Survivors

von Dyce, übersetzt von Alcina vom Steinsberg
Das Original befindet sich hier: http://www.fanfiction.net/s/2544317/1/Survivors

Disclaimer: Das Hogwarts-Universum und seine Figuren sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling. Die Autorin, Dyce, und ich haben es uns nur ausgeliehen. Die Geschichte und der Apotheker gehören Dyce, mir nur ein paar Formulierungen :o).

Ü/N Ein riesenriesengroßes Dankeschön an meine unermüdliche und phantastische Beta, TheVirginian!
Reviews werden dankend entgegengenommen und an die Autorin weitergeleitet.


 
Kapitel 1
Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4
Kapitel 5-10



1. Kapitel

Seit dem Ende des Krieges und Voldemorts endgültiger Vernichtung waren beinahe drei Monate vergangen. Die Menschen gewöhnten sich langsam daran, wieder einmal überlebt zu haben und machten Langzeitpläne, die Geburtenrate stieg. Und Hermine fragte sich, was wohl aus Severus Snape geworden sein mochte. Seit seiner Entlassung aus St. Mungos zwei Monate zuvor hatte ihn niemand gesehen oder, soweit sie wußte, auch nur an ihn gedacht.

Und das nach all dem, was Voldemort ihm angetan hatte..... Dieser zumindest hatte nicht bezweifelt, daß Snape ein Verräter war. In St. Mungos hatte unter strenger Bewachung eine Anhörung stattgefunden, während Snape noch im Koma lag. Da Harry selbst Patient war und Ron... nicht mehr da, hatte Hermine den Großteil des Beweismaterials geliefert, inklusive einiger Details, die die Jungs vermutlich lieber verschwiegen hätten, wie etwa Snapes Einsatz im dritten Schuljahr, um sie vor einem Werwolf und einem verurteilten Mörder zu retten, oder Professor Dumbledores wiederholte Anspielungen Harry gegenüber in Bezug auf Snapes Fähigkeiten als Okklumens und Leglilimens. Das Gericht hatte unter Berücksichtigung aller Beweismittel entschieden, Professor Dumbledores Tod nicht als Mord, sondern als heroisches Opfer anzusehen.

Als er erwachte und sein Körper zu heilen begann, wurde Snape schließlich freigesprochen. Er war weder über sein Aufwachen noch über die unausgesprochene Anerkennung seiner Tat sonderlich erbaut und hatte, sobald es ihm gestattet wurde, St. Mungos verlassen und war verschwunden.

Ungefähr um diese Zeit war Hermine schließlich zusammengebrochen und hatte über einen Monat lang geweint. Ron war tot, und an manchen Tagen schien der Preis zu hoch selbst für Voldemorts Vernichtung.

Als sie sich schließlich wieder fing, begann sie, nach „ihren“ Leuten zu suchen und herauszufinden, wie es um sie stand. Harry fühlte sich zeitweilig verloren und verängstigt, aber er hatte Ginny, und die beiden würden es schaffen. Mit dem magischen Ersatz für seinen verlorenen Arm kam er erfreulich gut zurecht. Auch der Rest der Weasleys war soweit in Ordnung. Ihre Eltern, sicher in der Muggelwelt, hatten glücklicherweise das Schlimmste nicht mitbekommen. Luna war in Ordnung, ebenso wie Neville und die Lehrer, mit der Ausnahme des armen Professor Flitwick, dessen Verlust beinahe so schlimm schmerzte wie der Rons.

Niemand wußte jedoch, was aus Professor Snape geworden war - oder interessierte sich überhaupt dafür.

Hermine hatte es in Hogwarts versucht, ohne Erfolg. Von den Hauselfen erfuhr sie, daß Snape seinen gesamten privaten Besitz und seine Bücher mitgenommen hatte – von ihnen bis an die Grenzen des Geländes gebracht-, und dann verschwunden war. Wohin wußten sie nicht. Winky war jedoch mit ihm gegangen, wie sie zu ihrer Überraschung erfuhr. Die Hauselfe hatte verkündet, daß sich schließlich jemand um ihn kümmern müsse, und er habe auch sehr krank ausgesehen. Die anderen Hauselfen begrüßten es, daß Winky etwas Sinnvolles zu tun hatte und schenkten der Sache keine weitere Beachtung.

Madam Pomfrey konnte ihr letzendlich weiterhelfen. Sie hatte Zugang zu allen Lehrer- und Schülerdaten, falls diese über die Ferien benötigt wurden, gab ihr Wissen aber nur widerstrebend preis. Schließlich war sie unter Hermines Bitten und offenbarer Sorge weich geworden und hatte Snapes Sommeradresse herausgerückt.

Hermine apparierte im Hinterhof eines verlassenen Hauses, das langsam in sich zusammenfiel. Sich einen Weg durch den vollkommen verwilderten Garten suchend überlegte sie, ob sie wohl weit laufen mußte – nein. Direkt vor ihr neigte sich ein Straßenschild wie betrunken zur Seite, auf dem Spinner's End stand. Sie war in der richtigen Straße, und mindestens die Hälfte der Häuser war so baufällig wie das, aus dessen Garten sie kam. In der Ferne zogen Fabrikschornsteine ihren Blick auf sich. Auch jetzt, mitten am Tag, war kein Rauch zu sehen. Eine von den vielen Industriestädten, deren Fabriken seit langem geschlossen waren und die, ihres Einkommens beraubt, langsam vor sich hinstarben. Von dieser hier war nicht mehr viel übrig, obwohl sie vor zwanzig oder dreißig Jahren ein belebter Ort gewesen sein mußte.

Und hier war also Snapes Zuhause. Der Mann hörte wohl nie auf, sich selbst zu quälen.

Sie folgte der Straße bis zum letzten Haus. Ja, da war der übergroße Steindrache im Vorgarten, und das Haus sah zwar nicht sonderlich achtbar aus, war aber zumindest nicht vom Einsturz bedroht. Es sah klein und sah schäbig aus, trotz verschiedener Hinweise auf Winkys Anwesenheit - sauber geputzte Fenster, eine sorgfältig gekehrte Treppe und so weiter. Hermine konnte sich nicht vorstellen, daß Snape sich um den Zustand seiner Eingangstreppe scherte.

Sie stieg zur Haustür hinauf und klopfte vorsichtig. „Hallo?“, rief sie, falls Winky den Befehl hatte, die Tür Muggeln nicht zu öffnen, „Ich bin es - Hermine Granger.“

Einen Moment später ging die Tür auf, und vor ihr stand Winky, in einem sauberen rosa Kissenbezug anstelle ihrer Kleidung. Die kleine Elfe warf Hermine einen zutiefst mißtrauischen Blick zu. „Was will die Miss hier?“, wollte sie wissen. „Niemand braucht hier keine Kleider nicht.“

„Ich habe keine mitgebracht, Winky. Außerdem brauchst du gar keine. Ich wollte nur....“

Sie schwieg verlegen. Sie hatte sich auf die Suche nach Snape gemacht ohne weiter darüber nachzudenken. Sie hatte nur einen nach dem anderen gesucht, gefunden und wieder in ihr schwer erschüttertes Weltbild eingepaßt. Als sie Snape nicht fand, suchte sie gründlicher, doch er schien einfach verschwunden. Es war schlimm genug, daß manche gestorben waren und sie ihre Welt ohne sie einrichten mußte. Sie würde nicht zulassen, daß andere einfach daraus verschwanden.

„Ich habe mir Sorgen gemacht“, erklärte sie nach einer Weile. „Er hat das Krankenhaus verlassen, und niemand hat ihn seither gesehen.“

Winky entspannte sich etwas. Sie war offenbar erleichtert, daß die Verrückte Miss Hutversteckerin nicht gekommen war, um ein Gewese um Hauselfenfragen zu machen.

„Master Snape geht es nicht gut“, vertraute sie Hermine an und warf ihr einen sorgenvollen Blick zu. „Die Wunden, die der Dunkle Lord Master zugefügt hat, heilen nur langsam. Winky sorgt sich um ihn.“

Hermine nickte. „Ich bin froh, daß du hier bist und dich um ihn gekümmert hast“, sagte sie und schaute an Winky vorbei in das kleine, schäbige Wohnzimmer. „Er hätte hier sterben können, ohne daß es jemandem aufgefallen wäre.“

Winky nickte ärgerlich. „Niemand kommt und besucht Master Snape“, stimmte sie zu. „Miss Granger ist der erste Besuch, seit wir hergekommen sind. Keine Briefe, und er will keine Zeitung. Er sagt auch zu Winky sie soll gehen, aber sie bleibt. Winky mag – frei sein“, sie schauderte bei dem Wort, „aber sie weiß, wann man auf jemanden aufpassen muß.“

Hermine nickte. „Er war sehr tapfer“, sagte sie leise. „Er war der einzige, der es wagte, so beim Dunklen Lord zu spionieren.“ Er hatte auch eine Menge Dinge getan, die alles andere als bewundernswert waren. Aber in Hermines Augen machte seine Bereitschaft, sein Leben für eine nachtragende und undankbare Zauberergesellschaft zu riskieren, eine ganze Menge wett.

Winky nickte mißmutig. „Und niemand schätzt, was er getan hat“, fügte sie mürrisch hinzu. „Er glaubt, er ist unerwünscht. Winky denkt, er will sich hinlegen und zu Tode grämen, aber Winky läßt es nicht zu.“

„Gut für dich, Winky“, lächelte Hermine. „Darf ich hereinkommen? Ich würde gerne nach ihm sehen und schauen, wie es ihm geht. Ich bin keine Medihexe, aber ich habe ein bisschen was gelernt. Vielleicht kann ich helfen.“

„Wenn Miss Granger helfen kann, ist Miss Granger willkommen“, sagte Winky und machte die Tür weit auf. „Master Snape wird schreien, er wird immer böse, wenn man ihm hilft, aber Miss Granger darf nicht darauf achten.“

„Darin habe ich jahrelange Übung“, versich(t)erte ihr Hermine und trat in einen zellenähnlichen Raum.

Ihr bibliophiles Herz machte einen Satz beim Anblick all der Bücher. „Wo ist er?“

„Master Snape hat das Bett heute noch nicht verlassen“, meinte Winky sorgenvoll. „Das passiert immer öfter. Wenn Winky Speisen bringt, ißt er, aber nur wenig. Winky denkt....“, ihre Lippe zitterte, als sie fortfuhr: „Winky denkt, Master Snape will nicht gesund werden.“

Hermine biß sich auf die Lippen. „Tatsächlich?“, sagte sie grimmig. „Bring mich auf sein Zimmer. Und Winky – warne ihn nicht vor.“ Sie grinste plötzlich. „Eine unerwartete Irritation könnte etwas von seinem Feuer entzünden.“

Winky nickte. „Etwas ist gut daran, daß Winky frei ist“, gab sie zu und öffnete eine hinter einem Bücherregal vesteckte Tür, „sie kann tun, was für den Master gut ist, nicht nur, was Master befiehlt.“ Sie führte Hermine eine schmale Treppe hinauf.

Wie versprochen warnte Winky Snape nicht vor, sondern trottete ins Schlafzimmer, murmelte besorgt vor sich hin und hob ein paar Bücher vom Boden auf. Mindestens eines sah aus, als sei es geworfen worden. Kein gutes Zeichen - wenn er bereits so gleichgültig war, daß er es riskierte, ein Buch zu beschädigen...

Hermine trat ein. Daß sie bei seinem Anblick nicht erschrocken zusammenzuckte, lag nur daran, daß sie durch den Krieg immun dagegen geworden war.

Snape lehnte mit geschlossenen Augen in den Kissen. Die Narben in seinem Gesicht waren kaum verblaßt seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, und die eine, die über seine nun leere linke Augenhöhle lief, war immer noch tiefrot entzündet. Er hatte inzwischen noch mehr Gewicht verloren, dabei hatte er schon vorher nichts zuzusetzen gehabt. Trotz seiner Größe hatten Luna und sie keine Schwierigkeiten gehabt, ihn aus Voldemorts Versteck herauszutragen. Jetzt würde sie es vermutlich sogar alleine schaffen.

Das lockere Nachthemd, das er trug, konnte die Narben um seinen Hals nicht verbergen, und die hochgerutschten Ärmel entblößten die Verbrennungen auf seinen Armen und seine verstümmelten Hände. Nur sieben Finger waren übriggeblieben. Wenigstens waren ihm noch beide Daumen geblieben, die wollte Voldemort für später aufbewahren.

Hermine trat näher. Der unbekannte Schritt erregte seine Aufmerksamkeit oder hatte ihn sogar geweckt. Sein verbliebenes Auge öffnete sich, während seine verstümmelte Rechte nach seinem Zauberstab auf dem Nachttisch tastete. Er richtete seinen unergründlichen Blick für einen langen Moment lang auf sie, bevor sich der gewohnt geringschätzige Ausdruck über seine Züge legte. Mit einem leichten Drehen des Kopfes wandte er den Blick von ihr ab.

„Gehen Sie fort.“

„Nachdem ich eine ganze Woche lang nach Ihnen gesucht habe? Ich denke nicht daran.“ Hermine trat ans Bett und zwang sich, ihn mit kühler Unvoreingenommenheit zu betrachten. „Sie sehen beschissen aus“, sagte sie unverblümt.

Er drehte sich überrascht zu ihr hin. Er hatte sie noch nie zuvor fluchen gehört - wie auch sonst niemand - und vor allem nicht über ihn.

„Wie bezaubernd. Haben Sie für diesen markanten kleinen Kommentar auch eine ganze Woche gebraucht? Was für ein Armutszeugnis für Ihren gewohnten Übereifer!“

„Nein, das war eine improvisierte Beleidigung. Ich werde über die nächste gründlicher nachdenken, wenn Sie wünschen.“ Hermine fischte ihren Zauberstab heraus. „Halten Sie still.“

„Das werde ich ganz sicher nicht!“ Er setzte sich leicht schwankend auf.

„Miss Granger, nehmen Sie ihren Zauberstab und verfügen Sie sich und Ihr unverschämtes Herumschnüffeln aus meinem Haus! Und das unverzüglich!“

„Nein.“ Sie schenkte ihm ein süßes Lächeln. „Was wollen Sie tun, Professor? Mich nachsitzen lassen? Hauspunkte abziehen? Das funktioniert nicht mehr.“

Sein Auge verengte sich. „Was wollen Sie?“

„Wissen, daß mein leidenschaftlicher Appell an den Wizengamot Ihretwegen nicht vergeblich war“, sagte sie scharf. „Ich habe mir den Mund fusselig geredet, um Sie vor Askaban zu bewahren, Severus Snape, und ich habe nicht die geringste Absicht, Ihrem langsamen Verfall zuzuschauen.“

Er runzelte die Stirn und blickte sie durchdringend an. „Also habe ich Ihnen für meine - Entlastung zu danken“, knurrte er. „Verschwinden Sie, Miss Granger. Ich will weder Ihre Einmischung noch ihre Hilfe und schon gar nicht Ihr Mitleid.“

„Das Erste sind Sie nicht in der Lage zu verhindern.“ Sie begenete ruhig seinem Blick.

„Das Zweite bekommen Sie, ob Sie wollen oder nicht. Das Dritte habe ich nie angeboten und habe nicht die Absicht es jetzt zu tun.“ Sie ging neben dem Bett auf die Knie, um ihm den Größenvorteil zurückzugeben und schwang ihren Zauberstab mit einem einfachen Diagnosezauber über ihn.

„Dankbarkeit, ja. Aber Mitleid – niemals.“

Er stieß die Luft mit einem wütenden Zischen aus, doch sie hatte richtig vermutet. Er war zu schwach, um ihrem Zauberspruch etwas entgegenzusetzen, der Zauberstab lag nutzlos in seiner Hand. Die Erkenntnis, daß er fast bis zur Machtlosigkeit entkräftet war schockierte sie. Sie hatte ihn nie sonderlich gemocht, aber er hatte immer so mächtig und stark gewirkt. Ihn als - als sterblich zu sehen, war erschreckend. Sie setzte sich auf die Fersen zurück und betrachtete erneut sein Gesicht mit einer Aufmerksamkeit, wie sie es an der Schule nie getan hatte. Schmerz und Qual hatten tiefe Linien hineingegraben, Linien, die in den letzten Monaten tiefer geworden, aber schon immer da gewesen waren. Er war blaß wie immer, Zeichen von ständigem Streß und wohl auch Unterernährung.

Kurz gesagt, er sah aus wie das, was er war - ein Mann um die Vierzig, der leicht als zehn Jahre älter durchgehen konnte, zermürbt und ausgelaugt durch jahrelange Belastung bis zum letzten Stoß, der ihn hatte zusammenbrechen lassen, zu schwach sogar, um sie fortzuschicken.

