Disclaimer: Das
Hogwarts-Universum und seine Figuren sind
geistiges Eigentum von J.K. Rowling. Ich habs mir nur ein bißchen
ausgeliehen.
A/N: Diese
Geschichte war mein Beitrag zur Harry
Potter Märchen-Crossover-Challenge
der Schreiberlinge. Zu meiner großen Freude wurde sie auf den
ersten Platz gewählt.
Meiner
Beta, TheVirginian, innigsten Dank!
Der Trank des
wunderbaren Traumes
von Alcina vom Steinsberg

An einem bitterkalten Dezembertag stand
ein kleiner Junge in einem Winkel der Nokturngasse. Schnee fiel in
dicken Flocken auf die kleine, zerlumpte Gestalt, die eine Phiole in
der Hand hielt und mit hoffnungslosen Augen auf die vorbeihastenden
Gestalten blickte.
„Somnius Admirabilis! Der Trank des
wunderbaren Traumes! Nur fünf Sickel die Phiole!“ rief er mit
dünner Stimme, „kauft den Trank des wunderbaren Traumes!“
Severus Snape schlug sich zitternd die
Arme um den mageren Körper. Seine abgetragene Robe war zu
dünn
für die Kälte, einen Umhang besaß er nicht. Es war
der letzte Tag des Jahres, und die Dämmerung brach bereits
herein. Die wenigen Menschen, die noch unterwegs waren, hatten es
eilig und schenkten ihm keine Beachtung. Heute feierten alle, da
brauchte wohl niemand seinen Trank, dachte er bekümmert.
Gewöhnlich dauerte es nicht lange, bis er die wenigen Phiolen
des kostbaren und seltenen Trankes verkauft hatte, den seine Mutter
braute.
Somnius Admirabilis, der Trank des
wunderbaren Traumes, war schwierig herzustellen und stand zudem auf
der Liste der verbotenen, schwarzmagischen Tränke, doch das
scherte hier in der Nokturngasse niemanden. Die Zutaten waren
kostspielig, weshalb man damit nicht viel verdienen konnte. Doch es
hatte bisher immer ausgereicht, um die Haushaltskasse aufzubessern,
wenn der Vater wieder einmal den Lohn vertrunken hatte.
Doch nun war der Vater arbeitslos,
schon seit Monaten, und die Mutter war krank. Das Haus war eiskalt,
es gab nichts zu essen, und gestern hatte er den Muggelarzt holen
müssen, der nun auch sein Geld wollte. Sein Vater erlaubte keine
magische Heilerin im Haus.
Severus war erst zehn Jahre alt, doch
er ging seiner Mutter schon lange zur Hand und konnte Tränke
brauen, seit er an den Arbeitstisch heranreichte. So hatte er sich
nun auch an dem Somnius Admirabilis versucht und stand nun hier, um
ihn zu verkaufen.
Er hätte stolz sein können,
daß er diesen schwierigen Trank geschafft hatte, doch er hatte
nur Sorgen um die Mutter, die so schmal und blaß war und Blut
hustete.
„Somnius Admirabilis! Nur fünf
Sickel die Phiole!“ rief er verzweifelt. Immer weniger Hexen und
Magier waren unterwegs, es war dunkel geworden, und er hatte noch
keinen Sickel verdient.
Severus starrte auf die Phiole in
seiner Hand. Trank des wunderbaren Traumes? Pah! Ein Wunder, das
brauchte er jetzt in der Tat, doch das gab es nicht. Nicht für
ihn, das Halbblut mit dem Muggelvater, der Junge aus der Gosse,
dessen Mutter sie mehr schlecht als recht durchbrachte, weil der
Vater es nicht schaffte. Den Jungen den niemanden mochte, weil er
häßlich war und arm, weil er nicht wußte, wie man
spielt, und weil er immer das Falsche sagte. Er hätte oft so
gerne mitgespielt, aber er begriff nicht, was er tun sollte, und so
stießen sie ihn fort. Lachten über seine seltsame
Kleidung, die oft schmutzig war, wenn die Mutter kein Geld hatte
für
Seife oder kein Wasser zum Waschen erhitzen konnte, weil es keine
Kohlen gab. Wie gerne würde er selbst einmal so einen
wunderbaren Traum erleben! Doch der Trank war zu kostbar, und seine
Mutter hatte es ihm verboten. Hatte ihm erklärt, daß der
Traum für ihn gefährlich war. Ob er für die Käufer
auch gefährlich war, das fragte er lieber nicht.
