gewesen und entwickelte sich zu neuen Höhen.
Hermine wurde langsam und unaufhaltsam aus dem schützenden Panzer, den das Haus in Spinner's End für sie darstellte, herausgezogen, und sie haßte es. Solange sie nur zu dritt waren, war sie glücklich gewesen. Keine unverfrorenen Fragen, niemand, der wissen wollte, wie Severus 'wirklich war', als sei er ein fremdartiges Tier, keine unerwünschte Anteilnahme an dem, worüber sie nicht nachdenken mochte.
Und es half auch nicht, daß sie nun Besuch bekam – Severus jedoch nicht. Sicher, Draco kam regelmäßig zu Besuch. Es hatte sie sehr berührt, als sie begriff, daß er seinen ehemaligen Lehrer ehrlich schätzte und liebte, schlüpfriges kleines Frettchen, das er war. Er begegnete Severus mit ernsthaftem Respekt und wirklicher Zuneigung, die früher von seiner kriecherischen Haltung verborgen worden waren. Severus erwiderte die Zuneigung, und Hermine hatte sich mit leisem Bedauern dazu entschlossen, Draco freundlich zu begegnen. Immerhin bedeutete es ihm sehr viel, ihrem – Freund? Partner? Verbündeten?
Sie konnte nicht mehr sagen, was er für sie darstellte. 'Ehemaliger Lehrer' traf zu, hatte aber keine Bedeutung mehr. Inzwischen waren sie in jeder Hinsicht außer dem Tränkebrauen gleichgestellt – da war er ihr nach wie vor um Lichtjahre voraus, gleichzeitig jedoch gewillt, ihr beim Aufholen zu helfen. Mit Sicherheit waren sie Freunde und Partner, aber beides drückte nicht aus, wie kompliziert die Situation zwischen ihnen geworden war. Verbündete würden sie wohl immer sein, und der Begriff paßte weitaus besser, denn er barg in sich Andeutungen auf geteilte Anstrengungen und gemeinsam ausgefochtene Kämpfe. Aber nichts paßte genau.
In zunehmendem Maße ertappte sie sich selbst jedoch dabei, daß sie von ihm schlicht als „mein“ dachte. Als ihr aufging, daß sie es Draco übelnahm, wenn er Severus die Treppen hinaufhalf, sah sie sich zum Rückzug ans Ende des Gartens gezwungen, wo sie eine ganze Weile Gnome über den Zaun werfen mußte, bis sie sich wieder in der Hand hatte.
Sie versuchte, die Sache logisch anzugehen. Sie hatte den Mann monatelang gepflegt. Sie hatten kaum einen anderen Menschen gesehen. Er war die absolute Antithese zu Ron und damit eine 'sichere' Person, auf die sie sich konzentrieren konnte. Es gab jede Menge absolut vernünftige Gründe, eine vorübergehende Verliebtheit in den Mann zu entwickeln. Kein Psychologe hätte ihrem momentanen Seelenzustand einen zweiten Blick geschenkt – wobei die Zaubererwelt wirklich DRINGEND ein paar gute Psychologie-Spezialisten brauchen konnte.
Nein, es war nichts als eine vorhersehbare Verliebtheit, die vorbeigehen würde. Sie würde weder sich noch Severus damit in Verlegenheit bringen, daß sie der Sache Beachtung schenkte.
„Oh, Mist!“, stöhnte Hermine, als sie, von diesem schon hundertmal verfolgten Gedankengang abgelenkt, gerade noch rechtzeitig bemerkte, daß ihr Leinsamensud kurz vor dem Siedepunkt war. Sie riß ihn vom Feuer und schrie auf, als sie sich dabei die Finger verbrannte – aber wenigstens war der Sud nicht aufgekocht. Er hätte dadurch seine Wirkung verloren – und während Leinsaat überall zu haben war, war der Bezoar darin teuer gewesen. Wenn man Bezoare in Leinsamensud simmern ließ, konnte man ihre entgiftenden Eigenschaften in Flüssigkeit lösen. Wurde die Lösung jedoch zu heiß, ging die Wirkung des Bezoars verloren.
An ihren verbrannten Fingern saugend beobachtete sie besorgt den Kesselinhalt und atmete erleichtert auf: Die Lösung war von einem klaren, fast grellen Gelb – häßlich, aber die korrekte Farbe. Wäre die Lösung aufgekocht, wäre sie nun schmutzig-braun.
„Hermine?“ Severus war am anderen Ende des Arbeitstisches beschäftigt, während Hermine auf den Sud hatte aufpassen sollen, damit dieser weder zu sehr abkühlte noch erhitzte. Er legte die Orchidee, die er gerade sorgfältig sezierte, beiseite, hinkte zu ihr hinüber und untersuchte behutsam ihre Hand. Entlang ihrer Finger waren gerötete Hautstellen und eine kleine Brandblase zu sehen.
„Wie konnte das nur passieren?“, fragte er grimmig. „Du weißt seit dem ersten Schuljahr bestens über Kesselsicherheit Bescheid!“
„Ich – äh – ich war in Gedanken“, gab sie schuldbewußt zu. „Der Sud war kurz vorm Aufkochen. Er mußte schnellstens vom Feuer.“
„Selbst dann dürfte das nicht passieren“, knurrte er und langte nach der Brandsalbe, die in jedem gut ausgestatteten Laboratorium zum Inventar gehörte.
Das war zweifelsohne die mildeste Rüge, die er je verteilt hatte. Im Unterricht in Hogwarts hätte sie mit Sicherheit zu Spekulationen über seinen Gesundheitszustand geführt. Doch Hermine wünschte sich, er hätte sie angefahren – das wäre normaler gewesen als dieser milde Vorwurf und die sanfte Art, mit der er die Salbe behutsam auf die verbrannten Stellen strich. Sie zog ihre Finger weg und fingierte ein Zucken, als er überrascht aufsah. „Alles in Ordnung“, versetzte sie mürrisch, „ich bin nur ausgerutscht, es wird nicht wieder vorkommen.“
„Das hoffe ich doch“, gab er säuerlich zurück. „Selbst Neville hat irgendwann das Konzept begriffen, daß es keine gute Idee ist, einen heißen Kessel mit bloßer Haut zu berühren.“
Der scharfe Ton half. Sie haßte es, wenn er sie so ansah, denn dadurch bekam ihre dumme, vergängliche Schwärmerei nur unnötige Nahrung, und sie wußte nur zu gut, daß er es gar nicht so meinte.
„Was für eine Enttäuschung das gewesen sein muß“, erwiderte sie schnippisch.
Später, nach einer hübschen kleinen Kabbelei, fühlte sie sich etwas besser. Die Lage war noch normal, auf eine Weise. Gut.
oOoOo
Severus hatte sich sich mit Winkys Hilfe schließlich dazu entschlossen, das kleine Häuschen umzuräumen. Das kleine Wohnzimmer, geräumiger als das winzige, schäbige Speisezimmerchen, diente nun als eine Art Arbeitszimmer. Der Eßtisch, mit einem Stuhl an jeder Schmalseite, stand nun hier und war prompt unter Stapeln von Pergamenten, Büchern, Flaschen und Federn verschwunden. Das unbequeme Sofa war verschwunden, doch Severus' bequemer Sessel war noch da, flankiert von einem weiteren für Hermine. Der Raum hatte etwas Anheimelndes bekommen und war nun richtig gemütlich, und Hermine und er hielten sich hauptsächlich hier auf oder im Laboratorium, meistens sogar gemeinsam.
Wären da nicht diese verflixten Bücher gewesen, wäre er jetzt mit Sicherheit glücklicher als je zuvor in seinem Leben.
Entschlossen verdrängte er diese Gedanken und konzentrierte sich wieder auf die Übersetzung eines schwer verständlichen elfischen Textabschnitts. Dieser enthielt vielversprechende Hinweise auf eine bis dahin in Vergessenheit geratene Verwendung einer Pflanze namens 'asahir', von der er annahm, daß es sich um Sternwinde handeln müsse. Selbst mit der Hilfe des Wörterbuchs und seinem eigenen, lückenhaften Elfisch, das sich vor allem auf Pflanzennamen beschränkte, war die Übersetzung eine Herausforderung, die er auf eine frustrierende Art und Weise genoß. Und die ihn erfreulich von unerfüllbaren Wünschen ablenkte.
Es klopfte. Severus fluchte leise. Das kam leider immer wieder vor, manchmal waren es sogar Muggel, die ihn meistens mit einem Schwall ihm weitgehend unverständlich bleibender Worte überfielen, bevor er sie abwimmeln konnte. Und da es manchmal eben Muggel waren, hatte er Winky verboten, zu öffnen. Er hoffte, daß Hermine sich erbarmte.
„Ich mache auf“, sagte sie zu seinem Hinterkopf, als er sich wieder über sein Pergament beugte. Er lächelte. Die liebevolle, gespielte Verzweiflung in ihrer Stimme gefiel ihm.
Hermine durchquerte den Raum, steckte den Kopf durch die Tür und zog hörbar den Atem ein. Severus sah alarmiert auf. Er wohnte nicht umsonst schon so lange mit ihr zusammen, als daß er nicht erkannte, wie es klang, wenn sie diese unterdrückte Wut entwickelte.
„Was wollen Sie?“, fragte sie mit eisiger Stimme wen auch immer auf der anderen Seite der Tür.
Er hörte nicht, was gesagt wurde, erkannte jedoch die Stimme und verspannte sich. Sie? Hier?
Hermine trat mit finsterem Gesicht von der Tür zurück. „Wenn Sie darauf bestehen“, knurrte sie, marschierte zu ihm und baute sich beschützend neben ihm auf.
Severus war dankbar für ihren Beistand, als Minerva McGonagall eintrat. Sie hatten sich seit Albus' Tod vor über einem Jahr nicht mehr gesprochen, auch wenn er sie bei Bellatrix Lestranges Verhandlung gesehen hatte.