„Winky, gibt es hier noch ein Schlafzimmer?“, fragte sie ruhig. Winky bejahte, und Snape warf ihnen beiden einen giftigen Blick zu.

„Warum fragen Sie, Miss Granger?“

„Richte es bitte her, Winky. Ich werde eine Weile hierbleiben“, antwortete sie, erstaunlich ruhig. Sie fühlte sich nicht ruhig. Sie wußte nicht, was sie empfand. Verwirrt, wütend, schuldig, unglücklich, zielstrebig... alles Teil eines verwirrenden Ganzen.

„Das werden Sie nicht!", zischte Snape.

„Doch, das werde ich.“

Er verzog das Gesicht zu einem höhnischen Lächeln. „Sie geben einen besonders unüberzeugenden und unattraktiven barmherzigen Samariter ab, Miss Granger“, fauchte er. „Geben Sie es besser auf, bevor Sie sich endgültig zum Narren machen.“

Sie erhob sich. „Nein“, gab sie gelassen zurück, „es kümmert mich nicht, was Sie von mir denken, Professor. Aber man schuldet Ihnen etwas. Man ist Ihnen etwas schuldig. Wenn sonst niemand diese Schuld anerkennt, fällt das wohl mir zu.“

Etwas in ihrem Ton brachte ihn zum Schweigen, und das eine schwarze Auge blickte sie mit einem rätselhaften Ausdruck an. Sie nickte, drehte sich um und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.

Das Schweigen hielt nicht lange an.

Während der nächsten Tage erlebte Hermine die gesamte wütende und gewaltige Bandbreite an Zorn und Boshaftigkeit, zu der Severus Snape in der Lage war. Sie war beeindruckend, einfallsreich und nimmermüde. Er beleidigte ihre Intelligenz, ihr Auffassungsvermögen, ihre Stärke, ihre Ausbildung, ihre Technik, ihre Einstellung und ihr Aussehen. Es verletzte sie, aber sie bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen und ließ sich nicht provozieren. Wenn sie antwortete, dann ruhig und ehrlich. Wenn sie nicht antwortete, machte sie ein neutrales Gesicht und ignorierte ihn einfach.

Sie wußte, daß ihn diese ihre Fähigkeit erstaunte und vermutete, daß es an ihrer Muggelstämmigkeit lag.

Ihre Großmutter war nach langer Krankheit gestorben, als Hermine klein war. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie, sechsjährig, ihren Vater unter Tränen gefragt hatte, warum Granny oft so bösartig war. Er hatte ihr erklärt, daß ständige Schmerzen, vor allem, wenn sie lange anhielten, dem Betroffenen langsam die Selbstbeherrschung raubten, bis er irgendwann um sich schlug und das nicht mehr verhindern konnte. Sie hatte es damals nicht wirklich verstanden, aber heute half ihr dieses Wissen.

Half ihr zu verstehen, warum er so verzweifelt um sich schlug, wie er es schon immer getan hatte, half ihr, sich selbst zumindest teilweise davon zu distanzieren.

Zauberer verbrachten selten viel Zeit mit chronisch Kranken. Jeder, der so schwer erkrankt oder verletzt war, daß er nicht sofort geheilt werden konnte kam sofort ins Hospital, und auch das dauerte in der Regel weitaus weniger lang als in der Muggelwelt.

So ertrug sie seine Ausbrüche, auch wenn diese zunehmend ätzender wurden. Und nach neun Tagen geschah das Wunder: Anstatt zu brüllen oder knurren, als sie mit einem Tablett in sein Zimmer kam, sah er sie an und fragte: „Dankbarkeit wofür?“

Hermine blinzelte. „Wie meinen Sie das, 'Dankbarkeit wofür?'“ Sie zog sich einen Stuhl ans Bett und nahm Platz. Sie tunkte ein sauberes Tuch in die Schüssel auf dem Tablett – ein Destillat aus Murtlapessenz, Tausendgüldenkraut und ein paar anderer Zutaten. Winky hatte ihr Bestes gegeben, aber sie wußte nicht viel vom Heilen und hatte nicht viel mehr erreicht, als Snapes Narben, seine Umgebung und ihn selbst sauber zu halten. Sein Aussehen hatte das verbessert, wie Hermine mit makabrer Belustigung feststellte.

Er versuche nicht einmal, seine Hand wegzuziehen, als sie danach griff, den Ärmel hochschob und begann, die Narben auf seinem Arm mit der Lösung einzureiben.

„Als Sie ankamen, sagten Sie, daß ich Ihre Dankbarkeit hätte und nicht Ihr Mitleid. Wofür Dankbarkeit?“

„Oh, für Vieles“, gab sie zur Antwort und arbeitete sich sorgfältig an seinem dünnen Arm entlang. „Möchten Sie eine Liste?“ Er zuckte nicht mehr zurück, als sie ihn berührte, was sie als Fortschritt ansah.

„Ein Beispiel reicht. Nicht, daß ich erwarte, daß Sie sich auf eines beschränken.“

Er biß sich auf die Lippen, als sie sich nun zur Hand vorarbeitete und die Stümpfe benetzte, wo der Zeige- und der kleine Finger gewesen waren.

„Ein einziges Beispiel. Also gut.“

Sie wechselte zum anderen Arm. „In meinem dritten Schuljahr haben Sie sich einem Werwolf und einem verurteilten Mörder entgegengestellt - von dem Sie wußten, daß er es auf Sie persönlich abgesehen hatte -, bewaffnet mit nichts als einem alten Groll und Ihrem Zauberstab, um drei Schüler zu beschützen, die Sie nicht ausstehen konnten.“

„Ein schlechtes Beispiel. Ich hätte mich Black und Lupin auf jeden Fall entgegengestellt, auch wenn Sie nicht so dumm gewesen wären, sich einzumischen.“

Er starrte sie finster an, ließ sie aber gewähren, als sie ihren Stuhl zum Kopfende rückte und den Kragen seines Nachthemdes lockerte, um die dickeren Narben an seinem Hals zu behandeln. „Entgegengestellt sicher. In weniger als neun Minuten von Lupins Büro zur Heulenden Hütte gerannt aber wohl eher nicht.“

Er blinzelte, was ihr ein feines Lächeln entlockte. “Ich habe ein Denkarium und eine Stoppuhr benutzt, um das herauszufinden.“

Snape hob überrascht seine Augenbraue.

„Warum das denn? Und was wollten Sie damit beweisen?“

„Sie beide haben uns das gesagt, als sie gingen, wissen Sie. Professor Lupin sah von seinem Büro aus, wie Ron in den Tunnel unter der Peitschenden Weide gezogen wurde, und Sie sahen ihn vom gleichen Platz aus in den Tunnel verschwinden. Es war leicht, die Erinnerung zu verfolgen und Ihrer beider Zeit zu nehmen.“

Er war nun ernsthaft interessiert, und sie erzählte weiter, die Narben in seinem Gesicht dabei behutsam betupfend, was er bisher nicht zugelassen hatte.

„Ich habe es selbst ausprobiert, gehend und laufend. In normaler Gehgeschwindigkeit braucht man etwa achtzehn Minuten, ohne anzuhalten. In Eile vielleicht vierzehn. Laufend - soweit das möglich war - schaffte ich es, in weniger als elf Minuten keuchend in die Heulende Hütte zu stolpern. Professor Lupin schaffte es in zwölf, ohne zu keuchen, aber er ist erstaunlich fit.“

Sie ließ das Tuch sinken und fing seinen einäugigen Blick auf. „Sie haben es in weniger als neun Minuten geschafft. Sie müssen den ganzen Weg gerannt sein.“

„Sie unterschätzen meinen Hass auf Black, Miss Granger", sagte er, etwas ruhiger geworden.

„Oh nein. Wenn Sie nur Sirius Black im Sinn gehabt hätten, hätten Sie sich Fudge geschnappt, ein paar Dementoren zusammengetrommelt, wären auf dem Besen zur Heulenden Hütte gesaust und hätten sich als genüßlicher Zuschauer zurückgelehnt. Das hätte kaum länger gedauert.“

Sie schüttelte ihren Kopf. „Und er befand sich bereits seit Wochen in der Hütte. Es gab keinen Grund, ihn oder Professor Lupin ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt zu fangen. Die einzige kritische Komponente waren drei sehr, sehr dumme Kinder, die unbekümmert in die Hände einer Person liefen, von der Sie nur annehmen konnten, daß es sich um einen grausamen und erbarmungslosen Killer handelte.“

Snape rutschte unruhig hin und her und brummte mürrisch, sagte jedoch nichts. Hermine fuhr fort: „Sie schnappten sich Ihren Zauberstab und rannten hinter den Kindern her, uns vermutlich mit jedem Atemzug für unsere unsägliche Dummheit verfluchend. Für dieses Husarenstück hätten Sie mit Freuden jeden von uns von der Schule fliegen lassen, wenn Sie gekonnt hätten, davon bin ich fest überzeugt.“ Sie zuckte mit den Achseln und fing seinen Blick erneut ein. „Aber Sie hätten uns nicht sterben lassen.“

Ein Muskel zuckte in seiner angespannten Wange, in seinem mageren Gesicht nur allzu sichtbar. „Verschwinden Sie“, knurrte er und wandte den Kopf ab.

Hermine nickte. Damit hatte sie gerechnet. Er hielt mit Klauen und Zähnen an seinem Schutzpanzer des Abscheulichen Fettigen Widerlings fest, und es machte ihn wütend, Löcher darin zu sehen. Sein plötzlicher Zorn bedeutete, daß sie wohl einen Nerv getroffen hatte.

„Die Schüssel lasse ich hier“, meinte sie gelassen, „Winky kann sich um die restlichen Narben kümmern. Wenn sie das nicht kann – und das wird sie mir sagen -, komme ich wieder, hexe Ihnen das Nachthemd vom Leib und mache es selbst. Ich mache nicht mit bei Ihrer Selbstkasteiung.“

Ein Schwall giftiger Flüche folgte ihr aus dem Zimmer.

In der folgenden Nacht wurde Hermine von panischen Angstschreien geweckt. Neville, soufflierte ihr vernebeltes Hirn, als sie im Halbschlaf aus dem Bett kletterte. Harry, Ginny, Bill... alle hatten sie Alpträume. An ihrer Tür war sie wach genug um zu wissen, wo sie sich befand und wessen Alptraum sie geweckt hatte und rannte über den kurzen Flur zu seinem Schlafzimmer. Die Tür stand offen. Winky war bei ihm, aber ihre flehentlichen Bitten konnten ihn nicht wecken, und der Klang ihrer Stimme schien nicht gerade hilfreich.

„Still, Winky“, flüsterte sie und beugte sich über das Bett. Sein Auge stand weit offen, ohne etwas zu erkennen, während er gegen die Bettlaken kämpfte und seine Hände sich verzweifelt in Gesten von Zaubersprüchen bewegten. Sein angstvolles Jammern und Wimmern schnitt ihr ins Herz. Sie hätte sich gewünscht, ihr wäre all dies nicht so vertraut gewesen...

„Professor!“ - Nein, das brachte jetzt nichts, er war zu tief in seinem Traum verstrickt.

„Severus“, sagte sie sanft und gab ihrer Stimme einen freundlichen und beruhigenden Klang. „Severus, sieh mich an. Ist ja gut, alles ist in Ordnung. Es ist nur ein Traum.“

Sie legte die Hände auf seine Brust und Wange, bemüht, ihn nur ganz leicht zu berühren. „Sch, sch, ist ja gut, Severus. Du träumst nur. Sieh mich an, Severus, es ist gut. Du bist in Sicherheit, schsch...“

Sie sprach ihn immer wieder an und wiederholte ihre Worte, bis er langsam ruhiger wurde und aus dem Traum auftauchte. Endlich blinzelte er und wandte ihr den Blick zu.

„Wa – was -“ Er holte zitternd Luft. „Miss Granger -“

„Hermine“, berichtigte sie und nahm ihre Hände fort. „Under diesen Umständen – Hermine.“

Er versteifte sich, und sie begriff, wie sehr ihn ihre Gegenwart beschämen mußte.

„Ist schon in Ordnung“, meinte sie mit einem wehmütigen Lächeln. „Wirklich. Nach allem was geschehen ist schläft keiner von uns mehr jede Nacht durch. Sie können mich dann wecken, wenn ich an der Reihe bin.“

Er nickte langsam und entspannte sich wieder. „Ich nehme an, daß es heutzutage wohl nichts Ungewöhnliches ist“, gab er erbittert zu. „Ich – werde mich revanchieren, Miss Granger.“ Er verzog das Gesicht, als hätte er auf etwas besonders Bitteres gebissen.

„Danke“, brachte er schließlich heraus, eindeutig alles andere als dankbar.

„Gern geschehen.“ Sie stand auf. „Winky soll Ihnen Tee oder so bringen. Irgendwas beruhigend Alltägliches. Ich finde, es hilft.“

Er nickte verwundert, und sie schlüpfte gähnend hinaus. Erst als sie wieder in ihrem Zimmer war, wurde ihr bewußt, was sie trug. Sie grinste amüsiert beim Anblick ihres zarten elfenbeinfarbenen Satinnachthemds. Entweder war es die perfekte Nacht, um so etwas zu tragen – oder die absolut falsche. Sie konnte beim besten Willen nicht sagen, was er von so einem Kleidungsstück in ihrem Besitz hielt, oder von der Tatsache daß sie es trug und vor allem davon, daß sie es in seinem Haus trug. Aber gleichgültig, ob es seine Meinung von ihr hob oder minderte - ihr Anblick hatte zumindest einen Großteil seiner Panik vertrieben. Das war doch immerhin etwas.

Tee!

Sie platzte in sein Schlafzimmer, beschämte ihn, da sie ihn in einem Moment noch größerer Schwäche sah, blieb dabei zum Verrücktwerden gelassen und stolzierte aus Gott weiß welchem Grund in einem knappen Muggelhemdchen durch die Gegend – und dann besaß das Weib die Frechheit ihm TEE zu empfehlen!

Severus bemerkte, daß er mit den Zähnen knirschte und mußte sich zum Aufhören zwingen. Die Kopfschmerzen, die er davon bekam, konnte er jetzt wirklich nicht brauchen. Er setzte sich auf und stopfte sich seine Kissen in den Rücken. Winky brachte den empfohlenen Tee und, wie er mit einem stummen Seufzer bemerkte, auch ein paar Kekse. Das war ihr einfach nicht abzugewöhnen. „Das reicht,“ befahl er. Sie betrachtete ihn besorgt, nickte aber und verschwand.

Es war wohl nur Winkys Verdienst, daß er am Leben geblieben war seit seiner Rückkehr hierher. Er war nicht besonders dankbar dafür.

Ein kleiner, objektiver Teil seines Gehirns identifizierte seinen Zustand als eine schwere, klinische Depression, bei der eine posttraumatische Belastungsstörung sicher ihre nicht unbedeutende Rolle spielte. Nerven, über Jahre bis an ihre Grenzen und darüber hinaus belastet, hatten schließlich nachgegeben. Der analytische Teil seines Geistes verstand, warum er keinen besonderen Grund mehr hatte, um am Leben zu bleiben. Doch ändern konnte er daran nichts.

Es hatte ein wenig geholfen, sein Elend und seine hilflose Wut an dem Mädchen auszulassen. Wenn sie stärker darauf eingegangen wäre, hätte es wohl mehr gebracht, aber zumindest hatte sie nicht immer verbergen können, wie sehr er sie verletzt hatte. Das war immerhin etwas. Meistens jedoch schienen seine Worte einfach an ihr abzuperlen, was ihn äußerst verdroß.

Snape nippte stirnrunzelnd an seinem Tee. Weshalb war sie eigentlich hier? Von ihrer Feststellung am ersten Tag abgesehen hatte sie es nie begründet. Man schuldete ihm etwas... wer sollte ihm wohl etwas schulden? Und weshalb nur sah sie es als ihre Verpflichtung an, diese angebliche Schuld einzulösen? Ihre Anwesenheit war und blieb ein Rätsel, und das irritierte ihn.

Sie war eine Gryffindor. Gryffindors waren Gefühlsmenschen und hatten romantische Ehrvorstellungen. Möglicherweise dachte sie, daß Potter ihm etwas schuldete und versuchte diese Schuld zurückzuzahlen. Oder die Schule... oder sogar die gesamte Zauberergesellschaft. Das konnte passen... er galt als „Held“ (was für ein erbärmlicher, übelkeiterregender Gedanke, er wußte nicht, warum das so komisch wirkte), und man schuldete ihm Anerkennung und Lob. Bekommen hatte er nichts davon. Und so war Hermine Granger, mit ihrem Wuschelhaar, ihrer Hartnäckigkeit und ihrer plötzlichen und befremdlichen Reife gekommen, um sich persönlich darum zu kümmern. Um sich um ihn zu kümmern, schwach wie er war, sein Temperament und seine Beleidigungen zu ertragen, um ihm die Fürsorge und den Respekt zu geben, die er verdiente und die man ihm versagte. Es war eigentlich gar nicht komisch, wenn er darüber nachdachte.