Plötzlich spürte er, wie nass
er vom Sitzen im Schnee geworden war. Ihm war so kalt, daß er
dachte, er würde nie wieder warm werden können. Wieder fiel
sein Blick auf die Phiole und auf die leere Straße um ihn
herum. Kein Mensch weit und breit, niemand war da, der ihm vielleicht
etwas abkaufen würde. Keine Kohlen für zuhause, kein
Essen... er zog den Stöpsel heraus und leerte die Phiole mit
einem tiefen Zug.
Wärme. Er
spürte Wärme. Überrascht öffnete er die Augen. Er
mußte wohl eingeschlafen sein, dachte Severus und rappelte sich
vom Sofa auf. Sofa? Staunend strich er mit der Hand über den
samtigen Bezug des weichen, dick gepolsterten Möbels. Sie hatten
doch überhaupt kein Sofa? Wo war er nur? Er sah sich um.
Richtig, das war die Küche im Haus seiner Eltern. Doch noch
während er sich umsah, begann die Küche, sich zu verwandeln
und wurde zu einem Salon, so, wie ihn der Lehrer hatte. Ein Zimmer
nur zum Sitzen und Lesen, mit Bildern an den Wänden und Regalen
voller Bücher und einem Kamin, der so groß war, daß
er darin hätte stehen können. Im Kamin brannte ein
loderndes Feuer, größer und heißer als alles, was
Severus je erlebt hatte. Er stand auf und ging zum Kamin, hielt die
Hände über die Flammen und freute sich an der Hitze, die
diese ausstrahlten.
Dann ließ
er sich auf dem dicken, weichen Teppich nieder, der davor lag,
umschlang seine Knie mit den Armen und starrte sinnend ins Feuer. Wie
schön war das doch! Wie herrlich warm und gemütlich! So ein
Zimmer wünschte er sich für seine Mutter. Er wußte,
daß sie das kannte, vom Haus ihrer Eltern, doch dort war er
noch nie gewesen. Mutter! Wenn sie es doch nur auch so warm hätte
wie er... unwillkürlich wandte er den Kopf, wie um nach ihr zu
schauen. Doch da stand sie ja! Seine Mutter stand vor dem hohen
Bücherregal und nahm einen dicken Band heraus. Sie trug
hübsche
Kleider und sah fröhlich und gesund aus.
„Wie ist es,
Severus, wollen wir weiterlesen?“ fragte sie ihn lächelnd und
setzte sich neben ihn auf den Kaminvorleger. Severus nickte eifrig
und schmiegte sich an sie. Sein Blick fiel auf seinen Vater, der in
einem Sessel saß und las.
Las? Sein Vater? Ein Buch noch dazu? Severus schüttelte verwirrt
den Kopf und wurde gewahr, daß der Traum zuende war. Seufzend
rappelte er sich auf. Sein Vater las nie, nicht einmal die Zeitung,
nur die Ergebnisse der Pferderennen. Warum er die las, verstand
Severus nicht – sein Vater wettete zwar immer, aber gewonnen hatte
er noch nie.
Severus trat auf die
Gasse hinaus und sah sich um. Dort hinten ging
jemand, und von der anderen Seite hörte er Schritte. Mit frisch
aufkeimender Hoffnung holte er eine neue Phiole hervor und hielt sie
hoch.
„Somnius Admirabilis! Nur fünf
Sickel die Phiole! Frisch gebraut und garantiert wirksam!“ rief er
erneut. Die Herannahenden hasteten vorbei, ohne ihm Beachtung zu
schenken.
„Der Trank des wunderbaren Traumes!
Nur beste Zutaten!“
Seine Stimme klang schrill vor Angst.
Er MUSSTE einfach etwas verkaufen. Die Mutter brauchte so dringend
Nahrung und Wärme!
Eine weitere Gestalt hastete vorbei. In
seiner Not trat Severus ihr in den Weg und zupfte am Umhang des
großen Magiers.
„Bitte sehr, Sir, nur fünf
Sickel, der Trank des wunderbaren Traumes! Beste Qualität!“,
flehte er.