„Minerva“, begrüßte er sie ruhig, instinktiv die Maske eisiger Kontrolle aufsetzend, die er jahrelang getragen hatte, und erhob sich. „Was verschafft mir die Ehre?“
„Hallo, Severus“, begann sie leise und lächelte unbehaglich. Sie sah älter aus und erschöpft. „Wir – wir haben dich lange nicht mehr gesehen“.
„Das ist Ihnen also aufgefallen!“, fuhr Hermine neben ihm auf. „Und das nach nur elf Monaten! Es muß sehr befriedigend sein, eine so enorme Beobachtungsgabe zu besitzen“. Ihr schneidend-süßer Tonfall verriet, wie wütend sie war.
Severus grinste leicht, erfreut von ihrem beschützenden Zorn und entschieden amüsiert über Minervas fassungslos-verblüfften Gesichtsausdruck. Soweit er wußte, war Hermine Minerva gegenüber bisher noch nicht einmal kurz angebunden gewesen, geschweige denn so eindeutig grob.
„In der Tat, das muß es“, stimmte er ihr kühl zu. Er lud die Schulleiterin mit einer Handbewegung ein, sich in einen der Sessel am anderen Ende des Raumes zu setzen und folgte ihr, sein Hinken absichtlich leicht übertreibend. Hermine spielte gekonnt mit und half ihm mit besorgtem Gemurmel in den zweiten Sessel, um sich dann wieder neben ihm aufzubauen. Er konnte ihr Gesicht zwar nicht sehen, aber nach Minervas Gesichtsausdruck zu schließen wurde diese von Hermines hübschen braunen Augen geradezu durchbohrt.
„Das ist unangebracht, Miss Granger“, erwiderte Minerva steif. „Ich habe mich selbstverständlich von Severus' Wohlergehen überzeugt, und da ich Sie hier und verantwortlich wußte -“
„Sahen Sie keinen Grund, sich zu bemühen? Vorbeizuschauen? Einen Besuch zu machen? Severus wissen zu lassen, daß man ihn nicht vergessen hat?“, schnappte Hermine, doch sie verstummte, als Severus die Hand hob.
„Hermine hat sich ausgezeichnet um mich gekümmert“, erklärte er ruhig. „Die Heiler sind mittlerweile recht zuversichtlich, daß ich in ein paar Monaten, wenn ich ausreichend genesen bin, in der Lage sein werde, ein sehr ruhiges und gesetztes Leben zu führen.“ Emendis war bei seinem letzten Besuch tatsächlich sehr zufrieden gewesen. Es machte offenbar einen großen Unterschied für den Genesungsprozeß, einen Lebensinhalt zu haben.
„Das sind ausgezeichnete Neuigkeiten“. Minerva lächelte, und Severus' Ausdruck verlor ein wenig von seiner Schärfe. Immerhin hatte sie eine weitaus plausiblere Entschuldigung als die meisten, mit einer Schule, die wieder aufgebaut und in Betrieb genommen werden mußte. Hogwarts war im letzten Jahr geschlossen geblieben, weshalb der kommende Jahrgang ungewöhnlich groß sein mußte.
„Ich freue mich sehr, daß deine Genesung nun voranschreitet und habe vollstes Vertrauen in Miss Grangers Fähigkeiten“, fügte sie mit einem vorwurfsvollen Blick auf Hermine hinzu. „Sie ist eine der begabtesten jungen Hexen, die wir je unterrichtet haben.“
„Das ist sie.“ Minerva war überrascht, er konnte ihre Gedanken beinahe sehen. Warum kommen die beiden auf einmal so gut miteinander aus? Was habe ich verpaßt? Der Hauch eines Lächelns verzog seine Lippen.
„Aber du bist sicher nicht den ganzen Weg gekommen, um dich nach meiner Gesundheit zu erkundigen, Minerva“, fuhr er fort. „Daher frage ich noch einmal, was mir die Ehre deines Besuches verschafft.“
„Dir geht es besser, Severus“, erklärte sie ruhig und begegnete seinem wachsamen Blick mit müden Augen. „Das wußte ich bereits vor meinem Besuch. Hogwarts ist wieder aufgebaut, aber wir haben noch immer nicht genug Lehrer. Horace besteht auf seinem Ruhestand, Kingsley Shacklebolt geht wieder ins Ministerium – er hat ein Jahr lang Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichtet. Und für Filius haben wir noch immer keinen dauerhaften Ersatz.“ Sie senkte den Blick auf ihre Hände und schluckte.
„Ich kann dir verschiedene Stellen zur Auswahl anbieten...“
Severus betrachtete sie eine Weile und schüttelte dann den Kopf. „Ich hatte nie die Absicht, nach Hogwarts zurückzukehren“, erklärte er fest. „Ich habe nie gerne unterrichtet und blieb nur, weil Dumbledore es von mir - verlangte. Ich werde nicht zurückkehren.“ Er spürte, wie Hermines plötzliche Anspannung wieder nachließ und unterdrückte krampfhaft die aufkeimende Hoffnung, daß das aus dem Wunsch nach seinem Bleiben heraus geschah. „Ich habe inzwischen eine andere... Arbeit gefunden, die mir mehr zusagt.“
Minerva warf ihm einen überraschten Blick zu. „Ich hoffe, ich kann dich dennoch überreden“, erklärte sie stirnrunzelnd. „Von was für einer Arbeit sprichst du?“
Er zog seinen Zauberstab aus der Robe und ließ mit einem Schlenker eine kleine Flasche vom Tisch in Minervas Hand schweben. Eine der Proben, die zum Testen an den Apotheker gingen und eine besonders eindrucksvolle noch dazu: ein Trank, der sanft in dem hellen, gleichmäßigen Blau des Morgenhimmels schimmerte. Severus beobachtete den Weg der Flasche mit heimlichem Stolz – erst kürzlich war seine Magie wieder erstarkt. Es fühlte sich gut an, wieder selbständig zu werden, selbst in so kleinen Dingen.
Minerva drehte die Flasche in der Hand, studierte konzentriert das sorgfältig mit der Hand beschriftete Etikett und entdeckte dann auf der Rückseite das ins Glas geätzte Schlangen-Löwen-Emblem. „Ich verstehe“, sagte sie gedehnt. „Ihr beide seid also – Partner in diesem Unternehmen?“
Severus' Blick verfinsterte sich bei dem kritischen Klang ihrer Stimme, doch er spürte Hermines Hand auf der Schulter, bevor er etwas sagen konnte.
„Das sind wir“, erklärte sie kühl. „Wir arbeiten ausgezeichnet zusammen. Und ich genieße die Herausforderung, einen Partner zu haben, der nicht seine Hausaufgaben von mir erledigen läßt“, ergänzte sie trocken.
Minerva lächelte schwach und drehte die Flasche in den Händen hin und her. „Ich verstehe. Ist das Ihre Arbeit, Miss Granger? Die Flasche?“
Hermine hob die Schultern. „Es ist leichter, sie zu verwandeln, als sie herstellen zu lassen. Und ich kann sicher sein, daß das Emblem korrekt ist.“
„Eine ausgezeichnete Arbeit“, sagte Minerva bewundernd und betrachtete das Emblem genauer. „Sie waren schon immer sehr begabt in Verwandlung.“
„Danke.“ Die beschützende Hand verblieb auf seiner Schulter, und Hermines Stimme war kaum weniger kühl als zuvor. „Ich schätze unsere Arbeit außerordentlich und bin erleichtert, daß er nicht vorhat, sie zugunsten einer Stellung aufzugeben, wo er weder erwünscht noch geschätzt war. Das verstehen Sie hoffentlich.“
Der Nachdruck in ihrer Stimme ließ Severus überrascht aufsehen. Ihr fast wilder Gesichtsausdruck entlockte ihm ein feines Lächeln – ganz die Gryffindorlöwin, die das Ihre gegen einen unerwünschten Eindringling verteidigte. Durfte er am Ende doch noch hoffen? Sie verhielt sich eindeutig besitzergreifend, und er wußte, daß sie Minerva McGonagall immer gemocht und respektiert hatte. Sie wäre ihr gegenüber wohl kaum so grob, wenn sie nichts weiter für ihn empfinden würde, oder?
Minerva öffnete den Mund, betrachtete Hermine nachdenklich und schloß ihn wieder. Zugegeben, Subtilität war nicht ihre herausragende Eigenschaft, im Gegenteil – aber sie war auch alles andere als dumm. Und sie hatte keinen von beiden sich je so aufführen erlebt.
„Natürlich, ich verstehe, warum Sie das so interpretieren, Miss Granger“, stimmte sie gelassen zu. „Und ich hätte wirklich früher vorbeischauen sollen.“
Sie kannte ihre ehemalige Schülerin nur zu gut. Kaum, daß die Entschuldigung geäußert war, legte Hermine, die jeden Rechtfertigungsversuch niedergeschlagen hätte, ihre Stacheln wieder an.
„Das hätten Sie“, stimmte sie viel umgänglicher zu. „Aber Sie hatten wirklich alle Hände voll zu tun, durch den Wiederaufbau und so.“
„Ja, in der Tat. Und zumindest ich hätte mich sehr darüber gefreut, wenn einer meiner alten Freunde zurückkehren würde.“ Minerva lächelte Severus traurig zu. „Aber... du bist hier glücklich, Severus, und das freut mich. Ich würde niemals von dir verlangen, das aufzugeben.“
„Danke, Minerva.“ Severus neigte den Kopf, als sie sich erhob. „Ich bin – recht zufrieden.“ Er machte eine Pause und entschloß sich dann zu ein klein wenig mehr emotionaler Verletzlichkeit – er hatte immerhin eine ihm ergebene Beschützerin zur Seite. „Ich freue mich sehr, daß du gekommen bist“, gab er dann zu. „Ich habe nicht mehr viele Freunde.“
Minerva war seit jeher sentimental, doch dieses Eingeständnis, das ihm so unähnlich war, zerriß ihr das Herz. „Nun, hier hast du noch Freunde“, sagte sie munter und versuchte, ihre Rührung zu unterdrücken. „Ich muß gehen, aber ich komme wieder, das verspreche ich. Paßt auf euch auf.“
„Das werden wir“, versprach Hermine und mußte grinsen, „oder besser, ich werde.“ Sie warf Severus einen liebevoll-ermahnenden Blick zu, den er finster erwiderte. Doch damit täuschte er keinen von ihnen – und das wollte er auch gar nicht. Er stellte ohne jedes Bedauern fest, daß sein Schneid wohl komplett dahin war, wenn es ihm schon schmeichelte, daß ihn die beiden so leicht durchschauten.