Morgen würde er aufstehen. Aufstehen, kräftiger werden und dieses aufdringliche kleine Weibsstück, das sich in alles einmischte, aus seinem Haus werfen. Eigenhändig.

„Warum tut Hermine das?“, fragte Winky am nächsten Tag. „Kommt her und bedient Master Snape wie eine Hauselfe?“

Hermine blinzelte. Für eine Hauselfe mußte es wohl genauso aussehen, dachte sie.

„Das ist – kompliziert, Winky“, sagte sie nach einer Pause.

Sie waren am Polieren. Winky hatte einen kleinen Schock bekommen, als Hermine zu ihr nach unten kam und aufs Helfen bestand. Als Hermine ihr erklärte, daß sie eine Beschäftigung brauchte, hatte sie es gestattet. Ruhelosigkeit schien sie zu verstehen. Und sie benutzte endlich Hermines Vornamen.

„Kompliziert.“ Winky rieb eifrig an einem Kerzenständer aus Messing. „Meistens heißt das, jemand weiß es selbst nicht so genau, oder will es nicht sagen. Wenn es das zweite ist, wird Winky nicht fragen, aber wenn es das erste ist, sollte Hermine darüber nachdenken.“

Hermine nickte. „Ich vermute, das sollte Hermine wirklich“, stimmte sie zu und rieb mit einem weichen Tuch behutsam über einen silbernen Bilderrahmen. Das sich bewegende Zauberfoto in dem Rahmen zeigte eine dünne Frau mit einem flachen Gesicht, die ein schwarzhaariges Kleinkind mit einer merklichen Hakennase im Arm hielt. Severus – seit der letzten Nacht waren sie in ihren Gedanken definitiv auf Vornamensbasis – war überraschend niedlich als Kind, obwohl er schon damals sein kleines Gesicht störrisch verzogen hatte.

„Ich möchte ihn nicht verlieren“, sagte sie nach einer Weile weich. „Nicht, daß wir jemals Freunde gewesen wären. Wir wußten die meiste Zeit nicht einmal, daß wir Verbündete waren. Aber er ist – er ist mir altvertraut, verstehst du? Er ist Teil meiner Welt, auch wenn das ein Teil ist, den ich nicht sonderlich mag.“

Winky nickte. „Die Welt hat sich sehr, sehr verändert“, stimmte sie ernst zu. „Besonders dieses Jahr. Viele gute Dinge sind verschwunden, viele Dinge sind für immer anders. Winky ist froh, daß sie etwas Vertrautes hat. Jemanden, der sie braucht.“

Hermines Kehle wurde eng. „Vor ein paar Monaten... habe ich jemanden verloren, den ich sehr liebte“, sagte sie ruhig. „Der einzige Mensch, in den ich je verliebt war. Und andere Freunde sind ebenfalls gestorben. Noch mehr sind verletzt und verstümmelt worden.“ Ihre Stimme brach, und sie schaute auf das Bild hinunter, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. „Ich nehme an, daß es sehr selbstsüchtig von mir ist, aber ich kann es nicht zulassen, daß er einfach – verschwindet. Schlimm genug, daß Menschen fortgehen, weil sie sterben. Aber der Welt zu sterben während man noch am Leben ist...“

Winky langte über den Tisch und legte ihre kleine Hand auf Hermines. „Winky weiß, wie es ist, Leute zu verlieren“, sagte sie leise. „Winky ist froh, daß Hermine Master Snape daran hindert, sich selbst zu verlieren.“

Hermine schüttelte den Kopf. „Das würde ich gerne, Winky, aber ich fürchte, das kann ich nicht. Es ist mein Wunsch zu helfen, aber....“ sie schnaufte frustriert. „Menschen sind so schwierig in Ordnung zu bringen“, gab sie reumütig zu. „Wenn er eine – eine Uhr wäre, oder ein Trank, dann könnte ich ihn auseinandernehmen oder in seine Bestandteile destillieren, herausfinden, was nicht stimmt und es in Ordnung bringen. Aber ich kann es nicht. Alles was ich tun kann ist hier zu sein. Ob es hilft oder nicht. Wenigstens weiß er, daß er nicht vergessen worden ist.“

„Es hilft, daß Hermine da ist“, sagte Winky voller Ernst und mußte dann grinsen.

„Sie gibt Master Snape etwas zum Nachdenken und zum Anschreien. Er verläßt jetzt das Bett, und heute morgen hat er eine Teetasse geworfen. Hermine hinauswerfen zu wollen, ist ein guter Grund um gesund zu werden.“

Hermine blinzelte und lachte kläglich. „Nun, wenn es auf diese Weise funktioniert, kann man das wohl als Hilfe rechnen.“ Sie warf noch einen Blick auf den kleinen Severus, bevor sie das Bild beiseite legte und nach einer Handvoll silberner Löffel griff.

oOoOoOo



2. Kapitel

Hermine hatte Molly Weasley eine kurze Eule mit ihrer Adresse und einer Erklärung geschickt, daß sie Zeit brauche, um mit sich und ein paar Angelegenheiten ins Reine zu kommen. Molly würde wohl annehmen, daß Rons Verlust gemeint war, was auch stimmte, und alle wissen lassen, daß es ihr gut ging und sie allein sein wollte.

Zumindest stellte Hermine sich das so vor. Genau zwei Wochen nach ihrer Ankunft öffnete sie die Haustür und fand Harry und Neville davor.

Toll. Gaaaanz toll. Zwei der Menschen, die Severus am meisten verabscheute. Er regte sich schon genug über ihre eigene Anwesenheit auf, und das bekam ihm nicht besonders.

„Was wollt ihr denn hier?“, wollte sie wissen und schlüpfte hinaus. Über die Schulter warf sie einen Blick auf Winky, die in dem kleinen Wohnzimmer wartete.

„Ich gehe kurz raus“, erklärte sie, „laß nicht zu, daß er herunterschleicht und mich aussperrt. Ich habe meinen Zauberstab bei mir, und wenn es sein muß, werde ich die Tür einreißen.“

Winky nickte amüsiert. Hermine schloß die Tür hinter sich und schob die Jungen um die Hausecke, wo es nur wenige schmale Fenster gab und Severus sie hoffentlich nicht bemerkte.

„So, und jetzt nochmal: was wollt ihr hier? Und warum schaut ihr mich so an?“

„Weil du ein blaues Auge hast?“, erwiderte Neville kleinlaut.

Hermine stutzte und befühlte ihr linkes Auge. Er hatte recht. Severus hatte letzte Nacht wieder einen Alptraum gehabt, und während sie versuchte, ihn wach zu bekommen hatte er geschafft, wozu er in wachem Zustand trotz allem zu gut erzogen war: er hatte sie ins Gesicht geschlagen. Sie hatte den Heilungsprozeß natürlich beschleunigt, morgen würde nichts mehr davon zu sehen sein. Doch der Prellung, die er ihr zugefügt hatte, hatte ihn so schockiert, daß sie das noch ein bißchen hatte auskosten wollen.

„Stimmt. Aber das erklärt nicht, warum ihr hier seid.“

„Wir haben uns Sorgen um dich gemacht“. Harry machte Anstalten, ihre verfärbte Wange zu berühren. Als er sich jedoch bewußt wurde, daß er seine künstliche, hellgoldenfarbene Hand gehoben hatte, ließ er sie wieder sinken.

„Was zum Teufel tust du hier? Und wer bitte ist 'er', der dich nicht aussperren soll?“, wollte er mürrisch wissen. „Und wie bist du zu dem blauen Auge gekommen?“

„Ich bin hier, weil sonst niemand hier bleiben würde“, gab sie bissig zurück. Es lief nicht besonders gut, und es machte keinen Sinn, es verharmlosen zu wollen.

„Das Haus gehört Professor Snape, Harry. Ich bin schon seit ein paar Wochen hier und -“, sie bekam keine Chance, ihre Erklärung zu beenden.

„WESSEN Haus?“, stieß Harry ungläubig hervor, wurde aber zu seiner sichtlichen Überraschung von Neville übertönt.

„Hat er dich geschlagen?“ Nevilles gutmütiges Gesicht war ungewohnt finster verzogen. „Er hat dich geschlagen. Ich werde -“

„Es war keine Absicht, Neville“, erklärte Hermine bestimmt und umfaßte seine Hände, bevor er explodieren konnte. Beim Anblick seiner erhobenen Augenbrauen wurde ihr klar, wie seltsam das klang.

„Wirklich, es war keine Absicht. Genauso wenig, wie es damals keine Absicht war, als du mich beinahe durch dieses Fenster gestoßen hast.“ Sie zuckte die Schultern und lächelte ihm halbherzig zu. „Keiner von uns hat heutzutage einen guten Schlaf. Ich habe ihn aus einem Alptraum aufgeweckt und beruhigt, aber nicht, bevor er nicht einen Treffer landen konnte. Gott allein weiß, wer er gedacht hat daß ich bin.“

Neville entspannte sich und nickte. Jeder von ihnen hatte irgendwann während des Krieges Schläge abbekommen oder ausgeteilt, wenn jemand aus einem Alptraum aufwachte. So wenig er Severus auch leiden konnte, das blaue Auge zumindest durfte er ihm nicht zum Vorwurf machen.

Harrys Blick dagegen war noch immer finster. „Das erklärt nicht, was du hier überhaupt machst“, sagte er kühl. „Warum bist du hier, Hermine?“

Warum war sie hier? Severus wollte das ebenfalls wissen, fragte jedoch nicht. Winky hatte gefragt, aber wenn überhaupt, hatte sie nur eine Teilantwort bekommen. Und sie selbst war sich auch nicht immer sicher.

„Weil sonst niemand da ist“, wiederholte sie schulterzuckend. „Snape ist zu schwach, um sich um sich selbst zu kümmern, und Winky hat auch nur begrenzte Möglichkeiten. Zumal er ständig versucht, sie rauszuschmeißen. Als er Hogwarts verließ, ist sie ihm gefolgt, weil er miserabel aussah. Was sollte ich tun, Harry? Ihn in seinem einsamen Elend verrotten lassen?“

„Warum nicht? Er kriegt nur, was er verdient“, gab Harry erbittert zurück. Mochte Snape nun ein Spion sein, ein Märtyrer oder keines von beidem, er konnte ihm Dumbledores Tod nicht vergeben. Als er erfuhr, daß Hermine Snape entlastet hatte, war Harry außer sich gewesen. Und daß er ihr deswegen nicht die Meinung gegeigt hatte, lag nur daran, daß er sie, als er es herausfand, als schluchzendes Häufchen Elend antraf.

„Der Prozeß war schlimm genug, Hermine, aber das hier -“

„Verschon mich, Harry“, gab Hermine zurück, „wir wissen alle, daß du Snape schon seit der ersten Klasse haßt. Es hat nichts mit dem zu tun, was er getan hat und was nicht, und das weißt du ganz genau.“

Harry sah überrascht auf.

„Als wir ihn fanden, folterten sie ihn langsam zu Tode“, fuhr sie grimmig fort. „Erinnerst du dich, Harry? Er hat ein Auge verloren, drei Finger und ein paar Fußzehen, und sie haben ihm die Haut von den Füßen abgezogen. Er hat überall Narben, seine Lunge und Nieren sind geschädigt, und er lag wochenlang im Koma... er ist genug bestraft, Harry, selbst dir sollte das reichen.“

„Aber-“

„Kein Aber!“ Hermine starrte ihn wütend an. „Du hast ihn nie leiden mögen, Harry. Auch Ron konnte ihn nie ausstehen, und Neville hat Angst vor ihm.“ Bei der Erwähnung von Rons Namen kippte ihre Stimme.

„Mir ist das egal. Er hat mehr durchgemacht als jeder von uns, Harry, selbst du. Aber anstatt daß wir ihm auf unseren verdammten Knien für seine Opfer danken, hielt es niemand für nötig, auch nur den geringsten Gedanken daran zu verschwenden, ob der noch am Leben ist oder nicht, nachdem er St. Mungos verlassen hatte. Ich jedenfalls bin kein selbstsüchtiger, nachtragender und undankbarer Trottel, und ich werde NICHT zulassen, daß er da oben liegt und sich langsam zu Tode hungert, weil es für ihn keine Rolle mehr spielt, ob er lebt oder stirbt.“

„Gut. Wenn es das ist, was du willst, entschuldige, daß wir dich behelligt haben.“ Harry stolzierte wutschnaubend davon. Hermine mußte sich zwingen, nicht – wie früher - hinter ihm herzulaufen, besänftigend, tröstend und erklärend. Harry brauchte sie nicht mehr.

Für ihn war Ginny da, wie auch Remus, Tonks und die Weasleys, von den überlebenden Mitgliedern von Dumbledores Armee und den Lehrern von Hogwarts ganz zu schweigen.

Severus dagegen war allein, ganz und gar allein. Wenn sie nicht blieb und sich um ihn kümmerte, würde er sterben. Und niemand außer Winky um ihn trauern. Kein Mensch hatte das verdient, und sie ließ nicht zu, daß es ihm geschah.

Neville berührte sie sanft am Arm. Hermine bemerkte erst jetzt, daß sie zornig vor sich hingemurmelt hatte. Er lächelte kläglich.

„Ich verstehe“, sagte er. „Das heißt – du weißt, daß ich mich ihm freiwillig nicht auf hundert Meilen nähern würde. Aber ich verstehe dein Bedürfnis, hierzubleiben. Ich werde – ich versuche es den anderen zu erklären. Paß auf dich auf, ja?“

„Das mache ich.“ Sie schaute ihm nach, als er hinter Harry herlief. Neville war ein lieber Kerl, aber dieses Einfühlungsvermögen war neu. Seltsam, aber wohltuend.

Als sie zurückkam, war die Tür war verschlossen.

Seufzend umrundete Hermine das Haus, ließ die Scheibe des Küchenfensters verschwinden, kletterte hinein und setzte das Fenster wieder instand. Sie fand ihn in dem mit Büchern vollgestopften Wohnzimmer, die schwarze Robe um seine erbärmlich dünne Gestalt geschlungen und auf die Haustür starrend, als erwarte er, daß sie sie niederriß.

„Es ist wohl müßig, darauf zu hoffen, daß Sie nicht gelauscht haben“, meinte sie gelassen. Statt erschrocken aufzufahren, wie sie halb erwartet hatte, drehte er sich nur zu ihr um und starrte sie eisig an.

„In der Tat, das ist es“, gab er erbittert zurück. „Ich sagte Ihnen bereits, daß Ihr Mitleid weder erwünscht noch akzeptiert ist, Miss Granger.“

„Und ich sagte Ihnen, daß sie von mir keines bekommen.“ Sie betrachtete ihn gleichmütig.

„Anteilnahme und Mitleid sind nicht dasselbe.“

„Haarspalterei!“ fauchte er. „Ein letztes Mal, Miss Granger: verlassen Sie mein Haus, lassen Sie mich in Frieden, und beenden Sie ihre verfluchte Einmischung ein für alle Mal!“

Hermine kreuzte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. „Nein. Ob Sie es wollen oder nicht, Severus, ich werde Sie nicht aufgeben.“

Ihr wurde bewußt, daß sie seinen Vornamen das erste Mal benutzt hatte, während er vollständig wach war.

„Sich Freiheiten herauszunehmen, wird Sie mir kaum mehr gewogen machen, Miss Granger“, knurrte er. „Ich kann mich nicht erinnern, Ihnen den Gebrauch meines Vornamens gestattet zu haben.“

„Nach allem, was wir durchgemacht haben, haben wir das beide verdient.“ Sie begegnete seinem wütenden Blick mit Gelassenheit. „Jetzt noch vorzugeben, daß wir uns kaum kennen, ist ziemlich witzlos, finden Sie nicht auch?“

„Nein“, grollte er, „das finde ich nicht. Sie wissen nichts über mich, Miss Granger, und ich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie nicht vorgäben, es zu tun.“

Hermine schüttelte den Kopf. „Sie wären überrascht. Als Harry dieses Buch vom Halbblutprinzen fand, habe ich mich erkundigt, wissen Sie. Und wußte lange vor ihm Bescheid. Die Heirat Ihrer Mutter war genauso wie Ihre Geburt im Anzeigenteil des Tagespropheten zu finden. Und – naja. Ich habe weitergesucht – Sie wissen doch, wie das bei mir ist, wenn etwas meine Neugier geweckt hat.“

Snape runzelte die Stirn. „Gibt es einen besonderen Grund, der Sie in meine Privatspähre eindringen ließ, Miss Granger, oder geschah das lediglich zu Ihrer – Unterhaltung?“ Er klammerte sich an den letzten Rest seiner Selbstbeherrschung, und hätte seine Zauberkraft für mehr als nur ein paar Funken gereicht, hätte er ihr damit längst seine Meinung kundgetan.