Der Magier zog verächtlich die
Oberlippe hoch und stieß ihn beiseite. „Finger weg, du
dreckiger Bengel! Hat man denn nirgendwo seine Ruhe vor euch Pack!“
Severus stolperte nach hinten und fiel
in den Schnee, Tränen in den Augen. Schniefend fuhr er sich mit
dem Ärmel durchs Gesicht. Was sollte er nur tun? Wieder war die
Gasse menschenleer, es wurde immer später. Müde sackte er
in sich zusammen. Wieder war ihm eiskalt, und nun nagte auch noch der
Hunger. Er hatte schon lange nichts mehr gegessen. Der Vater hatte
kein Geld mehr, und die letzten Sickel, die Severus verdient hatte,
waren für die Medizin der Mutter gewesen. Der Apotheker, bei dem
er die Zutaten für seine Mutter kaufte, tauschte sie ihm immer
in Muggelgeld. Er wußte, daß ihn dieser dabei betrog,
doch sonst hatte er keine Möglichkeit, an Muggelgeld zu kommen.
Zu Gringotts brauchte er nicht zu gehen, die tauschten so kleine
Beträge gar nicht erst.
Severus nahm eine Handvoll Schnee und
schob sie sich in den Mund, um den Hunger zu betäuben. Gleich
darauf mußte er feststellen, daß das keine gute Idee
gewesen war, denn nun wurde ihm noch kälter, und sein Magen
knurrte umso vernehmlicher. Er biß sich auf die Lippen und
wickelte sich fester in seine Robe. Wenn er doch nur eine Phiole
verkaufte, dann konnte er ein paar Kartoffeln und Brot kaufen, genug,
um den ärgsten Hunger zu stillen. Wieder starrte er auf die
Phiole in der Hand, und wieder zögerte er erst und dachte an
das Verbot seiner Mutter. Doch wie beim ersten Mal zog der den
Stöpsel heraus und stürzte die Phiole hinunter. Nur noch
einmal, nur noch ein kurzes Mal der Kälte und dem Hunger
entfliehen! Er wollte so gerne wieder zurück in das warme
Zimmer, wo seine Mutter gesund war und ihm auf dem Kaminvorleger eine
Geschichte vorlas.
Doch diesmal war er nicht in dem
warmen Salon mit dem großen Feuer. Statt dessen fand er sich in
einer riesigen Halle wieder, die keine Decke hatte. Er schaute er
hoch und entdeckte, daß die Decke verzaubert war und so aussah
wie der Himmel draußen. Klare Sterne funkelten von ihr
herunter. Staunend betrachtete er vier endlos lange Tische, die mit
unzähligen Tellern gedeckt waren und voller Platten und
Schüsseln standen, die jedoch alle leer waren. Da gingen die
großen Tore auf, und Unmengen Kinder kamen herein. Severus
wurde einfach mitgezogen und fand sich schließlich vor einem
der Gedecke wieder, zwischen zwei Kindern sitzend, die ihm freundlich
zulächelten. Der Teller vor ihm glänzte, als ob er aus Gold
wäre. Gold! Plötzlich wußte er, wo er war. Das war
die große Halle von Hogwarts, von der ihm seine Mutter
erzählt
hatte. Und richtig klatschte nun jemand in die Hände, und
plötzlich waren alle Schüsseln und Platten gefüllt.
Severus gingen die Augen über.
Da gab es Dinge, die er noch nie im Leben gesehen hatte! Daneben
Platten voller Braten, Koteletts und Würste, ganze Schinken, von
denen daumendicke Stücke wie von Geisterhand abgeschnitten
wurden – tatsächlich von Geisterhand, wie er feststellte, als
ihm die durchscheinende Gestalt zunickte, bevor sie weitersäbelte.
In anderen Schüsseln waren Bratkartoffeln und Klöße,
bunt gefärbter, duftender Reis, etwas, das der Junge neben ihm
Nudeln nannte, und goldgelber, buttriger Kartoffelbrei. Auf
dreieckigen Tellern lagen Hühnerbeine und Pasteten in den
seltsamsten Formen, es gab Sandwichs, große, gebackene
Kartoffeln und kleine Schüsseln mit Gemüsen und gebackenen
Bohnen. Vor Severus' erstaunten Augen füllten sich die Platten
und Schüsseln immer wieder auf, sobald jemand etwas davon
genommen hatte. Beherzt griff er zu und futterte sich glücklich
durch alles, was in seiner Reichweite stand.