„Gut“, schloß Minerva mit einem ihrer seltenen, warmen Lächeln. „Dann also auf Wiedersehen.“
Sie fand alleine zur Tür. Hermine ließ ein reizendes kleines Knurren hören. „Was für eine FRECHHEIT!“ brummte sie und half ihm auf. „Denkt, du wartest nur darauf, wie ein braver Junge zurück an die Arbeit zu trotten, nachdem du so viel durchgemacht hast...“ Sie stockte und warf ihm einen nervösen Blick zu. „Das war doch ernst gemeint, daß du nicht zurückwillst, oder?“
Severus nickte und lächelte ihr zu. Sie stand dicht neben ihm, ihre Hand noch auf seinem Arm. Ihre Neigung, ihm immer wieder fast zu nahe zu kommen und ihn zufällig zu berühren, machte es sehr schwierig, ihr zu widerstehen, aber anderseits wollte er nicht, daß sie damit aufhörte. Nur wenige Menschen hatten ihn je gerne und freiwillig und in guter Absicht berührt, und dieser Kontakt zu ihr war ihm sehr wichtig.
„Ich denke, ich habe schon in deinem ersten Schuljahr meine Meinung über die Schwachköpfe, mit denen ich mich herumschlagen muß, deutlich gemacht. Glaub mir, ich habe nicht den geringsten Wunsch, jemals wieder zu unterrichten.“
„Gut.“ Sie erwiderte sein Lächeln. „Ich hätte das hier so ungern aufgegeben...“ Ihre Augen trafen sich, und sie wartete gerade eben einen Moment zu lang, bevor sie den Blick abwandte. „Das Geschäft natürlich“, ergänzte sie heiter. „Wir haben so viel Arbeit investiert und fangen endlich an, bekannt zu werden... oh, verflixt, ich muß dringend nach dem Schlaftrank schauen, die Stunde ist fast herum.“
„Natürlich.“ Severus nickte und wartete, bis sie mit einem fröhlichen Lächeln verschwand, bevor er an den großen Tisch und zu seiner Übersetzung zurückhinkte. Er wünschte, er wüßte, warum sie auf einmal so aufgeregt war. Wenn er nach diesen Büchern ging, bedeuteten plötzliche Verwirrung und Verlegenheit im Anschluß an solchermaßen enthüllende Äußerungen zwei Dinge: Entweder fühlte sie sich zu ihm hingezogen, oder das Gegenteil war der Fall. Zumindest war er ihr nicht gleichgültig, aber ihre Reaktion deutete auf ein starkes Gefühl hin – in beide Richtungen.
Und das half nun überhaupt nicht.
oOoOo
Hermine konnte sich nicht erinnern, wann aus ihrer sehnsüchtigen Hoffnung, daß er etwas für sie emfpinden könnte, die Traurigkeit, weil er das nicht tat, geworden war.
Es war ganz unmerklich geschehen, vom Bewußtwerden, daß er ein nicht unattraktiver Mann war, zu zögernden romantischen Gedanken, dann zu sehnsüchtigen Gedanken „was wäre wenn“, und schließlich zu hoffnungsloser Traurigkeit.
Sie hatte das erst begriffen, als Minerva McGonagall Severus mit dem Versprechen auf die langersehnte Stellung zu locken versuchte. Ihr war eiskalt geworden. Was, wenn er annahm? Für sie gab es keinen Platz in Hogwarts... Sie war zwar fähig genug, um Zauberkunst oder sogar Zaubertränke zu unterrichten, aber sie war zu jung für eine Stelle als Lehrerin. Es gab in Hogwarts immer noch Schüler, die sich an sie als Mitschülerin erinnern würden. Wenn er ging, würde er sie zurücklassen!
Doch dann lehnte er ab, und sie war wieder in der Lage, zu atmen. Und als Professor McGonagall schließlich gegangen war, ließ ihre Erleichterung sie einen Schnitzer machen, der sie erneut erröten ließ. Hatte er es bemerkt? Er war ein ausgezeichneter Beobachter, hatte aber wenig Erfahrung mit diesen kleinen, unscheinbaren Anzeichen von Gehfühlen. Er mußte es zwar bemerkt haben, aber ob er auch verstand, was es bedeutete?
Sie wußte allerdings, wer es verdammt gut verstanden hatte – diese hinterhältige, alte Ziege!
„Natürlich wußte ich es“, erklärte Ginny grinsend. Hermine hatte sie schließlich aufgestöbert, in ein ruhiges Café gezerrt und sie beschuldigt, bestens Bescheid zu wissen.
„Ich kenne dich doch, Hermine. Als du für ihn so in die Bresche gesprungen bist, war mir klar, was da abläuft.“
„Und warum hast du MIR nichts davon gesagt?“, jammerte Hermine und senkte dann errötend den Kopf, als die Leute von den Nachbartischen herüberschauten. „Du bist ja fast so schlimm wie Percy!“
Ginny nippte an ihrer Kaffeetasse und nickte. „Wir beiden sind die einzigen Mitglieder der Familie Weasley, die ein Geheimnis für sich behalten können“, meinte sie gelassen. „Wenn ich älter gewesen wäre, hätte er mir von seiner Spionagetätigkeit erzählt – er wußte, daß ich dichthalten würde. Bei den anderen dagegen konnte er sich nicht darauf verlassen, daß ihnen nicht etwas herausrutschen würde. Deshalb wollte er mich nicht alleine mit einem so schwerwiegenden Geheimnis belasten, solange ich noch so jung war.“
„Das kann man ihm nicht verdenken“, gab Hermine zu, für den Moment abgelenkt. „Ich liebe deine Familie, Ginny, das weißt du, aber es ist nichts einfacher, als ihnen ein Geheimnis aus dem Kreuz zu leiern. Man muß sie nur lange genug aufziehen, dann sieht man es ihnen quasi an der Nasenspitze an.“
„Ich weiß. Ich habe keine Ahnung, wo Percy und ich das herhaben“, sagte Ginny nachdenklich. „Vielleicht sind wir Rückschläge auf ein paar sehr geheimnistuerische Weasleys irgendwann in der Vergangenheit.“
„Gut möglich.“ Hermine piekte Ginny in die Schulter. „Aber versuch nicht, mich davon abzubringen! Warum hast du mir nichts gesagt?“
Ginny verdrehte die Augen. „Hermine – man kann jemanden nicht einfach sagen 'he, übrigens, du hast dich in den-und-den verliebt'. Das gehört zu den Dingen, die jeder selbst herausfinden muß.“
Hermine wurde blutrot. Ginny hatte das gefährliche Wort benutzt. Hermine war emotional noch nicht bereit für das gefährliche Wort. „Stimmt“, murmelte sie. „Aber eine kleine Warnung wäre nett gewesen. Ich habe die ganze Zeit versucht, mir einzureden, daß es sich nur um eine vorübergehende Schwärmerei handelt, aber ich fürchte, das ist es nicht.“ Sie warf Ginny einen traurigen Blick zu. „Und ich fühle mich einfach furchtbar, weil ich – du weißt schon – so schnell weitergehe. Nach Ron.“
Ginny tätschelte ihre Hand. „Hermine – es ist fast ein Jahr her. Das ist nun wirklich nicht schnell.“ Sie seufzte. „Ich vermisse ihn auch und werde ihn immer vermissen. Aber er ist tot und wird nicht mehr wiederkommen. Was hättest du denn tun sollen deiner Meinung nach? Ins Kloster gehen?“
Hermine kicherte. „Nun, so ein Schleier würde mir zwar bestens stehen, aber nein. Ich habe Ron geliebt, aber ich habe nicht vor, mich den Rest meines Lebens an eine Erinnerung zu klammern.“ Das hatte sie noch nie laut ausgesprochen – und das half, auf eine schmerzhafte Art und Weise.