Hermine dachte über seine Frage nach. Genau. „Ich war einfach neugierig, was Sie anbelangt“, gab sie zu. „Bei genauerem Nachhaken sind die meisten Menschen recht einfach zu begreifen. Sie dagegen – Sie sind ein sehr komplexer, komplizierter Charakter. Bis heute ahne ich bei der Hälfte ihrer Taten nicht, aus welchem Grund Sie sie begangen haben.“ Hermine begegnete seinem Starren mit Gleichmut. „Sie sind eine Herausforderung, Severus. Ich kenne Sie besser als Sie vermuten, aber verstehen – nein. Davon kann kaum die Rede sein. Ich glaube, niemand versteht Ihre Motivation.“

Er betrachtete sie lange und unergründlich. Es war ihm anzusehen, wie er ihre Worte wog und besah, ihr stillschweigendes Kompliment über seine Komplexität, ihr Eingeständnis, trotz ihres Herumschnüffelns und ihres Wissens kaum etwas herausgefunden zu haben.

Weniger scharf als gewohnt gab er zurück: „Ich darf mich wohl glücklich schätzen, daß Sie zumindest nicht vorgeben, mich zu verstehen. Bitte verfallen Sie auch künftig nicht diesem Irrglauben.“

Das Abwägen war offenbar ein wenig zu ihren Gunsten ausgefallen.

„Nein.“ Hermine warf ihm einen Blick zu. „Wie ist es, kommen Sie mit hinunter in die Küche zum Mittagessen? Winky würde sich freuen, wenn es Ihnen gut genug dafür geht.“

Snape erhob sich und arrangierte seine Robe um sich herum. „Ja, vorausgesetzt, Sie sind in der Lage, in gediegener Stille zu essen“, antwortete er kühl. „Sollte Ihr Geschnatter nicht aufhören, lasse ich Winky Ihre Mahlzeit auf Ihr Zimmer bringen.“

„Ich denke, ich werde mich aufs Essen konzentrieren können, wenn ich mir Mühe gebe.“ Sie trat beiseite und ließ ihn vor. Es war wichtig, ihm Respekt zu erweisen.

Er bemühte sich nach Kräften, seinen früheren selbstbewußten, energischen Schritt zu imitieren, da er sich von ihr beobachtet wußte. Er kam keine drei Schritte weit, bevor seine versehrten Füße ihm den Dienst versagten und ihn stolpern ließen. Hermine fing ihn instinktiv auf, bevor er stürzen konnte. Sie hielt ihn mit Leichtigkeit, denn seine schwere Robe schien mehr Masse zu haben als er selbst. Als sie aufsah, begegnete sie seinem überraschten, ja fast furchtsamen Blick, nur wenige Zentimeter entfernt.

„Beeilen Sie sich ein wenig gemächlicher, Severus“, meinte sie freundlich und hielt seinem Blick stand, während sie ihn behutsam stützte. „Selbst der mächtigste Zauberer erholt sich nicht von heute auf morgen von dem, was Sie durchgemacht haben.“ Sie ließ ihn los und bemühte sich, möglichst unauffällig in seiner Nähe zu bleiben.

Einen Moment lang schien er unsicher, dann nickte er knapp und schlurfte, sie möglichst ignorierend, mühsam in Richtung Küche.

Nach dem Essen hinkte Severus wieder nach oben. Hermine bestand darauf, ihm die Treppe hinauf zu folgen, was er nach Kräften abzuwehren versuchte, um dann grollend zu ignorieren, wie ihre besorgten Blicke ihm den Flur entlang folgten.

Die ungewohnte Anstrengung hatte ihn erschöpft, aber er wollte nicht zurück ins Bett. Statt dessen schlurfte er an seinen Schreibtisch und ließ sich erleichtert in den bequemen Stuhl davor sinken. Seine Schmerzen hatten nachgelassen, zeitweise sogar vollständig aufgehört.

Doch das Gehen strapazierte seine versehrten Füße, und er geriet durch die geringste Anstrengung außer Atem.

Es hatte ihn erstaunt, wie genau Hermine über seine Verletzungen Bescheid wußte. Sie mußte ihn in St. Mungos besucht haben, während er im Koma lag. Er wußte, daß ihn jemand vom Orden besucht hatte, bisher aber nicht wer. Wie seltsam, daß sie über ihn Bescheid wußte, während er kaum etwas davon ahnte, was der Krieg ihr angetan hatte. Daß der Weasley-Junge umgekommen war, wußte er. Er konnte sich auch an die entscheidende Schlacht erinnern, obwohl er sie nur teilweise bei Bewußtsein mitbekommen hatte. Er erinnerte sich vage an welliges, braunes und glattes, dunkelblondes Haar, das über ihm hing, während Magie ihn auf einem Brett fixierte und ihn aus Voldemorts Versteck schwebte.

Sie hatte sich verändert. Verschwunden war die übereifrige Schülerin, das Mädchen. An seine Stelle trat eine verschlossene, fast verbissene junge Frau, die seine Sticheleien ignorierte und ihn mit gehetztem Blick beobachtete. Eine Frau, die ihm nie Sympathie entgegengebracht hatte und nun trotzdem mit derselben beschützenden Freundlichkeit über ihn wachte, die sie jedem ihrer Freunde gewährte. Die sich bemühte, ihn zu verstehen.

Severus war noch immer ungehalten über ihr Eindringen in seine Privatsphäre. Aber zumindest gab sie nicht vor, zu wissen, was ihn antrieb oder ähnlicher Unsinn. Im Gegenteil, ihr Eingeständnis, daß er schwer zu lesen und verstehen war, schmeichelte ihm sogar. Zumal er sich nicht erinnern konnte, daß sich bisher überhaupt jemand die Mühe gemacht hatte zu versuchen, ihn zu verstehen. Er war sich nicht sicher, was dieses Gefühl für ihn bedeutete. 'Beunruhigend' traf es wohl am ehesten.

Weshalb ließ ausgerechnet Hermine Granger ihm diese beunruhigend ernstgemeinte, fürsorgliche Aufmerksamkeit angedeihen? Einem versehrten, ehemaligen Spion mit zerrütteten Nerven, dessen Existenz sonst kein Schwein interessierte?

Nicht zum ersten Mal in seinem Leben machte er eine Bestandsaufnahme seiner selbst.

Die Finger und Zehen waren verloren. Keine Magie konnte nachwachsen lassen, was vom Körper abgetrennt worden war, besonders nicht durch Voldemorts Methoden. Sein Auge war ebenfalls zerstört, einen magischen Ersatz hatte er abgelehnt. Lungen und Niere waren so gut wie möglich wiederhergestellt worden, aber Voldemorts dunkle Magie bekämpfte den Heilungsprozeß, ein gewisser Schaden würde bleiben. Dieselbe dunkle Magie verlangsamte die Heilung seiner Narben und der geschundenen Füße, wobei seine innere Einstellung nicht gerade geholfen hatte, wie man ihm sagte. Ein Muggel, der nicht gesund werden wollte, vermochte seinen Heilungsprozeß in bemerkenswerter Weise zu verlangsamen. Wollte ein Zauberer nicht genesen, hielt er seine Leiden für verdient, war es ungleich schwerer, seinen Körper zur Heilung zu bringen.

Emotional war er ein Wrack. Seine Kaltblütigkeit war komplett dahin... die Schrecken, die ihn nächtens heimsuchten, waren nichts Neues. Nun aber kamen die Panikanfälle sogar tagsüber, und er wagte es kaum, das Haus zu verlassen. Er quälte sich mit Selbstverachtung: für seine Taten würde er niemals Vergebung erlangen können, noch hatte er sie verdient.

Einem Albus Dumbledore mochte der Glauben an die höhere Sache geholfen haben. Einem Severus Snape jedoch, dessen Träume vom Aufmarsch vorwurfsvoller Gespenster heimgesucht wurden, half er nicht.

Alles in allem ein unnützes, überflüssiges Stück Mensch, dachte Severus grimmig. Er wäre besser gestorben. Nur die jahrelange Gewohnheit und der verbissene Wille, zu überleben, hatten ihn davon abgehalten, selbst tätig zu werden. Simple Vernachlässigung tat das Ihre und hätte ausgereicht, hätten sich nicht Winky und die unselige Hermine eingemischt.

Sein Geist beschritt diesen wohlbekannten Pfad mit Leichtigkeit. Hoffnungslos, wertlos und abscheulich, besser tot als am Leben... oft schon war er diesen mentalen Weg gegangen.

Die Erinnerung an sanfte Arme, die ihn schützend hielten, und einen warmen, liebevoll besorgten Blick wollte nicht zu diesem gedanklichen Pfad passen und weigerte sich dennoch beharrlich, verdrängt zu werden, auch wenn er es immer wieder versuchte. Beide Gedankenstränge rangen miteinander, während er an seinem Schreibtisch saß, blind und taub für die Welt, die um ihn herum in der Dunkelheit und Kälte des Vorfrühlings versank.

„Es ist nichts Ernstes“, versicherte der Heiler Hermine, die besorgt im Flur vor dem Schlafzimmer gewartet hatte. „Nur eine Erkältung, verschlimmert durch seinen geschwächten Zustand. In ein paar Tagen ist er wieder in Ordnung, wenn er gut gepflegt wird.“

Hermine kaute unglücklich auf ihrer Unterlippe. „Seit ein paar Tagen verläßt er wieder das Bett“, erklärte sie. „Er war heute das erste Mal unten, und wir nahmen an, daß er schläft. Winky hat erst viel später nach ihm gesehen und ihn in dem ungeheizten Zimmer am Schreibtisch gefunden.“

„Das wird es gewesen sein“, stimmt der Heiler, ein kleiner, stämmiger Zauberer mit gepflegtem braunen Haar und einem buschigen Schnurrbart namens Achille Emendis, zu.

„Sie werden ein Auge auf ihn haben müssen, Miss... Granger, nicht wahr?“

Hermine nickte. Da sie weder wußte, wo sie einen lokalen Heiler hätte finden können, noch wie sie einem solchen Severus' Verletzungen hätte erklären sollen, hatte sie ihren Ruhm als Freundin Von Harry Potter Die Mit Dabeigewesen War eingesetzt, um einen Heiler aus St. Mungos für einen Hausbesuch zu bekommen.

„Das werde ich. Er – widersetzt sich der Genesung zu einem gewissen Grad. Nach einem solchen Trauma... ich nehme an, Sie haben seit Kriegsende mehr als nur ein paar Fälle davon erlebt.“

„Zu viele“, stimmte er ihr traurig zu. „Posttraumatischer Streß, die Schuld des Überlebenden, schlichte Verzweiflung... manchmal ist es schwer, zu den Betroffenen durchzudringen.“

Er warf ihr einen neugierigen Blick zu. „Wenn Sie die Frage gestatten: sind Sie mit ihm verwandt?“

Hermine schüttelten den Kopf. „Eine ehemalige Schülerin“, erklärte sie in der Hoffnung, ihn damit zufriedenzustellen. „Ich kenne ihn schon lange und weiß, daß er keine Familie hat.“

Und reichlich unsympathisch war er ihr auch gewesen, auch wenn sie seine Intelligenz und Zauberkraft immer bewundert und respektiert hatte.

„Ich verstehe.“ Der Heiler schien erleichtert über einen plausiblen und vor allem unverfänglichen Grund für die Anwesenheit einer sehr jungen Frau im Haus eines Zauberers mittleren Alters. Nach Hermines Erfahrung waren die meisten Magier reichlich prüde.

„Nun, er kann sich glücklich schätzen, Sie zu haben, Miss Granger. Manch eine arme Seele hat niemanden, den sie dieser Tage um Hilfe bitten kann.“

„Er hat mich nicht gebeten. Tatsächlich setzt er mich täglich mindestens einmal vor die Tür.“

Sie lächelte kläglich. „Ich ignoriere das. Er ist – naja, sein Urteilsvermögen ist im Moment nicht gerade das Beste. Wenn er soweit ist, daß er mich tatsächlich aus dem Haus werfen kann, dann gehe ich vielleicht.“

Emendis lächelte. „Ich sehe, Sie verstehen etwas von Kranken. Nehmen Sie nicht zu persönlich, was er von sich gibt, erst recht nicht jetzt.“ Er tätschelte ihr freundlich den Arm.

„Durch das Fieber ist er in den nächsten Tagen möglicherweise etwas desorientiert.“

„Das habe ich bemerkt. Ich werde mich gut um ihn kümmern und Sie rufen, sollte es ihm schlechter gehen.“

Der Heiler nickte und verabschiedete sich. Hermine schlüpfte zurück ins Schlafzimmer. Severus schlief, sein mageres Gesicht schweißnaß. Sie zog sich einen bequemen Stuhl ans Bett. 'Desorientiert' war eine harmlose Umschreibung seines Zustandes, als er das letzte Mal aufgewacht war.

Die folgende Nacht verbrachte sie auf zwei in ein Feldbett verwandelten Stühlen, da sie ihn nicht allein lassen wollte. Gegen drei Uhr früh hatte er wieder einen Alptraum, diesmal ohne Schreie, die sie auch in ihrem Zimmer gehört hätte. Selbst jetzt dauerte es eine Weile, bis sein schwaches Wimmern sie weckte. Noch im Halbschlaf war sie an seinem Bett, doch sein Anblick machte sie schlagartig hellwach. Sie hatte ihn bisher panisch erlebt, wütend, wild und gehetzt, aber noch nie hatte sie ihn weinen gesehen. Wie ein Embryo fest zusammengerollt lag er da, seine kläglichen, leisen Schluchzer vom Kissen gedämpft. Seine Augen waren offen, doch er reagierte nicht auf ihre Berührung.

„Severus“, flüsterte sie und legte behutsam ihre Hand um seine geballte Faust, während er sie blind anstarrte, „Severus, wachen Sie auf... schsch, ist ja gut, es ist nur ein Traum...“

Er vergrub sein Gesicht im Kissen und murmelte etwas Unverständliches. Vorsichtig ließ sie sich auf der Bettkante nieder und stupste ihn behutsam. „Ist ja gut“, murmelte sie, ihrer Stimme so viel Ruhe wie möglich verleihend, „schsch, ist ja gut...“

Diesmal verstand sie, was er murmelte.

„Es tut mir leid“, flüsterte er, noch immer die Dämonen seines Traums anstarrend, „es tut mir leid, es tut mir so leid...“

„Ich weiß“, sagte sie leise und befühlte seine Stirn. Noch immer fiebrig. Sie strich ihm behutsam das Haar aus dem Gesicht und keuchte erschrocken auf, als seine Hände plötzlich ihre freie Hand umklammerten. Er setze sich auf und starrte sie mit diesem befremdlichen, ausdruckslosen Blick an.

„Es tut mir leid“, flehte er, „es tut mir so leid... ich meine es ernst... bitte, es tut mir so furchtbar leid...“

„Ich weiß, daß Sie es ernst meinen“, sagte sie hilflos. „Es ist gut, Severus. Lassen Sie sich davon nicht mehr bekümmern, ja? Es ist jetzt alles gut.“

Er starrte sie einen einen Moment lang an, unsicher schwankend. Hermine hob den Arm, um ihn zu stützen, und er lehnte sich mit einem leisen, unglücklichen Laut an sie, der ihr das Herz brach. Sanft schloß sie ihn in die Arme, seinen Kopf auf ihrer Schulter.

„Sch“, wisperte sie und wiegte ihn sanft, „ist ja gut. Alles ist gut. Ich bin ja da.“

Die heiße Stirn an ihre Halsbeuge gepreßt, klammerte er sich an sie, und sie hörte nicht auf, ihn zu wiegen und ihm beruhigend zuzuflüstern. Langsam entspannte er sich, und seine Schluchzer gingen in langsame, abgehackte Atemzüge über. Schließlich machte er sich von ihr frei und betrachtete sie verwirrt, Erkennen im Blick.

„Hermine?“ fragte er überrascht, „was -?“

Errötend ließ sie ihn los. „Sie haben Fieber“, erklärte sie und befühlte prüfend seine Stirn, „und Sie hatten einen Alptraum. Beides zusammen hat Ihnen wohl ziemlich zugesetzt.“

Severus nickte mit gerunzelter Stirn – mehr aus Verwirrung denn aus Mißbilligung.