Doch kaum war der erste Hunger
gestillt, mußte er an seine Mutter denken. Ob er ihr wohl etwas
mitbringen könnte? Er wollte gerade den Jungen neben sich
fragen, als der Mann, der vorhin in die Hände geklatscht hatte,
aufstand und etwas sagte. Severus sah auf und erblickte im selben
Moment seine Mutter, die an dem Tisch mit den Lehrern saß und
ihm fröhlich mit einer Hühnerkeule zuwinkte. Auf ihrem
Teller türmte sich das Essen wie auf seinem. Zufrieden wandte er
sich wieder seiner Portion zu und konnte sich nun beruhigt den Bauch
vollstopfen.
Als er schließlich seinen
Teller wegschob, hob er erneut den Blick, um nach seiner Mutter zu
schauen. Doch sie war nicht mehr
da, und an ihrer Stelle funkelte ihn
sein Vater wütend an.
„Du hast zwei
Tränke verbraucht, das wären zehn Sickel gewesen!
Nichtsnutziger Bengel!“
Severus hob den
Arm, um sich vor dem Schlag seines Vaters zu schützen, als er
bemerkte, daß der Traum zuende war und er wieder im Schnee in
der Nokturngasse saß. Diesmal blieb er sitzen, er war zu
müde,
um sich auf die Füße zu kämpfen. Nach der
hellerleuchteten Halle seines Traumes legte sich die Dunkelheit wie
ein schwerer Schatten auf ihn. Die Gasse war wie leergefegt, und nun
waren auch die letzten Lichter in den Häusern ringsum erloschen,
oder die Läden waren vor die Fenster geklappt worden. Nur der
Schnee hatte aufgehört zu fallen, und Severus sah oben zwischen
den Dächern ein paar Sterne am Himmel funkeln.
Wenn seine Mutter
nicht wäre, würde er einfach hierbleiben. Oder weggehen,
weit fort... Severus verstand einfach nicht, warum seine Mutter den
Vater geheiratet hatte. Er war eigentlich immer schlechter Laune, und
wenn er betrunken war, schlug er zu. Dauernd schrie er die Mutter an,
es ging um Geld und die Nachbarn und darum, daß der Bengel
etwas Anständiges werden sollte, nicht so eine Mißgeburt
von Zauberer, wie sie es war. Als ob er so werden wollte wie sein
Vater! Wenn der Arbeit hatte, schuftete er sich in der Fabrik den
Rücken krumm, und am Monatsanfang ging er zum Pferderennen und
vertrank den größten Teil seines Lohnes mit seinen
Kumpeln. Dann kam er nach Hause, und wehe, wenn ihm etwas quer kam.
Wenn er Severus in seiner Robe erblickte, oder gar dabei erwischte,
wie er mit dem Stab seiner Mutter übte, dann setzte es was. Aber
auch, wenn die Mutter vor ihm etwas Magisches tat, holte er aus. Er
traf sie nicht oft, sie war immer schneller, doch dann bekam Severus
es zu spüren, wenn er sich nicht schnell genug duckte.
Die Mutter hatte
ihm von Hogwarts erzählt, der Schule für magische Kinder,
auf die sie gegangen war, und hatte ihm erzählt, daß er
dort eines Tages auch zu einem großen und mächtigen
Zauberer werden würde. Aber Severus wußte nur zu gut,
daß
das nur ein Traum war, wie so viele Träume, die die Mutter
träumte. Sie besaßen nicht genug Geld, um ihn nach
Hogwarts zu schicken. Er würde nie richtig zaubern lernen und
einen Abschluß der Schule haben. Und ohne diesen Abschluß
konnte er nicht als Zauberer leben, das wußte er. Trotzdem
wollte er nicht in die Fabrik gehen wie sein Vater. Der Apotheker,
bei dem er die Zutaten für seine Mutter kaufte, gab ihm manchmal
ein paar Knuts, wenn er den Hof fegte, und hatte gemeint, daß
er vielleicht bei ihm Gehilfe werden könnte, wenn er sich nicht
dumm anstellte. Darauf hoffte Severus. Wenn er gut aufpaßte als
Gehilfe beim Apotheker, konnte er viel lernen und vielleicht eines
Tages selbst Apotheker werden. Einen Zauberstab würde er nicht
bekommen, aber der Apotheker führte kein schlechtes Leben, hatte
ein Haus und immer satt zu essen und genug Kohlen im Keller. Das war
sein eigener Traum. Hogwarts, das war wie ein Märchen, ein
Traum, in dem man sich flüchtete, wenn es zu unerträglich
wurde zuhause, aber kein Traum, der je wahr werden konnte. Nicht
für
ihn, das bettelarme Halbblut.