„Gut. Du wärst nur unglücklich, und das möchte ich nicht.“ Ginny rührte in ihrer Tasse und starrte wehmütig hinein. „Und ihr beide paßt wirklich gut zusammen, Hermine. Ihr seid beide brilliant, schätzt das Wissen um des Wissens willen, seid beides Kratzbürsten...“
„Wenn du mein Anblaffen mit seiner Bissigkeit gleichsetzt, fühle ich mich aber beleidigt“, meinte Hermine mit einem schiefen Grinsen. „Aber du hast Recht. Wir passen ganz gut zusammen. Ok, du hast ja recht – sogar sehr gut zusammen“, berichtigte sie sich unter Ginnys sprechendem Blick. „Aber er – ich meine, - Ginny, ich weiß nicht mal, ob er überhaupt auf Frauen steht!“
Ginny kicherte. „Na, wenn er es nicht tut, kannst du ihn ja mal in Percys Richtung stupsen“, grinste sie. „Aber ich sehe, was du meinst... du hast keine Ahnung, für wen er sich vielleicht früher mal interessiert hat oder so.“
„Genau!“ Hermine seufzte. „Ich glaube zwar nicht, daß er Männer bevorzugt... ich meine, bei Percy war mir das klar, bevor er es selbst wußte. Aber ich bin mir nicht sicher. Und – naja, selbst wenn er Frauen bevorzugt – er kennt mich, seit ich ein kleines Mädchen war! Ein ziemlich unansehnliches, rechthaberisches und sich den Regeln widersetzendes Mädchen noch dazu. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er an mir etwas finden könnte.“
Ginny schüttelte mit einem kleinen Lächeln den Kopf. „Schau, Hermine, ich weiß natürlich nicht, was passiert, wenn ihr beide allein seid. Aber behandelt er dich denn wie ein Kind? Kommandiert er dich herum? Führt dir deine Jugend und deine Unwissenheit vor? Schickt dich auf dein Zimmer?“
Hermine verneinte mit einem nachdenklichen Kopfschütteln. „Nein. Tatsächlich bin ich diejenige, die ihn aufs Zimmer schickt. Er ermüdet rasch, legt sich aber nur hin, wenn man ihn zwingt. Er hält das wohl für ein Zeichen von Schwäche. Aber im Wesentlichen sind wir gleichgestellt, weißt du. Wir zanken und kabbeln uns, aber er liest mir nicht die Leviten oder so.“
„Dann würde ich mir keine Gedanken machen“, meinte Ginny ermutigend. „Soweit ich weiß, gibt es nur sehr wenige Menschen, die er als Gleichgestellte behandelt. Wenn du dazugehörst, hast du gute Chancen.“
„Das könnte sein.“ Hermine fühlte sich ein wenig zuversichtlicher. „Anderseits – hast du ihn je über Romantik reden hören, Ginny?“
Ginny verzog das Gesicht. „Oh ja. Er hat bei uns in der Klasse einmal einen Liebesroman beschlagnahmt. Er hat sich – ähm – naja, ziemlich wortreich über hirnfreie, triefende Gefühlsseligkeit und so weiter ausgelassen.“
„Genau. Lavender hat er denselben Sermon gehalten. Er hat sie mit einer Ausgabe von Hexenmädchen im Unterricht erwischt, als sie unter der Bank gerade den Test 'ist Er deine wahre Liebe' machte.“ Hermine schauderte. „Ich meine, er hat zwar vollkommen Recht mit dem meisten, was er über dieses stupide, verblödende Magazin gesagt hat, aber...“ Sie biß sich auf die Lippe. „Wenn ich aber irgendwas sage oder auch nur andeute, und er nicht – ähm, naja, er ist nicht gerade berühmt für sein taktvolles Schweigen in so einer Situation, wie du weißt. Er hat mich zwar schon eine Ewigkeit nicht mehr diese ätzende Verachtung spüren lassen, nicht seit er aufgehört hat, mich aus dem Haus werfen zu wollen, aber er kann das immer noch verdammt gut, und... ich könnte es nicht ertragen, von ihm dafür verhöhnt zu werden, daß ich mich in ihn verliebt habe.“ Sie starrte auf den Tisch. „Vielleicht lacht er mich sogar aus“, fügte sie kleinlaut hinzu.
„Das glaube ich nicht“, sagte Ginny nachdenklich. „Ich meine, er wird dich vielleicht abweisen und ist dabei vielleicht auch nicht besonders freundlich. Aber ich glaube nicht, daß er lachen würde. Es gibt immerhin nicht gerade viele Menschen, die etwas für ihn übrig haben, oder? Ich kann mir nicht vorstellen, daß er das lächerlich findet, auch wenn er deine Gefühle nicht erwidert.“
„Das hoffe ich.“ Hermine seufzte. „Es wäre leichter, wenn er nicht so verdammt undurchsichtig wäre“, gestand sie mit einem kläglichen Grinsen. „Er ist furchtbar kompliziert... in der Hälfte der Zeit habe ich keine Ahnung, warum er tut, was er tut. Wenn er leichter zu durchschauen wäre, wüßte ich, wie ich mich verhalten soll.“
„Wenn er leichter zu durchschauen wäre, wärst du nicht so vernarrt in ihn“, stellte Ginny mit Luna-typischem Durchblick fest. „Er fordert dich heraus, er fasziniert dich... du bist es nicht gewohnt, dich darum bemühen zu müssen, jemanden zu verstehen, und das Mysterium macht einen Teil der Anziehungskraft aus.
Hermine starrte sie an. „Seit wann seid ihr alle eigentlich so scharfsinnig, was mich anbetrifft?“, fragte sie anklagend. „Neville, Percy, Fred und George, und du jetzt auch noch!“
Ginny hob die Schulten und lächelte traurig. „Wir werden wohl alle erwachsen, vermute ich mal. Endlich.“
oOoOo
Ü/N: Im Originaltext wird die elfische Pflanze 'asahir' mit sukebind übersetzt. Ich habe für diesen Begriff keine Übersetzung gefunden, nur den Hinweis darauf, daß es sich offenbar um eine Wortschöpfung aus einer literarischen Quelle handelt (Stichwortsuche im englischen Wikipedia). Dort wird die Pflanze als Analogon zu Geißblatt und Ackerwinde beschrieben. Da es sich um eine elfische Pflanze handelt, habe ich daraus die 'Sternwinde' gemacht.
'Hexenmädchen' ist meine eigene Schöpfung einer Mädchenzeitschrift für die Zaubererwelt, nicht sehr fantasievoll, zugegeben, aber hoffentlich wiedererkennbar *g*.
Hermine war, zumindest für den Augenblick, ausgesprochen glücklich.
Der Apotheker hatte ihnen einen anspruchsvollen Auftrag zukommen lassen, ein altes Rezept für einen Trank aus Europa namens Intégrité de la Vie, 'Unversehrtheit des Lebens'. Er war seit Generationen nicht mehr erfolgreich gebraut worden, und selbst den Versuch dazu hatten nur wenige unternommen. Wenn sie ihn jedoch erfolgreich brauen konnten, hätten sie ein unschätzbares Mittel zur Behandlung von Wahnsinn und höchstgradigem Nervenzusammenbruch zur Hand.
Der Auftrag verlangte intensive Analyse, Forschung, Übersetzung und Rückübersetzung (Severus weigerte sich beharrlich, ihr das Buch zu überlassen, nur weil sie im Gegensatz zu ihm mittelalterliches Französisch lesen konnte), Erprobung, Einkreisen und wieder Ausweiten, Nörgelei, Zank und das Werfen von Gegenständen. Sie war extra losgezogen, um einen Satz neuer, potthäßlicher Tassen zu kaufen, so abscheulich, daß es niemanden störte, wenn sie kaputtgingen, und Winky hatte genug zerbrochenes Geschirr mit Kätzchen- und Blümchendekor für ein paar Mülleimer voll aufgekehrt.
Hermine hatte den Apotheker im Verdacht, ihr für die Tage vor dem Jahrestag von Voldemorts Vernichtung eine Ablenkung verschaffen zu wollen. Sie mußte allerdings zugeben, daß die Art, wie sie seinen unglückseligen Angestellten in der Luft zerrissen hatte, ihm eventuell einen kleinen Hinweis darauf gegeben haben könnte. Und das nur, weil der Unglückliche töricht genug war, sie nach ihrer bevorzugten Jubiläumsparty zu fragen.
Der Schachzug war erfolgreich, der Auftrag hatte sie nicht nur vor dem herannahenden Jahrestag abgelenkt, sondern auch von ihrer Verwirrung über diesen Mann, der ihr gegenüber am anderen Ende des Tisches saß. Ein paar erfreuliche Tage lang versanken sie in einem glücklichen, intellektuellen Wirbel, stritten sich, spielten sich Ideen zu und vergaßen alles um sich herum.
„Hast Du Heilende Tränke für den Verstand?“ fragte Hermine, wischte sich gedankenverloren ihre Tintenfinger an ihrem Robenärmel ab und griff nach einer neuen Pergamentrolle. „Ich glaube, ich komme langsam hinter die drei Zweige feuille-argentée, 'Silberblatt', auf die sich der Ursprungstext bezieht. Meiner Meinung nach handelt es sich um das Gleiche wie bei dem 'silbernen Wedel' (1) in dem Gedächtnistrank, den der gute Müller für Müll hält, auch wenn er einräumt, daß er manchmal Wirkung zeigt...“
„Heute morgen hatte ich es in der Hand.“ Severus grub in den Bücherstapeln um sich herum und reichte ihr das Gewünschte. „Hier. Müller ist ein Trottel, aber ich muß zugeben, daß er gründlich beobachtet hat.“
„Und das ist ein Segen“, meinte Hermine zufrieden. Viel zu viele Tränkebrauer in den vergangenen Jahrhunderten hatten sich umgangssprachlicher Ausdrücke für ihre Zutaten bedient und so ihre Formeln weitaus gründlicher verschlüsselt, als das mit tatsächlichen Codes der Fall gewesen wäre – zumindest aus der Sicht derer, die heute versuchten, ihre Ergebnisse nachzuvollziehen.
„Es hat ihn vor der Vergessenheit bewahrt“, bemerkte Severus säuerlich. „Ist noch Tee da?“
Hermine rüttelte hoffnungsvoll an der Teekanne, die nur ein enttäuschendes, schwaches Plätschern hören ließ.
„Nein. WINKY!“, rief sie anklagend, „DER TEE IST ALLE!“
Winky erschien nur wenige Sekunden später, kaum sichtbar hinter einem riesigen Teetablett. „Masters haben schon wieder das Mittagessen vergessen!“, erklärte sie vorwurfsvoll und machte Platz für eine ganze Batterie von frischem Tee mit Milch, Zucker und Zitronenspalten, Keksen und einem großen Teller belegter Brote. Hermine konnte den verschmähten Müller gerade noch davor bewahren, über die Tischkante geschoben zu werden.
„Winky!“, blaffte Severus und hielt seinen Bücherstapel mit einer Hand fest. „Wenn du hier schon ein halbes Büffet auffahren mußt, dann tu das gefälligst auf dem Tisch dort drüben!“
Die Hauselfe warf einen Blick in die angedeutete Richtung und schnaubte vorwurfsvoll. Hermine konnte es ihr nicht verdenken. Das gesamte Arbeitszimmer sah aus, als wäre ein Wirbelsturm voller Bücher, Pergamente und Federn hindurchgetobt, und Winkys angerichtete Mahlzeit war eindeutig das Ordentlichste im ganzen Raum.
„Master Snape wird wieder krank, wenn er nicht ißt!“, erklärte sie entschlossen. „Wenn Winky die Speisen außerhalb seiner Reichweite stellt, vergißt er sie nur. Und Hermine ist genauso schlimm.“
Geschäftig füllte sie Tassen und Teller und gab keine Ruhe, bis jeder Platz für beides machte, bevor sie mit einem energischen Knall wieder verschwand.