„Es war – schlimm“, gab er zu, „aber Sie haben es besser gemacht.“ Gähnend legte er sich zurück und ließ sich von ihr wieder zudecken, was gar nicht so ungewöhnlich schien, wie man hätte annehmen können.

„Danke.“

Hermine lächelte. „Gern geschehen. Ich bleibe hier und passe auf, in Ordnung?“

Er nickte und gähnte erneut. „Danke“, murmelte er schläfrig, „bitte bleib hier.“

Dann war er eingeschlafen.

Hermine fand so schnell keinen Schlaf. Dableiben sollte sie? Seit wann denn das? Meinte er nur jetzt, während er schläfrig und verwirrt war? Oder solange er krank war? Oder – der Mann sagte im unpraktischsten Moment, was er wirklich dachte. Dann zum Beispiel, wenn er nach dem Erwachen alles gefahrlos abstreiten konnte.

oOoOoOo



3. Kapitel

Es hatte ziemlich lange gedauert, bis Draco den Mut aufbrachte, um hierherzukommen. Dank seiner Mutter wußte er schon länger, wo Snapes Haus sich befand – nicht aber, ob er den Mann überhaupt wiedersehen wollte.

Snape hatte ihn von Anfang an belogen. Er hatte dem Tränkemeister vertraut, dessen Anerkennung und sein großzügiges Lob geschätzt. Erst als er seinen eigenen Auftrag bekommen hatte, unsicher, ob er ihn würde ausführen können, hatte er er sich gegen den älteren Mann gewandt - aus Furcht, die Chance auf Rehabilitierung seiner Familie zu verlieren. Und selbst dann war Snape noch zu seiner Rettung gekommen, hatte Dumbledore getötet und ihn beschützt. Aber er war ein Spion, war es die ganze Zeit gewesen.

Draco war Askaban nur um Haaresbreite entgangen. Obwohl technisch gesehen ein Todesser, hatte er wahrheitsgemäß schwören können, daß sein Leben und das seiner Familie bedroht worden waren. Immerhin hatte er zum Schluß Potter unterstützt, wenn auch mehr getragen von der Angst vor Voldemort als aus einem anderen Grund. Seine Mutter hatte Recht behalten – die Wahrheit konnte eine bessere Verteidigung sein als jede Lüge, wenn man sie klug anwandte. Auch sie, die noch weniger mit Voldemort zu schaffen gehabt hatte als er, war entlastet worden. Heute waren sie zwar verarmt und gesellschaftliche Außenseiter, der Großteil des Familienvermögens war beschlagnahmt. Aber er war frei und am Leben, nur das zählte.

Selbst jetzt wußte er nicht, welche Fragen er Snape eigentlich stellen wollte. Das heißt – er wüßte es schon.

Aber wie ein Kind zu ihm zu laufen, um Bestätigung bettelnd, daß Snape ihn wirklich gemocht hatte, ihn aus Liebe beschützt hatte und nicht, weil es ihm nützte... nein.

Er klopfte an die schmale, schäbige Tür. Wenn er vor ihm stand, würden ihm die Fragen, die er stellen sollte, vielleicht einfallen, dachte Draco stirnrunzelnd.

Die Tür ging auf.

„Was machst DU denn hier?“ platzte er verblüfft heraus, als er sich Hermine Granger gegenübersah, die ihn stumm betrachtete. Sie sah verändert aus. Ihr Haar war zu einem festen Zopf geflochten, und sie machte einen müden, abgespannten Eindruck.

„Das könnte ich dich genauso fragen“, gab sie zurück, wenig begeistert, ihn zu sehen. „Was willst du?“

„Ich wollte zu Professor Snape“, anwortete Draco. „Er wohnt doch hier, oder?“

„Ja.“ Sie trat zurück und ließ ihn in das erbärmlich kleine, zellenähnliche Wohnzimmer eintreten.

„Hast du ihn von deinem Kommen unterrichtet?“

„Nein.“ Draco verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete sie finster. Sie hier anzutreffen, von allen Leuten...

„Was machst du hier, Granger?“

„Ich kümmere mich um ihn“, erwiderte sie kühl, „irgend jemand muß es ja tun.“ Sie ignorierte Dracos Starren und trat vor einen der Bücherschränke. Dieser ließ sich öffnen und gab eine schmale Treppe frei.

„Ich sage ihm Bescheid, daß du hier bist. Wenn er dich sehen will, reg ihn bitte nicht auf, Draco. Das bekommt ihm nicht gut.“ Sie knallte den Bücherschrank hinter sich zu.

Draco starrte ihr überrascht hinterher. Hermine Granger? Hier? Die sich 'um ihn kümmerte'? Was hatte das verschlagene kleine Schlammblut im Sinn? Sie konnte doch wohl nicht glauben, daß sie Severus Snape austricksen oder ködern konnte... und auch wenn sie sich seit der Schulzeit zum Positiven verändert hatte, gab es an ihr nichts besonders Anziehendes. Warum also war sie hier? Warum hatte Snape sie nicht rausgeschmissen?

Er musterte die anderen Bücherschränke und überlegte, ob er nicht wieder gehen sollte, als die verborgene Tür aufging. Er drehte sich um, um Granger den Kopf zu waschen, und zuckte erschrocken zusammen.

Snape lächelte dünn. „Ich fürchte, du hast mich nicht gerade auf dem besten Fuß erwischt, Draco“, meinte er trocken. In einer makabren, unbeabsichtigten Parodie seines typischen Gangs hinkte er zum Sessel und ließ sich ächzend nieder. „Was führt dich her?“

Beim Anblick des Mannes, den er von Kindheit an respektiert und bewundert hatte, blieben Draco die Worte im Hals stecken. Die tiefen, stark geröteten Narben, seine extreme Magerkeit und offensichtliche Schwäche... Er begriff nun, was Granger mit 'um ihn kümmern' meinte.

„Ich – ich wollte Sie sehen“, begann er lahm und verfluchte sich dann selbst. Von allen Banalitäten, die er von sich geben konnte...

„Jetzt hast du mich ja gesehen.“ Snape lehnte sich zurück und musterte seinen früheren Schüler mit abschätzendem, einäugigem Blick. „Bist du nur zur Freakshow gekommen, Draco, oder wolltest du sonst noch etwas?“

„Ich – ich hatte keine Ahnung, daß es Ihnen so schlecht geht“, gab dieser zu. „Sonst wäre ich eher gekommen.“ Das entsprach sogar der Wahrheit. Der Tränkemeister war auf eine zurückhaltende Weise stets freundlich zu ihm gewesen und hatte ihm kostbare Anerkennung und Zustimmung gewährt. Draco war sich nicht bewußt, daß es kaum einen Menschen gab, der ihm mehr bedeutete.

Snape starrte ihn durchdringend an und verzog dann den Mund zu einem kleinen Lächeln. „Außer Miss Granger weiß kaum jemand Bescheid“, gab er zu, „und, wie dir sicher bekannt ist, ist sie sehr neugierig. Es war nicht beabsichtigt, daß sie es herausfinden sollte.“

Draco nickte. „Ich verstehe. Aber Sir – WARUM ist sie hier?“, wollte er verwundert wissen. „Warum haben Sie sie nicht einfach rausgeschmissen?“

Das Lächeln verschwand. Snape senkte den Blick. „Ich kann es nicht“, gestand er grimmig ein. „Zu geschwächt durch die Verletzungen und eine schwere Erkältung kürzlich. Ich bin im Moment schlicht nicht in der Lage, das elende Gör aus meinem Haus zu entfernen. Sei versichert, daß ich sie eigenhändig hinauswerfen werde, sobald ich körperlich dazu fähig bin.“

Draco schluckte. Snape eine Schwäche zugeben zu hören war so außergewöhnlich, daß es schon sehr ernst sein mußte.

„Ich verstehe.“ Er ließ sich auf die Ecke des schmalen Sofas nieder. Stirnrunzelnd fuhr er fort: „Das erklärt aber nicht, warum sie-“

„Draco, wenn dich Miss Grangers Gegenwart so interessiert, solltest du das besser mit ihr selbst besprechen. Im Gegensatz zu mir wird sie dir ihre Gründe sicher gerne erläutern.“

Draco nickte betreten. „Ich – natürlich, Sir.“ Er betrachtete seine Hände. „Meine Mutter bat mich, sie zu entschuldigen“, wich er aus. „Im Moment ist sie nicht in der Lage, einen Besuch zu machen, vielleicht später einmal. Sie bat mich, Ihnen dafür zu danken, daß Sie Ihr Wort hielten.“

Snapes Ausdruck glättete sich ein wenig. „Grüße sie von mir. Und - beschönige bitte deinen Bericht über mich. Ich muß erst wieder zu Kräften kommen. Kein Grund, sie unnötig zu beunruhigen.“

Draco nickte. „Das werde ich. Sie – sie regt sich im Moment so schnell auf, ich möchte es ihr nicht noch schwerer machen.“

Snape nickte grimmig. „Ich nehme an, du willst wissen, wo während des Krieges meine Loyalitäten lagen.“

Draco zuckte zusammen, und Snape verzog den Mund. „Man muß keine Gedanken lesen können für diese Frage. Ich an deiner Stelle wollte es wissen.“

„Ja.“ Draco ballte die Hände in seinem Schoß. „Ich frage mich, warum – warum Sie so oft die Seite gewechselt haben.“

„Das habe ich nicht“, gab Snape kühl zur Antwort. „Ich habe nur ein einziges Mal die Seite gewechselt, Draco. Ich bereute meinen Treueschwur an den Dunklen Lord, kehrte mich ab und ging zu Dumbledore. Er nahm mich auf und hat mir vergeben. Von dem Moment an war ich nur ihm gegenüber loyal, ihm und meinem eigenen Gewissen.“

Dracos überraschtes Starren ließ ihn eine Augenbraue heben. „Ich habe eines. Es mag verkümmert sein, aber es existiert.“

„Sie haben mir beigebracht, daß ein Gewissen Schwäche bedeutet“, warf er Snape mit finsterem Blick vor. Snape hatte ihn also angelogen.

Snape schloß sein Auge für einen Moment und dachte nach. „Soweit ich mich erinnere, brachte ich dir bei, daß nur die Schwachen ihrem Gewissen gestatten, sie zu plagen. Es gibt einen schlechten Herren ab, wie auch Wut, Angst und Stolz.“ Er öffnete sein Auge wieder und sah Draco voll an. „Man sagt, Stolz mache einen guten Diener, doch einen schlechten Herrn, wie du sicher weißt. Ich hatte versucht, dir indirekt den Nutzen aller dieser vier Eigenschaften begreiflich zu machen, vorausgesetzt, man hält sie unter Kontrolle. Nur wenn sie dich kontrollieren bedeuten sie Schwäche.“

„Warum hast du mir das nicht einfach gesagt?“ blaffte Draco. Wie sehr er sich geirrt hatte... Snape war nicht anders als sein Vater, erwartete von ihm, daß er nur durch geringste Andeutungen begriff, was er wissen mußte.

„Ich wagte es nicht!“ Snape setzte sich wütend aufrechter hin. „Ich habe versucht, dich auf sicherere Wege zu führen als die, die deine Eltern für dich wählten, aber ich wagte nicht, das zu offensichtlich zu tun. Wenn ich ihr oder dein Vertrauen verloren hätte-“

„Ich hätte dir nicht vertrauen dürfen!“ Es war Draco egal, daß er unvernünftig war. Zu wissen, daß noch jemand, dem er vertraut hatte, ihn angelogen, ihn wie ein dummes Kind behandelt hatte, dem man nicht vertrauen konnte, schmerzte zutiefst. „Du hast mich die ganze Zeit über belogen -“

„Ich wollte dich beschützen!“, brüllte Snape zurück. Beide hatten sich erhoben und standen sich zornfunkelnd gegenüber. „Wenn dein Vater auch nur vermutet hätte, daß ich dich auf Abwege führe -“

„Ach, es war also zu meinem Besten? Und ich war nur zu dumm, um das zu verstehen?“ Dracos Stimme, heiser vor Wut, wurde immer lauter.

„Natürlich, jetzt verstehe ich! Ich habe für dein Wohlwollen gefälligst dankbar zu sein, nicht wahr? Du hast mich blindlings in die Arme der Todesser rennen lassen, weil du um mein verdammtes Wohlergehen zu verdammt besorgt warst, um mich davor zu WARNEN!“

Snape holte tief Luft, um zurückzubrüllen – und rang nach Atem. Er taumelte, eine Hand vor die Brust gepreßt, und versuchte krampfhaft und vergeblich, Sauerstoff in die Lungen zu bekommen. Draco stand, zu Tode erschrocken, stocksteif da, ohne die geringste Ahnung, was er tun sollte oder konnte...

Hinter ihm wurde eine Tür aufgerissen, und ein schmaler, blaugekleideter Schatten flog an ihm vorbei. Hermine konnte den kreidebleichen Snape gerade noch auffangen, als er erneut taumelte und half ihm auf das Sofa.

„Mach Platz!“, zischte sie Draco wutentbrannt zu. „Ich habe doch gesagt, du sollst ihn nicht aufregen!“

Sie fiel neben Snape auf die Knie, fischte eine kleine Phiole aus der Tasche und hielt sie ihm an die Lippen.

„Trinken Sie“, sagte sie mit einer Stimme, die sanfter und wärmer war, als Draco sie sich je hätte vorstellen können. „Entspannen Sie sich. So ist's gut.“

Die gespenstische Blässe ließ nach, und Snapes Atmen setzte mühsam wieder ein.

„Ja, gut so. Nicht sprechen“, fügte sie hinzu, als er den Mund öffnete. „Bleiben Sie still liegen und entspannen Sie sich, bis Ihr Atem wieder gleichmäßig ist. Sie wissen, was der Heiler gesagt hat.“

Hermine erhob sich und sah Draco stirnrunzelnd an. „Und du kommst mit mir“, fuhr sie ihn zänkisch an, „und zwar sofort.“

Sie griff nach seinem Arm und zog ihn durch die offene Tür, die, wie die andere auch hinter einem Bücherschrank verborgen gewesen war.

Immer noch fassungslos, ließ Draco sich durch einen dunklen, engen Flur in ein winziges Speisezimmer führen, das offenbar als hoffnungslos überfülltes Studierzimmer diente.

„Es ist doch schon Monate her“, meinte er besorgt mit einem Blick Richtung Flur. „Wie lange wird es noch dauern, bis er wieder ganz gesund ist?“

Hermine warf ihm einen finsteren Blick zu. „Er wird nicht mehr ganz gesund“, stellte sie fest. „Er wird sich noch weiter erholen, aber niemals vollständig.“

Draco fühlte seine Gesichtszüge entgleiten. „Niemals?“ fragte er entsetzt. Snape hatte immer so stark gewirkt, beinahe unverwundbar...

„Nein, niemals. Die Verletzungen sind einfach zu schwer. Seine Lungen sind dauerhaft geschädigt. Er hat meistens keine Probleme damit, aber wenn er sich überanstrengt oder aufregt... du hast ja gesehen, was passiert.“ Sie wandte den Blick zur Seite. Draco bemerkte überrascht, daß sie das traurig machte, und nicht etwa froh, wie er angenommen hätte.

„Es ist hart für ihn, daß er so viel verloren hat. Nun hat er nicht einmal mehr seine Gesundheit.“

Draco nickte langsam. „Warum bist du hier?“ fragte er wieder, diesmal tatsächlich an der Antwort interessiert. Hermine zuckte die Achseln.

„Er braucht mich“, meinte sie leise. „Naja, er braucht – irgend jemanden. Wenn man bedenkt, daß du der erste Besucher seit meiner Ankunft bist und daß er längst gestorben wäre, bevor du herkamst, wenn ich nicht aufgekreuzt wäre... ich bin sozusagen vom Schicksal beauftragt worden.“ Sie lächelte trocken.

„Ob du es glaubst oder nicht, ich bin geradezu froh, daß du gekommen bist. Daß ihn jemand – irgend jemand – sehen will, kann für seine Gemütsverfassung nur gut sein.“

„Aber du hast ihn doch immer gehaßt.“ Draco runzelte die Stirn. Selbst für eine alberne, oberflächlich edle und aufopfernde Gryffindor ergab ihr Verhalten keinen Sinn.

„Warum nur tust du das? Warum – keine Ahnung, aber warum hast du nicht mich oder einen der anderen Slytherins zu Hilfe geholt?“

„Ja, klar – sobald ich euch drauf aufmerksam gemacht hätte, hätte es euch auf einmal gekümmert“, fuhr Hermine ihn an.