Severus begann am
ganzen Körper zu zittern vor Unterkühlung. Es hatte keinen
Sinn, er würde heute nichts mehr verkaufen. Und selbst wenn er
noch einen Kunden fände, jetzt würde er nirgendwo mehr
Kohlen oder Brot bekommen. Besser, er ging nach Hause, um nach der
Mutter zu sehen. Wenn er ihr seine Decke gab, fror sie vielleicht
nicht so. Und vielleicht war der Vater nicht zuhause, dann konnte er
ihr eine Geschichte erzählen, daß sie den Hunger nicht so
merkte. Er konnte ihr von den Träumen erzählen, die er
erlebt hatte...
Ein feines
Lächeln
zog sich über sein Gesicht, und er steckte die Hand in die
Tasche. Eine letzte Phiole war noch darin. Wenn er die nicht
verkaufte, hatte er kein Geld mehr, um neue Zutaten zu kaufen. Das
durfte er nicht. Severus versuchte sich aufzurappeln, doch es gelang
ihm nicht, so steif war er von der Kälte und vom Sitzen im
Schnee. Auch seine Hand gehorchte ihm kaum, als er nun die letzte
Phiole herauszog und betrachtete. Das durfte er nicht tun, er
mußte
neue Zutaten kaufen...
Ich gehe morgen zum Apotheker und
fege ihm den Hof. Ich fege ihm die ganze Gasse, wenn er mir dafür
nur ein paar Knuts gibt für ein Stück Brot. Und dann bitte
ich ihn um Vorschuß für die Zutaten. Er weiß,
daß
ich den Trank braue und daß ich ihn gut braue.
Ungeschickt
öffneten seine steifen Finger die letzte Phiole. Seine
empfindsame Nase sog den Geruch des Trankes ein, identifizierte mit
Leichtigkeit die Zutaten, die darin verarbeitet waren. Leonotis,
Artemisia und Mandragora – Löwenohr, Absinth und Alraune, das
waren die Hauptzutaten, die einem die herrlichen Träume
bescherten. Er hob die Phiole an die Lippen und schluckte.
Er war zuhause, in der Küche.
Ein dunkler Schatten vor dem Fenster, ein großer Vogel klopfte
mit dem Schnabel ans Glas. Seine Mutter beeilte sich, zu öffnen
und die Eule hereinzulassen. Diese hüpfte vor Severus auf den
Tisch und legte einen dicken, cremefarbenen Umschlag vor ihn hin, den
sie im Schnabel getragen hatte. Dann breitete sie die Schwingen aus
und war auch schon wieder verschwunden. Staunend berührte
Severus den Umschlag mit den Fingerspitzen, strich über das
dicke, edle Papier – nein, Pergament, es war Pergament! -, und
befühlte das grüne Siegelwachs mit dem großen Wappen.
„Das ist dein Brief, Severus, dein
Brief für Hogwarts!“ rief seine Mutter stolz und strich ihm
über den Kopf. Sein Brief?
„Aber ich kann doch gar nicht nach
Hogwarts gehen, Mutter!“ erwiderte er traurig, den Brief zwischen
den Händen drehend. „Wir haben kein Geld dafür, und der
Vater will, daß ich in die Fabrik gehe.“
„Papperlapapp!
Du gehst nach Hogwarts!“ Entschieden stellte sie den Topf mit den
Kartoffeln auf den Tisch. „Ich habe dem Apotheker das Rezept für
den Trank verkauft. Nun haben wir genug Geld dafür.“ Sie
streckte die Hand aus.
„Zeig mal.“
Zögernd reichte Severus ihr den
Brief. Sie strich andächtig mit den Fingern darüber und
lächelte.
„Ja, das ist dein Hogwarts-Brief.