Severus knurrte etwas, das nicht gerade nach einem Kompliment klang und nahm sich ein Brot. „Da, schau“, beschwerte er sich und schob einen Stapel Pergamente zusammen, „die waren sortiert.“ Die Tatsache, daß er die belegten Brote regelrecht inhalierte, während er seine Papiere neu sortierte, ignorierte er dabei geflissentlich.
Hermine, die mit den Keksen ähnlich kurzen Prozeß machte, fahndete nach ihrem Füller.
„Ist dir eigentlich aufgefallen, daß Winky viel streitlustiger ist als früher?“, fragte sie, während sie in Heilende Tränke für den Verstand blätterte. „Ich habe den Eindruck, als hätte sie sich langsam an die Freiheit gewöhnt.“
„Ich würde sie sogar als ausgesprochen rechthaberisch bezeichnen“. Severus suchte auf dem Keksteller nach einem mit Zitronencremefüllung. „Das liegt an deinem schlechten Einfluß.“
„Damit kann ich leben. Ich glaube, ich konnte sie damit überzeugen, daß sie als Freigelassene tun kann, was am besten für die Herrschaft ist, und nicht tun muß, was die Herrschaft für das Beste hält.“ Hermine nahm sich ein Brot mit Schinken und Käse und biß herzhaft hinein. Sie merkte erst jetzt, wie hungrig sie war. „Auf lange Sicht ist das effektiver.“
„Und lästiger“, brummte Severus halbherzig. Die Schärfe seiner Sticheleien hatte in den letzten Tagen stetig abgenommen. „Ist die Tinte bei dir?“
„Ich brauch keine Tinte. MEIN Schreibgerät ist nicht alle paar Worte trocken.“ Sie wedelte mit ihrem Füller herum. „Ich sage schon die ganze Zeit, daß du einen ausprobieren sollst. Ich bin davon überzeugt, daß er dir zusagt.“
„Ich habe es ausprobiert. Ich verstehe nicht, wie du mit etwas schreiben kannst, das so dick ist, ohne einen Krampf zu bekommen.“
Er fand seine Tinte, tauchte seine Feder hinein und starrte nachdenklich auf das Pergament vor ihm.
„Ich glaube, der Hinweis auf einen 'Morgensang' bezieht sich gar nicht auf eine in der Dämmerung blühende Pflanze, sondern tatsächlich auf ein Musikstück.“
„Ein Trank, dem man vorsingen muß?“ Hermine kratzte sich mit dem Füller an der Nase. „Und was ist mit Vögeln? Die singen in der Dämmerung. Gibt es irgendwelche in Heiltränken verwendete Teile von Singvögeln? Oder ist etwa Vogelgesang der Schlüssel?“
Er dachte nach, sein früher so verbittertes Gesicht in zufriedenem Sinnieren entspannt.
„Interessanter Gedanke... aber kümmer' du dich um dein Silberblatt, ich nehme mir die Magischen Vögel vor. Irgendwo muß eine Ausgabe davon sein...“ Er ging zum Bücherregal und stöberte geschäftig, die Mahlzeit vergessend. Als er sich wieder setzte, schenkte er ihr ein warmes Lächeln, bevor er sich in das Buch versenkte.
Soviel zur Ablenkung von ihren Gefühlen für ihn. Sein Lächeln ließ ihr Herz klopfen und ihre Gefühle Purzelbaum schlagen.
Gib es zu, Granger, du bist hoffnungslos in ihn verliebt. Und das 'hoffnungslos' ist wörtlich gemeint, egal wie optimistisch Ginny das sieht. Wenigstens hat er dich gern um sich...vielleicht, wenn du ihm noch ein paar Jahre gibst, vergißt er Hermine die Schülerin und sieht Hermine die Frau... anderseits, wenn das so weitergeht, bist zu in zwei Jahren reif für die Klapse. Also nicht Hermine die Frau, sondern Hermine die Verrückte... aber vielleicht steht er ja auf sowas...
oOoOo
Severus stocherte auf seinem Teller herum, wohl gewahr, daß Hermine dasselbe tat. Bis jetzt hatte die Intégrité de la Vie als gute Ablenkung gedient, doch morgen war der erste Jahrestag der Vernichtung des Dunklen Lords, und davon konnte ihn nichts ablenken.
Mit Ausnahme vielleicht von ihr.
Er gestattete sich, sie zu beobachten, ihre feinen Züge und ihre zarte, helle Haut zu bewundern, auch wenn er sich gleichzeitig über ihren traurigen Mund sorgte und über die Art, wie sie in ihrem Essen stocherte. Ihre Trauer war zu erwarten – sie hatte in dieser letzten Schlacht Freunde verloren und den Jungen, den sie liebte, zum Teufel auch! Sie war in den Händen der Todesser gewesen, mindestens eine Stunde, wenn nicht länger – und nur Merlin wußte, was man ihr angetan hatte. Sie sprach nie darüber, und er hatte nie gefragt.
Er wollte ihr helfen. Wollte diesen Jahrestag und alles für sie erträglicher machen. Doch abgesehen vom „Traumlosen Schlaf“, den er ihr in den Tee schmuggeln könnte, damit sie den ganzen Tag verschlief, fiel ihm nichts ein. Beide sprachen nicht gerne darüber, und sie standen nicht sich nicht nahe genug, damit er sie einfach in den Arm nehmen konnte, um sie zu trösten... und selbst wenn das möglich wäre, wußte er nicht, ob er es ertragen konnte, sie zu halten, während sie um einen anderen trauerte. Er war eifersüchtig, war es schon immer gewesen, und er würde sie am Ende nur noch mehr verletzen.
„Wir sollten morgen wohl besser nicht an der Intégrité de la Vie arbeiten“, meinte sie unversehens und begegnete seinem überraschten Blick. „Wir werden... wohl beide nicht besonders in Form sein, nehme ich an.“
„Nein.“ Er starrte auf seinen Teller. Sein Shepherd's Pie (2) sah ausgesprochen unappetitlich aus, auch wenn er sicher ausgezeichnet schmeckte, wie alles, was Winky kochte.
„Es ist immerhin ein faszinierendes Projekt, wenn auch einigermaßen frustrierend.“
„Mehr als nur einigermaßen frustrierend.“ Sie brachte ein schiefes Lächeln zustande. „Wenn wir den Trank allerdings perfektionieren können und er wie gewünscht wirkt...“ Sie nahm einen Schluck Wein. Ihr Gesicht erhellte sich ein wenig. „Nevilles Eltern könnte vielleicht geholfen werden“, überlegte sie. „Er wäre so glücklich... er betet sie an, weißt du, und ich bin davon überzeugt, daß sie wissen, wer er ist. Seine Mutter hamstert immer alles Mögliche, um es ihm zu schenken.“
„Ich hoffe es.“ Er hatte die Longbottoms erst einmal gesehen, seit sie in St. Mungos waren. Er kannte beide noch aus seiner Schulzeit, obwohl sie ein paar Jahre über ihm gewesen waren. Es war schlimm, beide so verändert zu sehen.
„Er arbeitet dort, nicht wahr?“
„Auszubildender Herbologe“, erklärte Hermine. „Er ist absolut begeistert. Er würde in den Gewächshäusern übernachten, wenn man ihn ließe.“
„Kräuterkunde war immer sein bestes Fach, soweit ich mich erinnere.“ Er würde nichts Unfreundliches über ihren Freund sagen, nicht heute. Auch wenn Neville ihn immer wieder in den Wahnsinn getrieben hatte – er fühlte sich schuldig, wie er ihn hatte behandeln müssen, um seine Rolle als böser Lehrer aufrechterhalten zu können.
„Ja.“ Sie zwang sich, eine Gabel voll zu essen und legte dann seufzend ihr Besteck nieder. „Ich glaube, ich gehe früh ins Bett. Kann ich zuerst ins Bad?“
„Natürlich.“ Er wollte ihr etwas Freundliches sagen, etwas Tröstliches, etwas, das ihr half, aber er wußte nicht was und wie. „Schlaf gut“, sagte er schließlich, wohl wissend, wie unzulänglich das war.
Hermine lächelte dünn und drückte ihm im Vorbeigehen kurz die Schulter. „Du auch“, meinte sie. „Ich werde trotzdem die Ohren offenhalten.“
„Ich auch. Gute Nacht, Hermine.“
Ihr Lächeln vertiefte sich. „Gute Nacht, Severus.“
Er sah ihr nach. Als die Tür hinter ihr zugefallen war, lehnte er sich zurück und schloß sein Auge, um sich besser vorstellen zu können, daß sie noch da war.
Ich liebe dich...
oOoOo
Hermine wich ihm bewußt aus.
Sie war lange vor ihm aufgestanden und ins Labor gegangen. Sie hatten abgemacht, heute nicht an der Intégrité de la Vie zu arbeiten, aber sie mußte etwas Vernünftiges tun, sonst wurde sie verrückt. Manche Leute grübelten – Hermine mußte arbeiten, oder sie explodierte.
Severus dagegen war ein Grübler. Er saß jetzt bestimmt im Arbeitszimmer, grub die Ereignisse in Gedanken wieder aus und grübelte darüber nach, bis er wieder in jenem depressiven Loch versank, aus dem er sich so mühsam herausgekämpft hatte. Sie sollte zu ihm gehen, mit ihm reden und ihn ablenken, aber sie wußte, daß sie das nicht schaffte.
Statt dessen hatte sie sich eine schwierige Salbe für hartnäckige Problemhaut vorgenommen. Kein heikles Rezept, sondern eines, das den einen oder anderen Fehler verzieh, aber eines, das Zeit brauchte und viel Arbeit machte. Während sie daran arbeitete, versuchte sie sich an einer Übung, die ihr Remus beigebracht hatte. Sie schloß ihre Augen, versuchte, ihren Geist zu beruhigen und ließ dann alles an die Oberfläche steigen, was ihre Gefühle und Gedanken trübte.
„Enden“, flüsterte sie laut und rührte einen Schnipsel Knieselfell in die Salbe, „Anfänge. Liebe. Angst. Das Unvermeidliche.“
Es half tatsächlich. Sobald sie die Worte dafür hatte, konnte sie anfangen, das, was sie fühlte, zu untersuchen.