„Ich war die einzige, die sich die Mühe gemacht hat, nach ihm zu sehen. Ich hätte ihn niemandem anvertrauen können, den ich erst hierherschleppen muß.“

„Warum sollte es DICH etwas kümmern?“, gab er zurück. „Selbst für eine sentimentale Gryffindor -“

„Um Himmelswillen, hör bloß mit diesem Hausscheiß auf!“, fauchte sie.

„Wir sind nicht mehr in der Schule, Draco. Ich hätte niemanden sich selbst überlassen, der so allein und hilflos ist. Nicht einmal dich, und im Gegensatz zu Snape habe ich keinen Funken Respekt für dich übrig.“

Darauf wußte Draco keine Antwort. Sie hatte sich sehr verändert, war nicht mehr das dürre, lästige Mädchen, das er in der Schule gekannt hatte. Alles hatte sich seit damals verändert. Zu seiner Überraschung wurde ihm bewußt, daß auch er sich verändert hatte.

„Ich für dich auch nicht“, gab er ohne jede Feindseligkeit zu, „das heißt, bisher. Jetzt aber – keine Ahnung. Ich bin froh, daß jemand hier ist und sich um ihn kümmert.“

„Auch wenn ich das bin?“, fragte sie mit einem feinen Lächeln. Ein hübsches Lächeln, stellte er fest.

„Auch wenn du das bist“, antwortete er reumütig.

„Wird er – wird er wieder in Ordnung kommen? Nachdem ich ihn aufgeregt habe, meine ich.“

Hermine nickte. „Das kam schon öfter vor. Wahrscheinlich ist er jetzt wieder in der Lage, zu sprechen, und wir sollten zurückgehen, bevor er sich auf die Suche nach uns macht. Er sollte nach so einem Anfall eigentlich ruhen, aber das verweigert er immer.“

Der Klang ihrer Stimme wurde merklich weicher, wenn sie von Snape sprach. Das war eigenartig und ein wenig beunruhigend.

Draco folgte ihr zurück ins Wohnzimmer, wo Snape vornübergebeugt auf dem Sofa saß.

„Es tut mir leid“, sagte er schuldbewußt beim Anblick von Snapes immer noch sehr blassem Gesicht.

Snape schnaubte ungeduldig. „Mach dich nicht lächerlich, Draco. Du kannst wohl kaum etwas dafür, daß meine Lungen Schrott sind.“

Er lehnte sich in die Sofalehne zurück. „Ich bedauere es, Draco, daß ich dich nicht besser beschützen konnte.“ Snape ignorierte ihre überraschten Blicke.

„Wenn ich geahnt hätte, daß sie dich noch während deiner Schulzeit zu einem Todessern machen, wäre ich deutlicher geworden.“

„Ich – danke.“ Draco glaubte ihm. Snape hätte sich vor anderen (und besonders nicht vor Granger) niemals die Blöße gegeben, einen Fehler einzugestehen, wenn es ihm nicht wirklich ernst damit wäre.

„Ich sollte besser gehen. Darf ich – darf ich wiederkommen, um zu sehen, wie es dir geht?“

Snape sah überrascht auf und schenkte Draco ein seltenes, kostbares Lächeln, das nur wenige an ihm kannten.

„Das – würde mich freuen“, gab er verlegen und auch ein wenig erfreut zu. „Danke, Draco.“

oOoOoOo

Schmerz behinderte den Schlaf, doch Severus widerstrebte es, auf Schlaftränke zurückzugreifen. Hin und wieder bestand Hermine allerdings darauf, immer, wenn er mehr als zwei schlechte Nächte hintereinander gehabt hatte, ließ ihn sonst aber damit in Frieden. Sie war eine ausgezeichnete Pflegerin, wie er sich eingestehen mußte. Sie achtete seine Privatspähre und seine Würde, scheute sich aber gleichzeitig nicht davor, ihn anzutreiben, wenn es nötig war. Es grauste ihm bei dem Gedanken an Poppy Pomfrey, wenn er in Hogwarts geblieben wäre... auf ihre Weise war sie eine gute Krankenschwester, aber sie machte um alles ein endloses, riesengroßes Aufhebens. Er wäre mit Sicherheit schon nach Tagen aus dem Fenster gesprungen, nur um dem zu entkommen.

Er war wach, als ein leiser Schrei aus dem Nebenraum kam. Durch die Wand gedämpft, war er sich erst nicht sicher, bis er ihn erneut hörte. Hermine. Nun, bei diesem peinlichen Zwischenfall neulich hatte sie ja gesagt, daß er sich würde revanchieren können mit dem Aufwecken...

Er schlüpfte aus dem Bett, warf sich einen schweren, schwarzen Morgenmantel über und hinkte zur Tür. Mittlerweile schuldete er ihr diesen Dienst schon mehrfach, das eine Mal eingeschlossen, an das er sich dank des Fiebers nur vage erinnern konnte... aber die Erinnerung an sanfte, schützende Arme, die ihn hielten, während sie beruhigend summte, war klar und deutlich. Auch wenn er das ihr gegenüber nicht zugegeben hätte.

Seine Vermutung bestätigte sich, als er ihre Tür öffnete. Im Mondlicht sah er sie gegen die Decken kämpfen, die sich um ihre Beine gewickelt hatten, wimmernd und weinend protestierend.

„Nein... nein, bitte, nicht...“ schluchzte sie, mit schlaftrunkenen Händen nach der Decke greifend. „Ich kann nicht... nein... „

„Miss Granger...“ - nein. Das hatte keinen Sinn. Er begriff jetzt, warum sie das angefangen hatte. „Hermine“, rief er leise und hinkte zum Bett, „Hermine, wach auf. Es ist nur ein Traum.“

Er beugte sich vor und schüttelte sie sanft an der Schulter.

„Hermine?“

Sie setzte sich so abrupt auf, daß sie fast mit seinem Gesicht zusammenstieß. Zitternd starrte sie ihn mit weitaufgerissenen Augen an.

„Was... ich... nein!“, schluchzte sie, seine Hand wegstoßend und versuchte krampfhaft, von ihm fort zur Bettkante zu rutschen. Dann wurde sie vollständig wach und kam zu sich. Mit zitternden Händen rieb sie sich das Gesicht.

„Oh Gott“, flüsterte sie heiser, „es ist Wochen her, seit ich diesen Traum hatte.“

Sie sah zu ihm hoch. Er fragte sich, ob ihre gespenstische Blässe vom Mondlicht kam oder von ihrem Alptraum.

„Danke, daß Sie mich aufgeweckt haben, bevor...“ Ihre Lippen zitterte.

Ihre Proteste, die Art, wie sie auf seine Berührung reagiert hatte... er konnte sich nur zu gut vorstellen, was das für ein Alptraum war. Was sollte er jetzt tun? Ob Berührung sie nun noch mehr verunsichern würde? Oder tat sie gut, wie sie ihm gutgetan hatte? Unsicher nahm er auf der äußersten Bettkante Platz und versuchte, zwischen sicherem Abstand und tröstender Nähe einen Mittelweg zu finden. Verdammt, er hatte keine Ahnung, wie man jemanden tröstete!

„Sie deuteten ja an, daß das nötig sein könnte“, sagte er. „Sie haben dasselbe für mich getan, mehr als einmal. Das ist das Mindeste, was ich tun kann.“

Hermine nickte und schlang die Arme um ihren Oberkörper.

„Das ist – danke“, sagte sie leise und machte zitternde, tiefe Atemzüge, um sich zu beruhigen. Er kannte diesen Zustand gut, er hatte ihn selbst öfter erlebt, als er zählen konnte.

„Dieser Alptraum... den möchte ich lieber nicht noch einmal durchleben.“

Er nickte. „Ich kenne das Gefühl“, erwiderte er trocken. „Ich - kann ich irgend etwas für Sie tun? Vielleicht eine Tasse Tee?“

Sie schluckte krampfhaft und schüttelte den Kopf. „Nein, danke, sonst wird mir nur schlecht. Aber – bitte reden Sie einfach für einen Moment mit mir, ja? Wenn ich nicht eine Zeitlang richtig wach bin, kommt der Traum wieder.“

Severus nickte. Auch dieses Gefühl kannte er gut. Meistens las er, um darüber wegzukommen, aber Hermines irritierende Gegenwart hatte auch überraschend gut funktioniert.

„Man sagte früher, daß der Vollmond Alpträume bringt“, begann er und sah aus dem Fenster in die mondhelle Nacht, „und Wahnsinn. Manchmal sogar Weisheit...“

Er brach ab, da Hermine plötzlich weinte. Hilflose, abgehackte Schluchzer, die ihren schmalen Körper erschütterten.

„Es tut mir leid, ich weiß nicht... habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein“, keuchte sie, „nein, Sie haben nur so vollkommen normal gesprochen, das wirkte so surreal, und ich-“

Sie wandte sich blindlings zu ihm, und seine Arme schlossen sich von alleine um sie, als sie sich an ihn klammerte und weinte, ihr Gesicht an seiner Schulter vergraben.

Er hatte wenig Erfahrungen mit Tränen und noch weniger mit Trost, versuchte aber, das nachzumachen, was sie für ihn getan hatte... hielt sie behutsam im Arm und wiegte sie sanft. Er wagte nicht, sich an den beruhigenden Tönen zu versuchen, aber nicht, weil er sie nicht trösten wollte, sondern schlicht weil er keine Ahnung hatte, wie das ging.

Offenbar machte er es richtig. Sie klammerte sich an ihn, erst heftig weinend, doch ihre Schluchzer wurden langsam ruhiger und leiser, und sie entspannte sich in seiner fürsorglichen Umarmung.

„Tut mir leid“, murmelte Hermine schließlich, hob den Kopf und schniefte.

„Ich hätte mich vor Ihnen nicht so gehenlassen dürfen.“

In dem vom Mondlicht erhellten Zimmer war es viel einfacher, ehrlich zu ihr zu sein. Und zu sich selbst.

„Wenn nicht ich, wer dann?“, fragte er leise. Sie sah überrascht auf, die Augen noch tränennaß, und er schenkte ihr ein kleines, aber ehrliches Lächeln.

„Sie haben für mich dasselbe getan. Nun bin ich an der Reihe.“

„Stimmt, das habe ich.“ Hermine wischte sich mit dem Nachthemdärmel übers Gesicht, kein knappes Seidenfähnchen diesmal, sondern ein schlichtes, weiches Baumwollnachthemd.

„Ich wußte nicht, daß Sie sich daran erinnern.“

„Nicht mehr sehr deutlich“, gab Severus zu, „aber doch, ich erinnere mich. Ich hatte nur keinen Grund, es zu erwähnen.“

Sie lachte schwach. „Das kann ich mir denken“.

Sie schaute zu ihm hoch und hob die Hand. Kühle Fingerspitzen berührten sanft seine Wange.

„Wir sind beide reichlich mitgenommen, nicht wahr? Es ist leichter, das vor jemandem zuzugeben, dem das auch so geht.“

„Das ist es“, stimmte er zu. Die Berührung löste einen seltsamen Schock in ihm aus. Normalerweise ließ er sich nicht gerne berühren... das brachte zu viele schlimme Erinnerungen mit sich. Aber das hier war – fast schon angenehm.

„Und es ist eine gute Beschreibung, finde ich. Wir sind beide reichlich mitgenommen.“

„Mitgenommen, aber aufrecht“, fügte Hermine mit einem kleinen Lächeln hinzu.

„Wir sind beide dickköpfig. Keine jämmerlichen Memmen.“

Zerbrochen, aber aufrecht... der Gedanke gefiel ihm. Es beschrieb ihn gut, und sie auch, wenn er darüber nachdachte.

„Dickköpfigkeit wird unterschätzt. Ich fand sie immer recht nützlich.“

„Ich auch.“

Hermine schnüffelte. Sie langte nach seiner Hand und drückte sie kurz.

„Steht das Angebot mit dem Tee noch? Jetzt könnte ich eine Tasse vertragen.“

oOoOoOo

Von da an wurde es besser. Severus war zwar manchmal nicht weniger boshaft, doch deutlich umgänglicher als zuvor. Er war entspannter in ihrer Gegenwart, und sie brachten sogar das eine oder andere interessante Gespräch zustande, meistens über Zaubertränke... über deren Braukunst, Erfindung, über rätselhafte Beschreibungen in Büchern... Er besaß hunderte von Büchern über das Thema, und als klares Zeichen für zumindest ein überwundenes Hindernis zwischen ihnen gestattete er ihr nun, diese zu lesen.

Winky bestätigte Hermines Vermutung: der kleine, stabile Schuppen hinten im überwucherten Garten war tatsächlich ein kleines Laboratorium, innen deutlich größer als außen. Nun, da sie sich halbwegs verstanden und er langsam seinen Widerstand aufgab, könnte sie doch...

Innen war es unglaublich schmutzig. Winky hatte ein so nachdrückliches Verbot erhalten, den Schuppen zu betreten, daß sie nicht einmal wagte, einen Blick hineinzuwerfen, freigelassen oder nicht.

Ein Großteil der Ingredienzen in den Flaschen und Gläsern war eingetrocknet, verschrumpelt oder geronnen, die Konservierungszauber längst wirkungslos. Snape war schon lange nicht mehr hier gewesen.

Winky weigerte sich noch immer, einzutreten, doch kaum hatte Hermine begonnen, Kessel, Meßbecher, Flakons und diverse andere Gegenstände draußen aufzustapeln, als diese auch schon verschwanden, um aufs Gründlichste geschrubbt zu werden. Hermine schlang unterdessen ein Tuch um ihre strubbeligen Haare, öffnete die Tür und beide Fenster und erklärte Staub, Schmutz und winzigen Krabbelviechern, toten wie lebendigen, den Krieg.

Sie hatte Severus nichts von ihrem Vorhaben erzählt. Bei all den Staubwolken und der Geschäftigkeit im Haus würde er es früher oder später von alleine herausfinden. So war sie bereits eine gute Stunde zugange, als plötzlich ein Schatten die Tür verdunkelte. Hermine sah von ihren Ausgrabungen unter einem Arbeitstisch auf – Berge von Staub und Schmutz, Glasscherben und ein mumifizierter Mäusekadaver, den sie hastig mit Staub bedeckt und wegkehrt hatte. Severus starrte auf sie herab.

„Hallo“, begrüßte sie ihn strahlend.

Sein Auge verfinsterte sich. „Was wird das, wenn es fertig ist?“, fragte er eisig.

„Sauber“, lächelte sie tugendhaft. „Hier war es unglaublich schmutzig. Ich habe einen Haufen wegschmeißen müssen.“

„Wegschmei-“ Er lief violett an, und Hermine kramte hastig nach dem Atembefreiungstrank in ihrer Tasche.

„Hermine Granger, wie können Sie es WAGEN, hier herumzuschleichen und mir ins Gesicht zu sagen, daß Sie meine Besitztümer wegschmeißen!“

„Besitztümer nun nicht gerade“, meinte sie und erhob sich. Sie trug Muggelkleidung. So sehr sie den weiten, schwingenden Komfort von Roben mochte, zum Putzen taugten sie nicht besonders. Bequeme Jeans und ein langärmeliges T-Shirt waren viel praktischer.

„Zutaten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie eine gefühlsmäßige Bindung zu vertrockneten Maßliebchenwurzeln haben oder zu eingetrocknetem Froschlaich, der von innen am Glas klebt.“

Die violette Farbe ließ nach. Hermine atmete aus. Ihn zu mehr Aktivität anzuspornen war in Ordnung, einen erneuten Anfall zu provozieren jedoch nicht.

„Das – äh, das ist richtig“, räumte er widerwillig ein. „Wenn die Konservierungszauber nachgelassen haben...“

„Das haben sie.“ Hermine rümpfte die Nase. „Es roch wie ein komplettes Inventar an magischen Kreaturen, die sich hier zum Sterben verkrochen hatten.“

„Und das hätte Ihnen einen Hinweis darauf geben können, daß ich diesen Ort hier unter Verschluß halten wollte“, grummelte er und schaute sich beleidigt um, „anstelle hier im Dreck herumzukriechen und von Hand sauberzumachen...“ Seine Einstellung zu diesem unappetitlichen Muggelbrauch wurde aus seinem bissigen Tonfall deutlich.

„Ja, von Hand.“ Sie hob eine Augenbraue. „Severus Snape, wenn SIE denken, es sei eine gute Idee, in einem kleinen, maroden Gebäude irgendwelche Zaubersprüche loszulassen, in dem eine Sammlung an sehr magischen Substanzen seit wer weiß wie lange vor sich hinrottet, sind Sie nicht halb so intelligent wie ich Sie eingeschätzt habe.“

Er öffnete den Mund, schloß ihn wieder und bedachte sie mit einem Blick, den sie aus dem Zaubertrankunterricht nur zu gut kannte: Mädchen, du magst mich argumentativ ausmanövriert haben, aber das werde ich NIEMALS zugeben!