Ich bin ja so stolz auf dich! Mach ihn auf!“
Severus zögerte erneut, bevor
er schließlich das Siegel erbrach.
Hogwarts Schule
für
Hexerei und Zauberkunst
Schulleiter: Albus
Dumbledore
(Orden des Merlin,
Erster Klasse, Großz., Hexenmst.,
Ganz Hohes Tier,
Internationale Vereinig. d. Zauberer)
Sehr geehrter Mr.
Snape,
wir freuen uns, Ihnen
mitteilen zu können, daß Sie an der
Hogwarts-Schule
für
Hexerei und Zauberkunst aufgenommen sind.
Beigelegt finden Sie -
Severus fuhr erschrocken
zusammen, als ihm das Pergament aus der Hand gerissen wurde.
"Gib das her!“ rief
sein Vater zornig, der unbemerkt hereingekommen war. Mit gerunzelter
Stirn überflog er den Brief und warf ihn dann in den Herd, wo er
in lodernde Flammen aufging.
„Zaubererschule!
Unsinn! Der Junge geht in die Fabrik und verdient Geld! Hör
endlich auf, ihm deine verrückten Ideen einzureden, Eileen!“
Den Schürhaken, mit
dem er die Herdklappe geschlossen hatte, in der Hand, machte er einen
Schritt auf die Mutter zu. Doch wo sie sonst immer zurückgewichen
war, wenn der Vater sie bedrohte, blieb sie nun stehen, den Kopf
trotzig erhoben.
„Severus ist magisch
wie ich, Tobias. Er wird ein großer Zauberer werden! Er hat
nichts verloren in deiner schmutzigen Fabrik.“
Mit vor Wut dunkelrot
angelaufenem Gesicht kam Tobias Snape näher, den Schürhaken
drohend erhoben.
„Du wagst es, mir zu
widersprechen, Weib? Du Mißgeburt?“
Doch Eileen wich nicht
zurück.
„Es reicht mit deinem
Drohungen, Tobias, und mit deinen Schlägen! Begreif endlich,
daß
du uns nichts anhaben kannst!“
Da hob der Vater den Arm
und schlug zu.
„Nein,
nein, NEEEEEEIIIIIN!!!“
Severus
kam zu sich, aus vollem Halse schreiend. Dieser Traum war nicht mehr
schön gewesen, er hatte ihm Angst gemacht. Er war so real, der
Vater, der die Mutter schlug... ein trockener Schluchzer stieg in ihm
auf, als er an die Worte des Muggeldoktors dachte. Die Mutter war
todkrank, sie brauchte beste Pflege, Wärme und gutes Essen...
und nun hatte er den letzten Trank getrunken und konnte kein Geld
mehr damit verdienen! Nun ließ er den Tränen freien Lauf,
konnte das Schluchzen nicht mehr unterdrücken, als er seine Knie
umklammerte und sich verzweifelt wiegte.
„Junge!
Was sitzt du denn da im Schnee?“
Severus
fuhr beim energischen Klang der Stimme hoch. Vor ihm stand eine
hochgewachsene Hexe in einem dicken, dunkelgrünen Umhang, einen
spitzen Hut auf dem Kopf und eine viereckige Brille auf der Nase. Mit
ihrem Zauberstab leuchtete sie auf ihn hinunter. Er zog schniefend
die Nase hoch.
Das
Licht erlosch, ein leises Wispern deutete auf eine Bewegung des
Stabes hin, und er war trocken und halbwegs warm. Mühsam
rappelte er sich auf und wischte sich die Nase mit dem Ärmel ab.
„Verzeihung,
Madam“, murmelte er mit gesenktem Kopf, „ich bin wohl
eingeschlafen.“
„Und
hattest einen bösen Traum, so, wie du geschrieen hast“,
stellte die Hexe trocken fest. Wieder leuchtete ihr Stab. Ein
Glitzern auf dem Boden zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie
bückte
sich rasch danach und betrachtete die Phiole in ihrer Hand dann mit
zusammengezogenen Augenbrauen.
„So
so, verkaufst Tränke, in der Nokturngasse!“
Resolut
steckte sie ihren Stab in den Ärmel zurück und hatte, ehe
Severus richtig begriffen hatte, ihn auf den Arm genommen und ihren
Umhang um ihn geschlungen. Er war so verblüfft, daß er
sich nicht wehrte. Sie drehte sich einmal um sich selbst, und es
machte laut „Plopp!“.