Der heutige Tag stellte ein Ende dar, einen Abschluß. Es war ein Jahr her, und es war vorbei. Sie hatte sich so gut erholt, wie es möglich war, sie ging weiter, sie schaute voran. Selbst ihre Alpträume waren seltener geworden.
Gleichzeitig war es ein Anfang. „Der erste Tag vom Rest deines Lebens“, murmelte sie und grinste, als ihr bewußt wurde, was das für ein Klischee war. Es war Zeit, mit dem Verstecken aufzuhören, es war Zeit, ihr Leben wieder aufzunehmen. Liebe und Furcht gehörten zusammen, eines war ohne das andere nicht möglich, und alle drei konzentrierten sich auf den Mann drüben im Haus. Sie mußte unbedingt etwas unternehmen in dieser Sache, aber das brauchte Zeit. Sie brauchten Zeit. Zeit, um sicher zu sein.
Und was das 'Unvermeidliche' anbetraf... das war der Grund, warum sie sich zurückgezogen hatte. Sie war unruhig und nervös, seit sie aufgewacht war. Es lag etwas in der Luft, verursachte ihr Gänsehaut. Vielleicht die Erinnerung daran, wie sie sich vor genau einem Jahr gefühlt hatte, vielleicht auch einfach die Angst vor der Zukunft... aber es gelang ihr nicht, dieses Gefühl loszuwerden.
Es bahnt sich etwas an etwas wird geschehen, wappne dich, sei bereit...
„Vielleicht bin ich einfach nur übersensibilisiert, nach sieben Jahren voller Katastrophen“, sagte sie laut zu sich selbst. „Harry hat mich paranoid werden lassen.“
oOoOo
Mit Voldemorts Vernichtung jährten sich auch sein eigenes Erlebnis von Folter und Verstümmelung und der Verlust von Schülern und Freunden auf beiden Seiten. Die Erinnerung daran verdrängte eine Zeitlang seine verbissene Sehnsucht nach Hermine aus seinem Geist.
Sie war nicht zum Frühstück gekommen. Er wußte, daß sie im Laboratorium arbeitete, aber er hatte beschlossen, sich am heutigen Tag nicht dorthin zu begeben. Ihre Erinnerungen waren zweifellos genauso frisch und schmerzhaft wie die seinen, zu schmerzhaft, um geteilt zu werden, und er war sicher, daß sich heute keiner von ihnen auf etwas anderes würde konzentrieren können. Es war besser, wenn sie sich aus dem Weg gingen. Er konnte ihr keinen Trost geben, und es wäre himmelschreiend unfair gewesen, Trost von ihr zu erwarten.
Er versuchte, den Tag im Arbeitszimmer herumzubringen. Winky wurde fortgeschickt, wenn sie versuchte, ihn zum Essen zu bewegen. Er probierte es zunächst mit Ablenkung durch Bücher und mit dem Ordnen ihres Arbeitsmaterials, dann mit der Übersetzung dieses Texts auf Elfisch... aber die Erinnerungen ließen sich nicht verdrängen und nahmen ihn gefangen.
Auf den Tag genau vor einem Jahr war er ohne jede Warnung von einem lächelnden Voldemort niedergeschlagen worden. Als er wieder zu sich kam, fand er sich mit ausgebreiteten Armen und Beinen an eine Mauer gekettet, seinen Zauberstab in Pettigrews Händen. Voldemort erklärte ihm mit genüßlicher Ausführlichkeit, wie er nach und nach Snapes Verrat erkannt hatte und wie er ihn nach und nach dafür bestrafen wollte. Er legte immer Wert darauf, seinen Opfern genau zu erklären, was er mit ihnen anstellen würde – mit dem Ziel, deren Angst größtmöglich zu steigern.
Er hatte versucht, es zu verbergen, aber er hatte entsetzliche Angst gehabt in jenem Moment. An Schmerz war er gewöhnt, aber die langsame, graduelle Verstümmelung, die Voldemort ihm beschrieben hatte, machte (n) ihn bleich und zittrig, noch bevor der erste Tropfen Blut vergossen war. Seine Finger waren nur der Anfang, bis zum Schluß wären seine Hände vollständig verloren gewesen, ebenso wie seine Beine. Danach wären seine Augen und die Zunge an der Reihe gewesen, aus dem Kopf gerissen zu werden. Die Gnade des Verblutens wollte man ihm jedoch verwehren... Voldemort beabsichtigte, die Bestrafung des Verräters über Tage hinzuziehen und alle Todesser daran teilhaben zu lassen. Die Glassplitter in seiner Lunge waren Lucius Malfoys Idee gewesen...
Wenn der Orden nicht eingeschritten wäre und vor allem nicht genau in dem Moment, in dem er sämtliche Hoffnung aufgegeben hätte... sie hätten ihn gebrochen. Er hätte sie um den Tod angefleht, und er wäre ihm verwehrt worden...
Überrascht bemerkte er, daß er seine Feder in der Faust zerquetscht hatte und Tinte langsam auf das Pergament tropfte. Er schluckte trocken, legte die zerstörte Feder sorgfältig beiseite und stand auf. Die Übersetzung konnte warten.
Unsicher stolpernd machte er sich auf den Weg in sein Schlafzimmer. Winky, die ihn sicher bald wieder zum Essen nötigen wollte, sollte ihn nicht so sehen – die treue kleine Seele machte sich schon genug Sorgen, und das war er nicht wert. Er hatte sie immer nur ausgescholten und sie weggeschickt, als sie damals mit ihm hierherkam, und trotzdem war sie geblieben.
Genauso wie Hermine. Auch sie hatte er versucht, wegzuschicken, eine Erinnerung, die lange her schien. Er haßte sie dafür, daß sie ihn in seiner Schwäche und Erbärmlichkeit sah, nahm ihre Einmischung und ihr Mitleid übel. Und jetzt – jetzt würde er alles geben, um sie hier an seiner Seite zu halten. Doch er verdiente sie nicht, nicht sie und noch nicht einmal ihre Freundschaft, die ihm kaum noch genug war.
In seinem Zimmer angekommen, schloß er die Tür und lehnte sich von innen dagegen. Er war in den letzten Monaten... zufrieden gewesen. Ja, manchmal sogar glücklich. Seine Depressionen hatten nachgelassen, und er hatte seine Schuld manchmal sogar für mehrere Tage hintereinander vergessen können, als er sich über die Einsamkeit, die alles war, was ihm zustand, hinwegsetzte und sich in ein Mädchen verliebte, das er nicht haben konnte. Nun, da die Erinnerungen sich weigerten, verdrängt zu werden, kam die Schuld mit Macht zurück.
Und dann kam etwas ganz Neues an die Oberfläche, stellte er mit einem Schock fest, als seine Gedanken sich über vertraute Pfade bewegten:
Wut.
Er hatte genug davon, sich selbst zu bestrafen. Er hatte mehr als jeder andere riskiert, hatte Tod und Folter immer wieder von Neuem ins Auge geschaut, es war einfach nicht fair. Es war nicht gerecht. Erst war er von den Herumtreibern geschmäht und mißhandelt worden, dann von Voldemort manipuliert und schließlich von Dumbledore beherrscht.
Auf einmal spürte er eine mörderische Wut auf sie alle. Es war genug. Er war NICHT mehr bereit, sich deswegen selbst zu quälen. Es war vorbei, es war zu Ende, und er war mit ihnen fertig.
Ein plötzlicher Schmerz seiner Faust riß ihn aus seinen Gedanken, und er realisierte bemerkte erschrocken, daß der auf die Wand eingeschlagen hatte. Er hatte tatsächlich auf die Wand eingeschlagen. Seit seiner Schulzeit hatte er zum ersten Mal wieder die Kontrolle über sich dermaßen verloren, daß er blind um sich geschlagen hatte, ohne sich dessen bewußt zu sein. Und dieser Kontrollverlust hatte sich verdammt gut angefühlt!
Er hatte mit der linken Hand zugeschlagen, und während er seine geröteten Knöchel untersuchte, fiel sein Blick auf seinen linken Arm. Das Dunkle Mal mochte verblaßt sein, doch es war noch immer da. Er hatte Stunden damit zugebracht, auf das Mal zu starren, während er sich mit seinem Versagen gequält hatte, mit seiner Wertlosigkeit und mit dem Wissen, daß ihm der Tod gebührte.
Es mußte weg.
Sein altes Brauwerkzeug war noch immer hier, sorgfältig unter der Schreibtischplatte verstaut. Das silberne Messer darin war sauber und scharf wie ein Rasiermesser. Das reichte.
Severus hielt sich nicht damit auf, den Schmerz zu betäuben, als er die schlanke Messerspitze behutsam in seiner Haut versenkte. Er hatte so viel Schmerz im Lauf seines Lebens ertragen, daß er unempfindlich dagegen geworden war. Und dieser Schmerz hier, den er fühlte, während er das Mal herausschnitt, mit dem er sich seit achtzehn Jahren selbst quälte, war ein guter Schmerz, ein reinigender Schmerz.
Es war vorbei. Er hatte eine Chance, neu anzufangen, und die würde er nicht versäumen. Zum Teufel mit allen! Er hatte ein Leben, das gelebt werden wollte, und er hatte vor, es zu leben.
Einen Teil der eigenen Haut zu entfernen war ein abstoßender Vorgang, doch er hielt durch, einen leisen Spruch murmelnd, der die Blutung verlangsamte. Er wollte sie nicht ganz stoppen, da die Haut sich besser regenerieren lassen würde, wenn es noch blutete. Die entstehende Sauerei konnte er später beseitigen, das hatte er oft genug getan. Als der Fleck Haut abgetrennt war, hauchte er den leisen, fast gesungenen Spruch, den er vor Jahren erfunden hatte, um seine Verletzungen zu heilen. Es zog tüchtig, während die Wundränder langsam aufeinander zuwuchsen und neue, rosa Haut sich zur Mitte der Wunde ausbreitete. Die neue Haut war etwas dünner als die alte und sehr empfindsam, er würde den Spruch noch einmal brauchen... doch für den Moment genügte das, und er wandte seine Aufmerksamkeit dem blutigen Dunklen Mal zu. Wie sollte er es zerstören? Am besten durch Feuer.