„Es gibt Wege, mit denen man – Probleme - vermeiden kann“, erklärte er von oben herab.

Er sah sich um, und seine Miene entspannte sich etwas. „Es ist schon so lange her, seit ich hier gearbeitet habe, ich habe fast vergessen, daß der Schuppen existiert“, gab er zu.

„Da der Schuppen nun einmal da ist, dachte ich mir, es sei Blödsinn, weiterhin in der Küche Tränke zu brauen. Sehr hygienisch ist es auch nicht gerade“, erklärte Hermine und folgte seinem Blick.

Einmal saubergemacht, war das ein guter Arbeitsraum. Zwar für einen größeren Menschen gebaut, aber praktisch und durchdacht eingerichtet. Sie haßte unaufgeräumte Arbeitsflächen und wußte, von seinem beständigen Triezen im Zaubertrankunterricht, daß es ihm genauso ging. „Wir haben fast nichts mehr von der Narbensalbe.“

Severus blinzelte. „Ich hatte angenommen, daß die von einem Heiler stammt“, meinte er mißtrauisch. „Die haben Sie gemacht?“

„Und sie ein wenig verbessert.“ Sie verdrehte die Augen bei seinem ungläubigen Blick. „Severus, ich war Ihre beste Schülern in Zaubertränken, schon vergessen?“ Sie bog den Kopf zurück und zeigte auf ihren Hals. „Ich wünschte nur, ich hätte die Salbe bei Ihnen schon früher anwenden können.“

Überrascht beugte er sich vor, um besser zu sehen. Sie spürte schwielige Fingerspitzen zögernd die stark verblassten Brandnarben nachfahren. „Das habe ich bisher nicht bemerkt“, sagte er leise.

„Die Narben waren nicht so schlimm wie Ihre, aber die Salbe hat viel gebracht.“ Hermine verzog das Gesicht. „Ich habe noch ein paar mehr davon.“

Und die meisten davon an Stellen, wo man sie nicht sah, was er auch ohne ihre ausdrückliche Erwähnung verstand.

„Aber mit Ihren natürlich nicht zu vergleichen.“

Severus nickte und lächelte ironisch. „Ich werde mit der Salbe weitermachen“, gab er nach. „Sie ist sehr wirksam.“ Er zögerte und gab dann seiner Neugier nach. „Was genau verwenden Sie darin?“

Ah. Er war interessiert. Hermine lächelte. „Sobald ich hier saubergemacht habe, zeige ich es Ihnen“, bot sie an. „Ich werde brauen, und Sie können zuschauen und meckern, wie in alten Zeiten.“

Severus dachte nach und schüttelte dann, ebenfalls lächelnd, den Kopf. „Nein, nicht wie in alten Zeiten. Ich bin kein Lehrer mehr, der sich mit Dutzenden von widerwilligen, schwachköpfigen Schülern abplagen muß. Aber wir könnten vielleicht zusammenarbeiten.“

Er musterte sie kritisch. „Aber denken Sie bitte nicht, Sie hätten nichts mehr zu lernen. Ich kann Ihnen versichern, daß das nicht der Fall ist.“

Hermine kicherte erfreut. „Ich weiß. Ich bin nichts als eine bescheidene Anfängerin.“ Sie versuchte, möglichst demütig auszusehen. „Immerhin eine brilliante, begabte und erfindungsreiche Anfängerin.“

Severus lachte, und Hermine fiel fast um vor Erstaunen. Sie hatte ihn noch nie aus echtem Vergnügen heraus lachen gehört, kannte nur seine bosahfte, ironische Atemgymnastik. „Und so bescheiden noch dazu“, kommentierte er trocken. „Machen Sie besser mit dem Putzen weiter.“

„Wie wärs mit etwas Hilfe?“ erkundigte sie sich.

„Auf keinen Fall.“

Er schlang seine untadelige Robe um sich und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.

„Ich bin ein kranker Mann“, sagte er ernst, „und der Staub ist nicht gut für mich. Machen Sie das besser alleine.“

Er rauschte zurück zum Haus, und Hermine schwankte zwischen dem Drang zu lachen und dem Wunsch, ihm die tote Maus nachzuwerfen. Er hatte tatsächlich gelacht und über seinen Zustand gewitzelt, und das war so wunderbar, daß sie am liebsten einen Freudentanz aufgeführt hätte.

Auf der anderen Seite hatte er sie mit der ganzen Putzerei alleingelassen, und DAFÜR hätte er die tote Maus im Genick wirklich verdient.

oOoOoOo



4. Kapitel

„Hermine muß schnell kommen!“

Winky apparierte im Eingang zum kleinen Laboratorium, wo Hermine gerade mit allergrößter Sorgfalt einen leichten Schlaftrank braute. Er lehnte Schlaftränke ab, ganz besonders die starken, aber hin und wieder hatten beide zu viele schlechte Nächte hintereinander und brauchten Abhilfe. Nun, da sie die Möglichkeiten dazu hatte, zog sie es vor, den Trank selbst herzustellen, denn so wußte sie wenigstens, daß er zuverlässig wirkte.

Vorsichtig ließ sie vier Tropfen Lavendelöl hineinfallen – für schöne Träume, und um den Geruch der Mäusemilz zu überdecken, bevor sie aufsah.

„Was gibt's, Winky?“, fragte sie und dämpfte die Flamme unter dem kleinen Kessel, bis die Flüssigkeit nur noch simmerte.

„Master Snape bewegt sich zu viel“, erklärte Winky besorgt und rang die Hände. „Eine der Narben auf seinem Rücken ist aufgebrochen und blutet. Er sagt, ich darf Hermine nichts sagen, aber Winky kann nicht helfen, und er kommt nicht hin...“

„Alberner Mensch“, seufzte Hermine resigniert. „Ich komme gleich. Bring bitte die Heilsalbe, heißes Wasser und Tücher in sein Zimmer, Winky.“ Der Trank mußte mindestens eine Stunde lang simmern, sie sollte ihn also unbesorgt alleine lassen können.

Sie stopfte ihren Zauberstab in die Tasche und eilte über den Pfad zur Hintertür. Hoffentlich war er endlich über dieses alberne Unabhängigkeitsgehabe hinweg. Sie hatte nichts dagegen, die Versorgung der unter seiner Kleidung verborgenen Verletzungen Winky zu überlassen, solange nur Salbe aufgetragen werden muße, aber das... nein.

„Severus?“, rief sie durch die geschlossene Schlafzimmertür, „Sind Sie da drin?“

Aus dem Zimmer kam ein gedämpfter Ausruf, der sehr nach einem Fluch klang. „Es ist alles in Ordnung“, antwortete er durch die Tür, „hat Winky das nicht gesagt?“

„Das ist es nicht. Sonst hätte Winky mich nicht gerufen.“

Es war noch sehr früh, kurz vor acht Uhr. Winky hatte ihm wohl gerade beim Ankleiden geholfen. „Haben Sie was an?“

Ein schnelles Rascheln war zu hören, bevor er gereizt bejahte. Sie trat ein.

Er saß, in sein Nachthemd gekleidet, im Bett und starrte sie finster an. „Hermine, ich bin vollkommen in Ordnung.“ Er hatte seine Decke schützend um sich gezogen. „Kein Grund, besorgt zu sein.“

„Oh doch. Lassen Sie sehen“, gab Hermine streng zurück. Sie hatte das plötzliche und sehr unpassende Bedürftnis, zu kichern. Wenn sie geahnt hätte, daß sie den furchteinflößenden Tränkemeister eines Tages mit mütterlicher Autorität traktieren würde, um ihn aus seinem Nachthemd zu kriegen, wäre sie vermutlich in Ohnmacht gefallen.

„Nein“. Er funkelte sie wütend an und zog seine Decke höher. „Gehen Sie fort.“

Hermine schüttelte ungeduldig den Kopf. „Nein.“

Winky erschien mit einem Tablett, warf einen Blick auf die finstere Grimasse ihres Herrn, stellte es ab und war sofort wieder verschwunden.

„Seien sie doch vernünftig, Severus“, sagte Hermine sanft. „Sie wissen genau, daß ich keine Ruhe gebe, bis die Wunde versorgt ist. Und auf Sie stürzen werde ich mich genausowenig“, fügte sie grinsend hinzu, als er mit mißtrauischem Blick von ihr wegrutschte. „Liebe Güte, Sie benehmen sich wie eine verschämte Jungfrau!“

Severus richtete sich abrupt auf und ließ die Decke los. „Ich bin keine verschämte Jungfrau!“, rief er entrüstet und lief zu ihrer Überraschung rot an. Sie hatte nicht gewußt, daß er erröten konnte.

„Ich – also gut. Wenn es unbedingt sein muß.“

Sein Nachthemd war glücklicherweise eines von der ganz altmodischen Art, wie die meisten Kleidungsstücke, die Zauberer trugen, und wurde am Hals von einer Kordel zusammengehalten. Der Ausschnitt war weit genug, daß sie es über seine Schultern streifen konnte, um an seinen Oberkörper zu kommen. Die breite, wulstige Narbe, die sich von seiner Schulter quer über seinen Rücken zog, war an zwei Stellen aufgebrochen und hatte Blutspuren auf dem Hemd hinterlassen. Hermine setzte sich auf die Bettkante, damit sie besser herankam, und zog ihren Zauberstab hervor.

„Ts ts, Sie waren zu sparsam mit der Salbe“, sagte sie vorwurfsvoll und befühlte vorsichtig die Haut um die Narbe herum. Viel zu trocken.

Severus ruckte mit der Schulter. „Nicht absichtlich“, erklärte er ruhig. „Ich – manchmal ertrage ich es nicht, berührt zu werden.“

Hermine nickte, levitierte das Tablett herbei und begann, die Risse behutsam mit warmem Wasser zu betupfen. „Ich kenne das Gefühl“, gab sie genauso ruhig zu. „Es – manchmal kommt dann die Erinnerung zurück.“

„Ja.“

Er schwieg, während sie die offenen Stellen reinigte und einen leisen, singenden Heilzauber flüsterte. Er entspannte sich dabei zusehends und kam ihrer Berührung schließlich fast entgegen, statt sie wie sonst abzuschütteln.

„Gleich fertig“, murmelte Hermine. Behutsam rieb sie die große Narbe und noch ein paar danebenliegende kleinere, mit der Salbe ein.

Die Stille zwischen ihnen wog schwer und gab dem Augenblick etwas beinahe Intimes. Sie wünschte, sie würden reden, irgend etwas Belangloses. Erst Feinde, dann Gegner, waren sie zu zurückhaltenden Verbündeten geworden, und bisher hatte sie diese Veränderung begrüßt. Doch nun wurde sie sich zum allerersten Mal bewußt, daß er ein Mann war. Ein intelligenter, entschlossener Mann mit warmer Haut und einem netten Lachen, der angenehm nach Kräutern roch.

Die Erkenntnis war beunruhigend und ihr alles andere als willkommen. Das erste Mal seit Rons Tod empfand sie jemanden als – „attraktiv“ war wohl nicht ganz das passende Wort, aber es mußte genügen. Und irgendwie fühlte es sich an, als würde sie Ron betrügen.

„Bitteschön“, sagte sie resolut, täschelte seine Schulter und erhob sich, „das war’s. Alles in Ordnung.“

Severus zog sein Nachthemd wieder hoch. „Danke“, brummte er widerwillig und rollte die Schultern. „Es fühlt sich besser an“, gab er zu. Für seine Verhältnisse war das eine Bekundung überströmender Dankbarkeit.

„Fein.“ Hermine lächelte ihm zu, konnte aber ein unbehagliches Gefühl nicht unterdrücken, als sich ihre Augen trafen. Ob er etwas bemerkt hatte? Hoffentlich nicht. Sie schätzte die tastende, langsam wachsende Freundschaft, die sich zwischen ihnen entwickelte und wollte sie nicht für einen peinlichen Moment des Bewußtwerdens riskieren.

Er nickte und erwiederte ihr Lächeln auf seine typische, snape-eske Weise.

„Wenn Sie gestatten, würde ich mich gerne ankleiden.“ Er wies mit dem Kopf zur Tür.

Sie kicherte erleichtert und stand auf. „Viel Spaß. Wenn Sie mich brauchen, ich bin im Labor.“

Severus sah ihr erleichtert nach. Sie hatte nichts bemerkt. Gut.

Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal so nackt gefühlt hatte. Nur halb bekleidet, zauberstablos und ohne die körperliche Kraft, um sie aus dem Raum zu befördern. Es war beängstigend angenehm gewesen. Ihre weichen Hände auf seiner nackten Haut hatten ihn sehr nachdrücklich daran erinnert, wie lange es schon her war, seit er einer Frau auf diese Weise nahe gewesen war. Und das noch nie mit einer Frau, der er so vertraute wie Hermine Granger.

Lächerlich. Er könnte ihr Vater sein. Er durfte zwar mit einigem Recht auf ihre Freundschaft hoffen, aber alles andere war... lächerlich. Wie gut, daß sie nichts bemerkt hatte.

oOoOoOo

In den nächsten Tagen hoffte Hermine auf eine Ablenkung von der plötzlichen und unwillkommenen Erkenntnis, daß Severus weit mehr war als ein Invalide und ihr früherer Lehrer.

Ihr Wunsch schien in Erfüllung zu gehen, als zwei Eulen eintrafen, jede mit einem Brief vom Ministerium. Sie hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Erneute Stellenangebote von verschiedenen Abteilungen, die sie bereits abgelehnt hatte – von der Mysterienabteilung bis zur Internationalen Magischen Zusammenarbeit schienen sich alle um Harry Potters intelligente Freundin zu reißen, um nicht auf weniger kluge Helden wie Longbottom zurückgreifen zu müssen. Das Gehalt hätte sie gut gebrauchen können, denn ihre mageren Ersparnisse waren sämtlich für Tränkezutaten draufgegangen. Zauberer konnten zwar recht lange ohne Geld auskommen, wenn sie Haushaltszauber beherrschten, aber früher oder später würden sie etwas brauchen.

Aber sie konnte ihn unmöglich verlassen. Nicht jetzt, wo er langsam anfing, sich zu erholen und wieder Anteil am Leben nahm. Wenn sie jetzt ging, würde er geradewegs wieder in seiner Depression versinken.

Einer der Umschläge war an sie gerichtet, der andere an Severus. Stirnrunzelnd überflog sie den ihren. Danach gab sie sich für einige Minuten einer emotionsgeladenen Aufzählung ihres kompletten Wortschatzes an Schimpfwörtern hin, dessen Umfang ihr wohl kaum jemand zugetraut hätte, von dessen Anwendung ganz zuschweigen.

Gibt acht, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen... in der Welt der Zauberer galt das gleich doppelt, denn es war hier ein Leichtes, dem Zufall aufzuhelfen, fast alles fügte sich wie von allein zum Besten und was Murpyh's Law anging...

Man lud sie als Zeugin zum Prozeß von Beatrix Lestrange, die endlich gestellt worden war und ihre Verurteilung erwartete. Anders als ihre Schwester und ihr Neffe würde sie nicht glimpflich davonkommen, dazu hatte sie zu oft getötet und es zu sehr genossen.

Ein schmaler Streifen Pergament fiel aus den Falten der Vorladung. Sie öffnete ihn beklommen.

'Liebe Hermine,

ich hoffe, es geht dir gut. Von Molly weiß ich, daß du dich um Severus Snape kümmerst, da dieser noch immer nicht genesen ist. Auch er ist als Zeuge geladen worden, und es ist wirklich wichtig, daß er erscheint, wenn er dazu in der Lage ist. Wenn du ihn dazu bringen kannst, dann tu es bitte. Wir können für euch in London eine Unterkunft organisieren. Die Eule wartet auf Anwort.

Paß auf dich auf, Hermine.

Arthur Weasley'

Hermine stieß erleichtert die Luft aus. Typisch Arthur Weasley – geradeheraus, unbeholfen, aber freundlich. Sie freute sich, daß er sie nicht brieflich ausgezankt hatte. Molly kannte natürlich die ganze Geschichte von Harry und hatte in einem langen, besorgten Brief um Erklärungen gebeten. Mit Hermines Erklärungen war sie jedoch zufrieden.

Oh, Gott – wie würde Severus das aufnehmen? Er verließ so gut wie nie das Haus und war seit ihrer Ankunft hier nicht weiter als bis zum Laboratorium gekommen. Er haßte es, wenn man ihn anstarrte, und so, wie er aussah, war das unvermeidlich. Die ganze Aufregung konnte noch dazu einen Rückfall bewirken, auch wenn es ihm viel besser ging und er seit über einer Woche keinen Anfall mehr gehabt hatte...