Severus
blinzelte in die plötzliche Helle um ihn herum. Was war denn nun
passiert? Wo war er nur?
Langsam
gewöhnten sich seine Augen an die Helligkeit, und er erkannte
die große Halle wieder, die er in seinen Träumen gesehen
hatte.
„Hogwarts? Das ist Hogwarts?“
Sie
nickte lächelnd und ließ ihn wieder auf den Boden. „Ja,
das ist Hogwarts. Tibby!“ Laut klatschte sie in die Hände. Ein
runzeliges kleines Wesen mit riesigen Augen und spitzen Ohren
erschien. Das mußte ein Hauself sein, dachte Severus, er hatte
bisher noch nie einen zu Gesicht bekommen. Die Hexe bestellte
heißen
Kakao und ein reichliches Mahl, dann zog sie ihn vor einen der
großen
Kamine, in dem ein loderndes, helles Feuer brannte. Severus schaute
sich staunend um. Es sah genauso aus wie in seinem Traum! Nur die
langen Tische waren jetzt leer und sauber, und außer ihnen
beiden war niemand anwesend.
Die
Hexe
schwenkte ihren Stab, ließ zwei bequeme Sessel vor dem Feuer
erscheinen und drückte ihn in einen davon hinein. Dann kam die
Hauselfe mit einem Becher Kakao und einem reichgefüllten Teller
und stellte beides vor ihn auf einen kleinen Tisch, der aus dem
Nichts erschien. Severus ließ sich nicht lange bitten. Becher
und Teller füllten sich immer wieder, bis er schließlich
nicht mehr konnte. Satt und inzwischen wohlig durchwärmt schob
er den Teller von sich.Die
Fremde, die mittlerweile ihren Umhang und Hut abgelegt hatte und nun
in einer blaugrün karierten Robe vor ihm saß, hatte ihm
dabei zugesehen.
„So,
mein Junge, und nun erzählst du mir mal, was du mitten in der
Nacht in der Nokturngasse machst und warum du Schwarzmagische
Tränke
bei dir hast!“
Erst
zögernd, doch dann immer flüssiger begann er zu
erzählen.
Von den Träumen wollte er nichts erzählen, doch sie bestand
darauf, und schließlich kannte sie seine ganze, traurige
Geschichte. Als er geendet hatte, griff sie nach seiner Hand und
drückte sie.
„Wie
gut, daß das nur Träume waren, Mr. Snape! Nichts davon war
Wirklichkeit. Sie begreifen nun wohl, warum Ihre Mutter Sie davor
gewarnt hat. Aber nun wird etwas geschehen.
Natürlich
werden Sie in Hogwarts zur Schule gehen, Ihr Brief liegt schon
bereit. Über das Schulgeld brauchen Sie sich keine Gedanken zu
machen, Sie bekommen einen Freiplatz. Und Ihre Mutter bringen wir
umgehend nach St.Mungo, dort wird man ihr helfen können.“
„Aber
mein Vater, er will nicht-“
„Ihr
Vater, mein Junge, ist auch nur ein Mensch. Ein Mensch mit Träumen
und Sehnsüchten, die sich nie erfüllt haben. Es ist nicht
leicht für einen Muggel, mit einer Hexe zusammenzuleben. Und es
ist nicht leicht für einen Mann, wenn er seine Familie nicht
ernähren kann. Ihre Eltern haben sich einmal geliebt, aber Armut
und Sorgen machen die Menschen unglücklich. Aber sie können
noch einmal neu anfangen, wenn man ihnen ein wenig hilft.
„Sind
Sie – sind Sie eine denn Fee, die das kann?“ wollte Severus
ehrfürchtig wissen.
Die
Hexe
lachte. „Merlin
bewahre! Nein, ich bin nur eine simple Lehrerin. Aber manchmal ist es
ganz gut, wenn man zaubern kann und ein wenig von der Welt gesehen
hat.“
Ende
A/N:
Natürlich kann man nicht wirklich nach Hogwarts apparieren, aber
im Märchen ist so Manches möglich. Die Pflanzen für
den Trank habe ich nach Klang ausgewählt mangels phytologischer
Kenntnisse, ich erhebe keinerlei Anspruch auf korrekte Kombination
und Verwendung ;o).