Ein weiterer gemurmelter Spruch ließ den Hautflecken austrocknen, bis er aussah, als wäre er mumifiziert, wobei das Mal deutlich sichtbar blieb. Dann hob er seinen Zauberstab und berührte das Mal, als würde er eine rituelle Handlung ausführen. Helle blaue Flammen schossen empor und schlossen es ein, verschlangen es, und er schaute aufmerksam zu, spürte, wie sich eine unvorstellbar große Last langsam von ihm hob.
Es war vorbei. Er war frei.
„WAS ZUR HÖLLE MACHST DU DA?“
Er sah von den ersterbenden Flammen auf, die den Rest des Dunklen Mals verschlangen und sah Hermine in der Tür stehen, bleich wie ein Laken, die Augen vor Schreck weit aufgerissen. Ihr entsetzter Schrei überraschte ihn, doch dann fiel sein Blick auf seine Hände, die wie der Boden voller Blut waren. Das Messer mit der blutverschmierten Klinge lag mitten auf dem Tisch.
„Alles in Ordnung“, erklärte er hastig und erhob sich halb, „mir geht es gut. Ich-“
„ALLES IN ORDNUNG?“ Mit zwei Schritten war sie neben ihm und schlug ihm mit aller Kraft ins Gesicht.
„Du... du...“, wütete sie, als er taumelte und sie schockiert anstarrte, „wie kannst du nur?“
Wieder hob sie die Hand, doch er fing sie ab und packte sie am Handgelenk. Inzwischen schaffte er es, sie festzuhalten – er war nicht sonderlich kräftig, doch deutlich größer als sie.
„Wie konnte ich was?“, wollte er wissen und spürte die Wut zurückkommen. „Wie kannst du es wagen, hier hereingestürmt zu kommen und in meine Intimsphäre einzudringen-“
„Ich habe mir Sorgen gemacht!“, schrie sie ihn an. „Winky sagte mir, daß du sie fortgeschickt hast, daß du dich hier oben verkrochen hast! Ich wollte nachsehen, ob du in Ordnung bist! Ich dachte, ich könnte dir vielleicht helfen!“
„Du hilfst mir doch!“, schrie er zurück, ihr schmales Handgelenk immer noch festhaltend, da sie erneut versuchte, ihn zu schlagen. „Aber du bist mir den ganzen Tag ausgewichen! Ich dachte, daß du nicht mit mir reden willst, daß es zu schlimm ist für dich!“
„Nicht so schlimm, wie dich hier oben zu finden, im Begriff, eine Dummheit zu begehen – und das nach allem, was wir durchgemacht haben!“ Hermine war rot vor Wut, ihre Augen blitzen. „Ich ertrage es nicht, dich zu verlieren, hörst du! Ich ertrage es nicht!“
„Ich wollte keine Dummheit begehen, sondern etwas tun, das einfach nötig war!“, fauchte er und schüttelte sie. Dann hielt er ihr seinen linken Arm vor die Nase, damit sie den Fleck neuer, makelloser, rosa Haut sehen konnte, wo das Mal gewesen war.
„Es ist vorbei, Hermine! Ich mußte einfach etwas tun, damit ich mich nicht weiter selbst damit quäle!“
Er erkannte plötzlich, daß sie sich anschrieen, aber nicht gegeneinander ankämpften. Vielleicht war es einfacher, solche Dinge auf diese Weise zu äußern, wenn man aufgebracht war und Angst hatte und sie einfach herausbrachen...
Hermine sah hin, schluckte und schwankte ein wenig.
„Du – du Trottel!“, flüsterte sie scharf und berührte vorsichtig die neue Haut. „So etwas hier zu machen! Du hättest eine Ader verletzen können oder die Wunde infizieren-“
„Ich mußte es tun“, erklärte er leise. „Ich mußte es einfach – loslassen, Hermine. Ich kann nicht den Rest meines Lebens damit verbringen, mich für das zu bestrafen, was vorbei ist.“
Sie nickte, ihre schönen Augen voller Tränen. „Das sage ich dir schon seit Monaten, du Idiot“, flüsterte sie, und dann umarmte sie ihn, so fest sie nur konnte, ohne Rücksicht auf das Blut, das sie beide verschmierte.
Er legte seine Arme um sie und zog sie heftig an sich, und sie hob überrascht den Kopf – er erwiderte ihre Umarmungen nicht immer, und wenn, dann sanft und vorsichtig. Nun schien er sie gar nicht fest genug halten zu können... und als sie ihr Gesicht hob, dem seinen so nahe, konnte er nicht mehr anders.
Er küßte sie. So sehr er sich davor fürchtete, abgewiesen zu werden, er konnte so nicht mehr weiterleben, mit der Last der Schuld genausowenig wie mit der Last der uneingestandenen Liebe. Er war nicht mehr bereit, sich zu quälen. Jetzt war der richtige Moment, jetzt war es an der Zeit, den Augenblick zu nutzen und es herauszufinden... sie zu küssen, zumindest dieses eine Mal.
Hermine erwiderte den Kuß, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, verging in seinen Armen, als sie sich küßten, schüchtern zuerst, dann mit mehr Vertrauen ineinander, als beide begriffen, daß der andere nicht zurückwich. Dann schob sie ihn ein wenig von sich weg, gerade genug, um zwischen zwei Küssen etwas sagen zu können. „Ich liebe dich“, flüsterte sie und sah ängstlich zu ihm auf, als die Worte ausgesprochen waren.
Severus starrte sie einen Moment lang an. Das war es? Es war die ganze Zeit so einfach gewesen? Er küßte sie noch einmal, hielt sie ganz fest und legte seine Stirn an die ihre.
„Ich liebe dich auch“, erwiderte er leise und errötete ein wenig. Das klang so – so nüchtern und... albern. Und trotzdem war es genau richtig, waren es genau die Worte, die nötig waren. Keine Melodramen, hier nicht, keine Jahre voller Mißverständnisse, Lügen und Leid. Nichts als „ich liebe dich“. So einfach war das.
Hermine lachte leise vor Erleichterung und Glück und legte die Arme um seinen Hals. „Was waren wir beide doch für Trottel“, sagte sie und schmiegte sich an ihn, während sie ihn küßte. „Aber du bist der größere, darauf bestehe ich.“
„Natürlich bin ich das, ich bin fast einen halben Meter größer als du!“
Hermine lachte wieder, in einem glücklichen Glucksen.
„Und du hast recht – wir waren Trottel.“
„Gut. Solange wir uns nur einig sind.“ Sie küßte ihn noch einmal... und dieser Kuß wurde immer länger und leidenschaftlicher, während sie einander wie Ertrinkende festhielten. Und obwohl sie danach wieder sprachen, waren ihre Worte – von einem gemurmelten Scourgify, um das Blut loszuwerden, abgesehen, nichts als sehr privater, verrückter, liebevoller Unsinn.
oOoOo
Winky schlich auf Zehenspitzen von der Tür fort, an der sie ganz unverhohlen am Schlüsselloch gelauscht hatte, ihr winziges Gesichtchen strahlend vor Freude. Endlich hatten die beiden herausgefunden, daß sie zueinander gehörten! Gut! So sehr sie es schätzte, sich um Master Snape zu kümmern, der sie brauchte und ihren Dienst zu würdigen wußte, es war einfach nicht dasselbe wie eine richtige Familie. Jetzt waren sie zumindest bald in der Lage, damit anzufangen. Es war so lange her, daß sie sich um Kinder hatte kümmern können... sie konnte es kaum abwarten.
Sie würde sich natürlich nichts anmerken lassen. Menschen schätzten es, wenn man sie in dem Glauben beließ, daß sie selbst auf solche Ideen gekommen waren, die guten Seelen!
Winky schlich nach unten und schmiedete zufrieden Pläne. Sie durfte sie jetzt natürlich nicht stören, aber sie würde einen Imbiß für später hinrichten, sie würden hungrig sein. Und morgen würden sie ein schönes, großes Frühstück brauchen...
oOoOo
Der Abend dämmerte bereits, als Hermine aus dem Bett schlüpfte und zu dem kleinen Fenster hinübertapste. Die ersten Sterne waren aufgegangen, und sie sah lächelnd zu ihnen auf.
Sie war nach wie vor der Meinung, daß es eine Schnapsidee war, sich das Dunkle Mal auf diese Weise aus dem Fleisch zu schneiden. Aber es war an der Zeit gewesen, um loszulassen, für sie beide. Loszulassen und nach vorne zu sehen. Einen besseren Zeitvertreib für ihre gemeinsamen Abende zu finden... sie errötete und kicherte leise. Sie sollte sich nun wohl ernst und feierlich fühlen oder so, dachte sie. Tat sie auch. Aber der Gedanke, wie toll das gewesen war, wie UNGLAUBLICH toll drängte sich immer wieder in den Vordergrund.
„Du klingst glücklich.“ Warme Arme schlossen sich von hinten um ihre Mitte und zogen sie zu sich. Sie lehnte sich in seine Umarmung, legte ihre Hände auf seine Arme, die sie hielten und genoß seine warme, nackte Haut.
„Ich bin glücklich“, murmelte sie und schmiegte sich an ihn. „Aber ich dachte, daß du schläfst.“
„Ich bin aufgewacht, als die warme, wohltuende und hübsche junge Frau aus meinen Armen verschwunden ist.“
„Ich wollte dich nicht wecken.“ Sie kuschelte sich noch näher an ihn. Das fühlte sich ausgesprochen gut an.
„Habe ich dir schon gesagt, daß ich dich liebe?“
„Mehrfach. Davor, dabei und danach.“ Er klang gleichzeitig überrascht und geschmeichelt. Sie fand das anbetungswürdig.
„Ich – ich habe den Eindruck, daß es dir gefallen hat“, ergänzte er hoffnungsvoll.