Einen kurzen Moment lang gab sie sich der Versuchung hin, den Brief einfach zu zerreißen und die Eule mit einer Ablehnung zurückzusenden. Nein, das ging nicht. Mit einer solchen Täuschung würde sie das bißchen Vertrauen, das er inzwischen in sie hatte, gründlich zerstören. Und wenn Arthur es für wichtig hielt, dann war es das auch.

Sie fand ihn lesend in dem kleinen Wohnzimmer. Ein gutes Zeichen, daß er sich wieder für seine Bücher interessierte. Zögernd blieb sie unter der Tür stehen, unsicher, ob sie ihn jetzt stören sollte. Er sah mit gerunzelter Stirn auf.

„Müssen Sie da herumhängen?“, fragte er gereizt. „Ich werde mich beim Lesen schon nicht überanstrengen.“

Hermine lächelte unwillkürlich. Seine beleidigenden Ausbrüche hatten aufgehört, aber seine Kauzigkeit würde er wohl nie ablegen. Es machte ihr nichts mehr aus.

„Wir sind vorgeladen worden.“ Sie reichte ihm den ungeöffneten Brief. „Das – wird vermutlich unerfreulich.“

Severus nahm den Umschlag mit kritischer Miene entgegen. „Ich habe nicht die geringste Absicht, mich irgendwohin vorladen zu lassen“, gab er zurück und begann zu lesen. Blaß, mit zitternden Händen und zusammengebissenen Zähnen ließ er den Brief sinken. „In der Tat unerfreulich“, sagte er zögernd.

„Ja.“ Sie kam ein wenig näher und berührte ihn leicht an der Schulter. „Sie müssen nicht hin“, meinte sie leise. „Sie können sich entschuldigen lassen, wenn Sie sich dem nicht gewachsen fühlen.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich muß hin.“ Er war noch immer bleich. „Ich – fühle mich dazu verpflichtet.“

Hermine pfiff auf ihrer beider Würde, ließ sich auf den Schemel neben seinem Sessel nieder und nahm seine Hand. Sie spürte sein Zittern, doch er entzog sich ihr nicht, was auf beunruhigende Weise zeigte wie aufgeregt er war.

„Ich bin ebenfalls geladen“, erklärte sie. „Mr. Weasley hat mir geschrieben, wie wichtig unsere Teilnahme ist. Warum hat er nicht gesagt. Es muß doch genug andere Zeugen geben...“

Severus holte keuchend Luft. „Und trotzdem haben Sie vorgeschlagen, daß ich hierbleiben soll“, erwiderte er, doch ohne den Vorwurf, mit dem sie noch vor ein paar Monaten gerechnet hätte.

„Ich bin davon überzeugt, daß sie sie auch ohne unsere Hilfe aburteilen können“, überlegte Hermine,

längst nicht so ruhig und gelassen, wie sie wünschte. „Aber ich wäre gerne dabei. Ich habe gesehen, wie sie tötete.“

Sie senkte den Blick. „Ron“, erklärte sie zögernd. „Aber ich lasse nicht zu, daß Sie sich unnötig gefährden.“

Die Augen krampfhaft auf ihren Schoß gerichet, kämpfte sie darum, nicht zu weinen. Sanft umfaßte er ihre Hände mit kühlem Griff.

„Wir gehen beide“, erklärte er mit beruhigend fester Stimme.

Hermine nickte blinzelnd und lächelte ihn schief an. „Mr. Weasley arrangiert eine Übernachtungsmöglichkeit für uns“, erklärte sie. „Er geht wohl davon aus, daß wir mindestens über Nacht werden bleiben müssen. Ich sage ihm Bescheid, daß wir kommen.“

„In Ordnung.“ Sein Gesicht verdüsterte sich. „Hermine, ich werde – Hilfe brauchen“, fuhr er sehr leise fort. „Ich fürchte, ich kann nicht ohne Hilfe apparieren.“

Das zuzugeben mußte seinem Stolz einen schweren Schlag versetzt haben. Hermine nickte und drückte beruhigend seine Hand.

„Natürlich, das ist kein Problem. Ich bin bereits Seite an Seite appariert.“

„Danke.“ Das Zittern ließ langsam nach, und auch seine Blässe wich. Sie spürte, daß er sich ein klein wenig besser fühlte, weil sie dabeisein würde, auch wenn er das nie im Leben zugegeben hätte. Und sich um ihn zu kümmern machte es auch für sie einfacher, diese Sache durchzustehen. Wenn sie etwas tun konnte, fühlte sie sich grundsätzlich besser.

„Kein Problem. Bellatrix ist die Letzte.“ Hermine seufzte. „Die nicht getötet oder gefaßt wurde, meine ich. Wenn die Verhandlung vorbei ist – naja, es wird nicht vorbei sein, das wird es nie. Nicht nach allem, was wir alle durchgemacht haben. Der Krieg wird für uns niemals Vergangenheit sein. Aber die Angst, daß da draußen noch jemand von denen frei herumläuft... das wird vorbei sein.“

„Ja, das stimmt“. Mit einem kleinen Seufzer lehnte er sich zurück. „Eine Art von – Abschluß, sagen die Muggel nicht so?“

„So in der Art.“ Sie nickte. „Ich gehe und schreibe Mr. Weasley und sage Winky Bescheid. Sie wird dafür sorgen wollen, daß alles frisch gewaschen und geflickt ist.“ Ein Gedanke kam ihr, der sie von der bevorstehenden Verhandlung ein wenig ablenkte.

„Ich frage mich, ob sie nicht gerne Dobby besuchen würde, während wir fort sind. Er hat sie sehr gern, wenn ich mich recht erinnere. Vielleicht haben sie Sehnsucht nacheinander.“

Serverus blinzelte und betrachtete sie leicht amüsiert. „Möglich. Aber ob sie uns je uns selbst überlassen wird? Sie pflegt recht – hartnäckig zu sein.“

„Das wird sie“, sagte Hermine zuversichtlich. „Sie vertraut mir, mich gut um Sie zu kümmern.“

Hermine hatte nicht die leiseste Ahnung, warum diese Mitteilung ihn sie so sonderbar betrachten ließ.

oOoOoOo

Severus musterte sich vor dem Spiegel. Er nahm endlich wieder ein wenig zu, sah nicht mehr ganz nach einer leeren Robe mit Kopf und Füßen aus. Glücklicherweise waren die Roben, die er außerhalb der Schule trug, so lose geschnitten, daß man ihnen nicht ansah, um wieviel sie ihm zu weit waren.

Schwarz war vielleicht nicht die beste Farbwahl, zumal man ihn vor allem als ehemaligen Todesser kannte. Auf der anderen Seite trug er immer schwarz. Das jetzt zu ändern konnte man auch als stummes Eingeständnis seiner Schuld ansehen. Außerdem würde er um Hilfe bitten müssen, wenn er die Farbe ändern wollte, etwas, das er mehr als alles andere haßte... auch wenn es bei Hermine und Winky nicht so peinlich war wie bei jemand anderem. Aber nein. Seine Robe blieb schwarz.

Seine Haare jedoch hatte er im Nacken zusammengebunden. Er hätte es zwar vorgezogen, sich dahinter verstecken zu können, aber das war heute nicht angebracht. Außerdem... je deutlicher man seine Narben sah, umso besser.

Die Verhandlung begann in drei Stunden. Er würde zweifelsohne über alles sprechen müssen. Bei seiner eigenen Verhandlung war ihm das erspart geblieben, da er zu dem Zeitpunkt bewußtlos war, und Hermine hatte nicht einmal die Hälfte gekannt. Obwohl sie seine hauptsächliche Motivation und sein Vorgehen erschreckend exakt beschrieben hatte. Wenn er nicht gewußt hätte, daß sie keine nennenswerten Legilimentik-Fähigkeiten besaß...

Er wollte nicht zu der Verhandlung gehen. Er hätte es in der Tat vorgezogen, erneut gefoltert zu werden. Aber er verdiente nichts anderes, verdiente es, für seine Taten bestraft zu werden, die er niemals würde sühnen können. Und würde heute tun, was er tun mußte.

Severus hinkte zum Schreibtisch und ließ sich in seinen Sessel fallen. Winky hatte ihm Ankleiden geholfen, und Hermine hatte ihm einen leichten Stärkungstrank verordnet, anstelle des Frühstücks, das er nicht hinunterbekommen hatte. Beide hatten jedoch Verständnis für seinen Wunsch, sich zurückzuziehen, um seine Gedanken sammeln zu können. Das allerdings fiel ihm alles andere als leicht, genausowenig wie er es schaffte, ruhig und gelassen zu werden.

Der Gedanke an die beiden so unterschiedlichen Frauen, die so beharrlich in sein Leben eingedrungen waren, brachte schließlich, wie schon zuvor, eine willkommene Ablenkung. Das irritierte ihn.

'Sie vertraut mir, mich gut um Sie zu kümmern', hatte Hermine gesagt. Ihr war das nicht merkwürdig vorgekommen, aber wie sollte es auch. Abgesehen von ihrem kindischen Ehrgeiz, die Hauselfen zu befreien, hatte sie kaum Ahnung von ihnen, im Gegensatz zu ihm. Hauselfen waren berüchtigt dafür, ihrem Herrn gegenüber äußerst besitzergreifend zu sein. Die wenigsten von ihnen trauten einem Menschen zu, sich um sich selbst kümmern zu können, von einem anderen Menschen ganz zu schweigen. Einem anderen Menschen IHREN Herrn anzuvertrauen war gänzlich unbekannt. Und doch hatte Winky nach einer Weile Hermines Vorschlag akzeptiert, während ihrer Abwesenheit Dobby zu besuchen – und ihr eine ellenlange Liste geschrieben mit genauen Anweisungen, wie ein gewisser Severus Snape genährt und versorgt werden mußte.

Dieser gewisse Severus Snape hatte Mühe gehabt, seinen Schock zu verbergen, denn Hermine behielt Recht: Winky vertraute ihr, sich um ihn zu kümmern.

Nicht ohne Grund, wie er einräumen mußte. Winky hatte sicher genausoviel mitbekommen wie er selbst: das Feldbett in seinem Zimmer, als er krank war, die unzähligen Gelegenheiten, bei denen sie ihn vor dem Fallen bewahrt hatte, wenn er stolperte, das Brauen von Salben und Tränken, die ihm Heilung und Ruhe brachten... trotz all der Gründe, die sie haben mußte, um ihn zu verabscheuen, zeigte sie recht deutlich, daß sie ihn wirklich mochte und sich um sein Wohlergehen sorgte.

Er fand das sonderbar und, wenn er ehrlich war, mehr als nur ein wenig beunruhigend, angesichts seiner neuen Wahrnehmung von ihr.

Dieser Gedankengang erwies sich beinahe so aufwühlend wie der über die Verhandlung, und Severus war geradezu erleichtert, als ihn ein Klopfen aus seinen Gedanken riß.

oOoOoOo

Er war immer noch viel zu dünn, aber sie hatte wenigstens nicht mehr den Eindruck, eine leere Robe zu umfassen.

Hermine ließ ihn los und prüfte besorgt, ob sie beide heil angekommen waren, doch es war alles in Ordnung.

„Da sind wir“, sagte sie erleichtert. „Wie fühlen Sie sich?“

„An einem Stück“, brummte er. Er war schon den ganzen Morgen schlechter Laune, wie sie auch. Diese Verhandlung würde für sie beide schwierig werden.

„Gut. Mr. Weasley wollte uns beim Brunnen treffen.“ Sie setzte sich langsam in diese Richtung in Bewegung, sorgfältig darauf bedacht, nicht zu beschützend zu wirken. Er haßte es schon genug, wenn sie es zuhause tat, hier in der Öffentlichkeit würde er ihr den Kopf dafür abreißen.

Severus' Krückstock pochte leise auf den Boden, als er ihr folgte. Hermine hatte ihn dazu überredet: kein elegantes Zierstöckchen wie das Malfoys, sondern ein stabiler, schwerer Stab aus dunkler Eiche, gut auch als Waffe einsetzbar. Er hatte erst nachgegeben, als sie ihm klarmachte, wie nützlich es sich für ihn erweisen mochte, so seine permanente Behinderung subtil zu betonen, vor allem jenen gegenüber, die zweifelten, daß er von Voldemort tatsächlich gefoltert worden war. Es verletzte seine Würde weniger, für manipulativ gehalten zu werden als zuzugeben, daß er den Stock tatsächlich brauchte.

„Der Brunnen sieht besser aus“, sagte er, als sie näherkamen.

„In der Tat“, stimmte Hermine zu. Nach seiner Zerstörung vor fast drei Jahren war der Brunnen mit einem anderen Motto wiederaufgebaut worden. Keine anbetenden Nichtmenschen und dümmlich grinsenden Schönheitsköniginnen mehr, sondern ein bärtiger Zauberer, der einen verbundenen Mann stützte, und eine ernst blickende junge Hexe, die ein schlafendes Kind im Arm hielt. Eine große Plakette am Fuß der Statuen erinnerte die Passanten daran, daß alle Spenden aus dem Brunnen an St. Mungos gingen.

„Besser, aber immer noch sentimental.“

„Hermine! Severus!“ Arthur hatte sie entdeckt und eilte ihnen entgegen. Sein Gesicht war gefurchter als zuvor, und sein ehemals rotes Haar mit mehr Grau durchzogen, als Hermine sich erinnern konnte. Aber er begrüßte sie lächenld und umarmte Hermine herzlich.

„Ich bin froh, daß ihr beide kommen konntet“, meinte er und streckte Severus die Hand entgegen. „Ich weiß es wirklich zu schätzen. Diese Verhandlung wird reichlich Aufsehen erregen, fürchte ich.“

Severus gewährte seinem früheren Verbündeten im Geiste Hauspunkte dafür, daß er bei seinem Anblick nicht zusammenzuckte, und erwiderte dessen Händedruck. „Das kann ich mir denken. Was ich nicht verstehe, ist, warum wir beide vorgeladen wurden. Es muß doch unzählige Zeugen von Bellatrix' Untaten geben.“

„Natürlich gibt es die.“ Arthur schnitt eine Grimasse. „Aber du – nun ja. Es gibt Stimmen, die der Meinung sind, daß deine Verhandlung in absentia unzulänglich war. Und ich fürchte, daß Bellatrix Lestrange dem Wink, im Austausch für ein milderes Urteil dich – und auch ihren Neffen – zu belasten, mehr als geneigt ist. Ich denke, sie würde das auch ohne dieses Angebot machen.“

Hermine griff so unauffällig wie möglich nach Severus' Arm, als er, sehr bleich geworden, schwankte.

„Ich verstehe“, antwortete er erbittert. „Und da Hermine für mich ausgesagt und die Hauptbeweislast für meine Begnadigung erbracht hat...“

„...wird sie wohl genauso durch den Schmutz gezogen wie du“, bestätigte Arthur betrübt.

„Kingsley Shacklebolt hat veranlaßt, daß ihr beide als Zeugen zur Verhandlung geladen werdet. Wir dachten, es sei besser, ihr könntet sie belasten, anstatt ihr die Chance zu geben, euch in Abwesenheit anzuschwärzen.“

„Danke.“ Hermine preßte die Lippen zusammen. „Ich gehe das lieber frontal an, als diffusen Gerüchten ausgeliefert zu sein.“

„Das gilt auch für mich“, sagte Severus, wobei er sich ein klein wenig in ihren Griff lehnte und sich von ihr stützen ließ.

Arthur nickte. „Das dachte ich mir. Nun, nichts für ungut, Severus, aber dein Erscheinungsbild wird dir ebenfalls nicht schaden.“ Er warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. „Nur wenige wissen, wie schwer du verletzt worden bist. Man kann dir sicher nicht vorwerfen, daß du zu Unrecht behauptest, gefoltert worden zu sein.“

„Das hoffe ich doch“, stimmte Severus zu und holte tief Luft, während er sich aufrichtete.

„Wo findet die Verhandlung statt?“

„Gerichtssaal eins. Es ist eine öffentliche Verhandlung, es sind schon eine Menge Leute da. Natürlich auch sämtliche überlebende Ordensmitglieder.“ Er nickte ihnen ermutigend zu. „Und Ginny wollte Dumbledores Armee zusammentrommeln. Alte Schulfreunde von dir, Hermine, nicht wahr?“, fragte er. „Ihr werdet also nicht ohne Unterstützung im Publikum sein.“

„Danke, Mr. Weasley.“

Hermine hatte über die Jahre gelernt, sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen, wenn sie sie auch selbst nicht kontrollieren konnte. Sie war sich sicher, ruhig und gefaßt zu wirken. Innerlich jedoch war ihr gründlich schlecht.

Was für ein Alptraum erwartete sie da! Ein Alptraum mit erschreckend vielen Zeugen.


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Kapitel 5-10


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