Hermine grinste. „Ich werde deinem männlichen Ego nicht weiter schmeicheln, Severus“, erklärte sie. „Reicht es nicht, daß die Nachbarn uns gehört hätten, wenn wir Nachbarn hätten? Winky hat uns jedenfalls ganz eindeutig gehört.“
Severus kicherte. Tatsächlich, er kicherte.
„Ja“, gab er verlegen zu und küßte ihr Haar. „Das sollte reichen.“
„Gut.“ Sie drehte sich in seinen Armen um, stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte ihn verführerisch.
„Ich liebe dich“, murmelte sie noch einmal, jedes Wort auskostend. Wenn sie geahnt hätte, daß es so einfach war, hätte sie das schon vor sehr langer Zeit gesagt.
„Auch wenn ich viel zu alt bin für dich?“, flüsterte er leise und erwiderte ihren Kuß. „Und launisch und selbstsüchtig, reizbar und ziemlich mitgenommen?“
„Auch dann.“ Sie lehnte ihre Stirn gegen seine.
Er lächelte und küßte sie ebenfalls. „Und ich liebe dich“, sagte er fast schüchtern.
„Auch wenn ich viel zu jung bin für dich?“, wollte sie mit einem leisen Lächeln wissen. „Und launisch, reizbar, rechthaberisch und ziemlich mitgenommen?“
„Auch dann“, erwiderte er und hielt sie ganz fest.
oOoOo
A/N: (1) Im Originaltext heißt es „Wedel“. Bei uns ist das in diesem Zusammenhang ein ungewöhnlicher Begriff, ich nehme einfach mal an, daß die Autorin da nach einer Übersetzung gesucht hat, ohne das zu wissen. Gemeint ist sicher ein Wedel im Sinn von Palmwedel oder Farnwedel, auf englisch wohl 'frond'.
Rein botanisch gesehen ginge meines Wissens ein 'feuille' überhaupt nicht mit einem 'frond' zusammen, aber es handelt sich hier schließlich um Fiktion. Also was soll’s :o).
(2) Sheperd's Pie ist typische britische Hausmannskost, eine Art Auflauf aus Hackfleisch (modern) oder Fleischstücken in Sauce (traditionell), meistens Bratenresten o.ä., über die eine Schicht Kartoffelbrei gegeben wird. Das Ganze wird gebacken, bis die Kartoffelmasse knusprig ist. Es schmeckt sehr lecker, wenn es gut gemacht wird, sieht aber nicht besonders appetitlich aus, besonders nicht auf dem Teller.
Das wars mehr oder weniger :o) – sie haben es tatsächlich noch geschafft, zueinanderzufinden *g*. Mögen sie glücklich und in Frieden leben...
Einen Epilog gibt es noch, auf den ihr nicht lange werdet warten müssen, der ist schon fast fertig, und einen One-Shot als Sequel. Auch diesen werde ich noch übersetzen, muß dafür aber um viel Geduld bitten, da ich vorher einige andere Projekte in Angriff nehmen möchte.
Ich hoffe, ihr hattet so viel Spaß mit dem Lesen wie ich mit dem Übersetzen, bedanke mich herzlich für euer Interesse und die Reviews, die ich mit großer Freude gelesen habe und die mich auch immer wieder sehr motiviert haben, vor allem wenn ich mir an einer unübersetzbaren Formulierung die Zähne ausgebissen habe.
„Bereit für unseren Auftritt?“, murmelte Hermine leise.
Severus nickte. Er war ein bißchen nervös, aber sie hatte recht. Es war der richtige Moment.
„Laß gut sein.“ Er lächelte zu ihr herunter und berührte sanft ihre Hand, die auf seinem Arm lag. „Ich bin vollkommen in der Lage, einen überfüllten Raum mit einer bezaubernden jungen Frau am Arm zu betreten.“
Sie lachte und drückte leicht seinen Arm. „Nun, wenn du es so siehst...“ Sie öffnete die Tür, und gemeinsam traten sie ein.
Die Gespräche im Raum verstummten. Severus war dankbar für ihre Hand, die seinen Arm beruhigend umfaßte. Er haßte es, wenn man ihn anstarrte, selbst jetzt, aber langsam gewöhnte er sich daran. Immerhin war er diesmal nicht der Einzige – die Leute blickten von ihm und Hermine zu Harry Potter und wieder zurück, in Erwartung einer der berühmten Potterschen Ausbrüche. Er spürte Hermines Anspannung und legte seine Hand beschützend über die ihre.
Harry erhob sich und ging ihnen entgegen. Eine ganze Weile hielt sein Blick den Severus' fest. Dann streckte er seine Hand aus und lächelte Severus reumütig zu. „Ich denke, wir sollten Vergangenes vergangen sein lassen“, sagte er leise. „Ich möchte mich entschuldigen. Für alles.“
Severus starrte die ausgestreckte Hand einen Moment lang in äußerster Überraschung an und nickte dann.
„Ich – ich entschuldige mich ebenfalls“, erwiderte er, vor allem Hermines wegen. Ihr Händedruck wirkte unbeholfen.
Hermine sah von einem zum anderen und dann zu Harrys Platz. „Der Tränkedunst ist wohl der Grund dafür, daß Severus den Verstand verliert“, meinte sie, während sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. „Aber was ist mit Harry los, Ginny? Ist er wieder am Kopf getroffen worden?“
Ginny Weasley, zukünftige Potter, strahlte ebenfalls. „Zu viele Klatscher“, meinte sie weise. „Einer von denen muß ihm etwas Verstand eingebleut haben.“
Zum ersten Mal in seinem Leben einer Meinung mit Harry, wechselte Severus mit ihm verlegene Blicke, während der Rest des Ordens in Gelächter ausbrach. Aber es war ein freundschaftliches Gelächter, und er bemühte sich, sich davon nicht angegriffen zu fühlen.
Dann kam Minerva zu ihm und stellte ihn den Ordensmitgliedern vor, die er noch nicht kannte. Hermine saß am Feuer, in ein Gespräch mit Ginny vertieft. Hochzeitsvorbereitungen vermutlich – Ginny war mehr als nur erzürnt gewesen, daß sie ganz ohne Empfang und aufwendige Feier geheiratet hatten, ja sogar ganz ohne Gäste. Hermines Eltern, die einzigen, die sie hatten dabeihaben wollen, waren ihre Trauzeugen. Ihre Beziehung hatte ruhig und kameradschaftlich begonnen, und es schien gut zu passen, daß auch ihre Hochzeit so ablaufen sollte. Ginny hatte Hermine erst vergeben, als diese versprach, ihre Trauzeugin zu sein und ihr zu helfen, eine wahnsinnig aufwendige Hochzeit zu arrangieren.
Die Weasley-Zwillinge baten um Aufmerksamkeit. Fred hob sein Glas. „Auf den Orden.“
„Auf uns alle“, ergänzte George.
„Auf die, die wir verloren haben“, fuhr Fred fort und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.
„Und auf die, die noch da sind“, schloß George und grinste Severus zu. Unerschämter Kerl.
Dann hatten sich alle zugeprostet, und er gesellte sich zu Hermine. Ginny hatte sich Harry zugewandt, und seine Frau lehnte gerade einen Feuerwhisky ab, den ein ziemlich beschwipster Hagrid ihr anbot.
Severus hielt schicksalsergeben inne und wartete auf das unvermeidliche Schweigen. Es gab Dinge, die würden sich niemals ändern.
In die Stille war Hagrids Stimme deutlich zu hören. „He, Hermine, du bist kein Kind mehr! Mit Brause kann man nicht anständig anstoßen, du brauchst einen richtigen Drink“, erklärte er feierlich.
Hermine warf ihm einen Blick zu. Severus erkannte die amüsierte Resignation in ihren Augen – sie hatte ebenfalls begriffen, daß es unvermeidlich war.
„Danke, nein, Hagrid“, sagte sie, „nicht in meiner Verfassung.“
Alle schauten erst sie an, dann Severus. Er wußte es, er WUSSTE es, daß er errötete, selbst als er ihr einen stolzen Blick zuwarf. Man sah natürlich noch nichts, aber in ungefähr sechs Monaten...
„Gute Güte, jetzt schon?“ fragte einer der Zwillinge mit erhobener Augenbraue. „Ich meine, er wird natürlich nicht jünger, Hermine, aber ist das nicht ein bisschen überstürzt?“
Hermine nippte an ihrer Brause und setzte den rätselhaft-unschuldigen Blick auf, den sie immer trug, wenn sie ungezogen war.
„Naja, du kennst mich doch“, meinte sie fröhlich. „Ich habe mir einen genauen Plan gemacht.“
Noch immer schwiegen alle gespannt, wobei zumindest Ginny erwartungsvoll grinste.
„Plan?“ fragte sein Bruder, die andere Augenbraue hochgezogen.
„Natürlich, ich plane immer vor.“ Ihr Ausdruck wurde noch unschuldiger. „In den nächsten zehn Jahren habe ich vor, das Geschäft auszubauen und so viele Kinder zu bekommen, wie wir vorhaben, also vermutlich drei. Wenn ich dreißig bin, gehe ich ins Ministerium. Ich bin davon überzeugt, daß ich mit fünfunddreißig Zaubereiministerin sein werde.“
Einen Moment lang herrschte verblüfftes Schweigen, dann sah Fred sich um.
„Ja, klar – HE, DUNG!“
„Was?“ Mundungus Fletcher, der schon ziemlich angeschlagen aussah, erschien.
„In zehn Jahren fliehen wir aus dem Land, Kumpel“, erklärte George ihm.
„Wir kennen sie“, grinste Fred in die Runde. „Wenn sie das vorhat, dann schafft sie das auch.“
„Sie sind ein tapferer Mann, Snape“, fügte George hinzu und prostete Severus zu. „Sie ist brilliant, aber furchterregend.“
„Ich weiß“, erwiderte Severus und betrachtete seine Frau liebevoll. „Was das anbetrifft, passen wir gut zusammen“.
Sie erwiderte sein Lächeln. „Das tun wir“. Um sie herum wurden die Gespräche wieder aufgenommen. „Und ich zumindest möchte es auch gar nicht anders haben.“
„So wie ich“. Lächelnd stimmte er ihr zu.